Der syrische Junge Mohammad im Camp in Kahramanmaras
Der syrische Junge Mohammad im Camp in Kahramanmaras
Syrische Frauen vor der Essensausgabe im Flüchtlingslager
Syrische Frauen vor der Essensausgabe im Flüchtlingslager

09.03.2015

Die Situation syrischer Flüchtlinge in der Türkei ist aussichtslos "Ich erwarte, dass ich hier sterben werde"

Mehr als 1,6 Millionen Syrer sind seit Beginn des Aufstands gegen Assad vor vier Jahren in die Türkei geflohen. Sie sind dem Bürgerkrieg entkommen, und ihr Gastland versucht nach Kräften, ihnen zu helfen. Trotzdem ist die Lage der Flüchtlinge oft hoffnungslos.

Mohammads Berufswunsch mag für einen elfjährigen Jungen nicht ungewöhnlich sein. Die Gründe dafür, warum er Arzt werden will, sind es schon: "Ich will die Kämpfer operieren, die in Syrien gegen Baschar kämpfen", sagt Mohammad. Vor den Soldaten von Präsident Baschar al-Assad ist Mohammads zwölfköpfige Familie vor drei Jahren aus der syrischen Stadt Homs in die Türkei geflohen. "Mein größter Wunsch ist es, zurück nach Syrien zu gehen", sagt der ernste Junge. "Wenn ich an mein Zuhause denke, wenn ich an die Bäume denke, wo ich gespielt habe, dann fange ich an zu weinen."

Mehr als 3,8 Millionen Syrer sind seit Beginn des Aufstands gegen Assad an diesem Sonntag vor vier Jahren aus ihrem Land geflohen. Mohammad gehört zu den gut 1,6 Millionen, die in der Türkei Zuflucht fanden, kein anderes Land bietet mehr Syrern Schutz. Zum Vergleich: Deutschland hat die Aufnahme von insgesamt 20 000 Syrern zugesagt. Die Türkei lässt sich die Hilfe viel kosten - nach Regierungsangaben bislang mehr als fünf Milliarden Dollar. Man könne die politische Führung in Ankara für vieles kritisieren, sagt ein westlicher Landeskenner. "Aber da muss man wirklich den Hut ziehen."

Kinder, Frauen und Alte in der Mehrzahl

Mohammad und seine Familie sind in einem Flüchtlingslager am Rande von Kahramanmaras untergekommen. Das Zentrum der südosttürkischen Stadt, in der die Bundeswehr mit Patriot-Raketen gegen etwaige syrische Luftangriffe stationiert ist, liegt vier Kilometer vom Camp entfernt. Mehr als 17 000 Syrer sind in den gut 3300 akkurat aufgereihten weißen Zelten untergekommen. Die meisten der Bürgerkriegsflüchtlinge sind Kinder, Frauen oder Alte.

2,8 Millionen Dollar koste der Unterhalt des Camps jeden Monat, sagt der Vizegouverneur der Provinz Kahramanmaras, Ferhat Kurtoglu. "Es ist eine große humanitäre Krise." Eine Krise, von der keiner weiß, wann sie zu Ende gehen könnte. Kurtoglu wünscht sich mehr Hilfe durch westeuropäische Staaten für die Flüchtlinge in der Türkei. "Wir brauchen wirklich mehr Unterstützung", sagt er.

Erfolgreiches Scheckkartensystem

Hungern muss niemand im Camp. Früher wurden die Campbewohner mit drei warmen Mahlzeiten am Tag versorgt. Inzwischen gibt es ein neues Konzept, das nach Angaben des UN-Welternährungsprogramms (WFP) 70 Prozent kostengünstiger und viel beliebter bei den Flüchtlingen ist: Die Familien werden mit Scheckkarten versorgt, auf die das WFP und die türkische Katastrophenschutzbehörde Afad pro Monat insgesamt 82 Lira (knapp 30 Euro) pro Angehörigem laden.

Im Camp haben Händler zwei Läden errichtet, die die Karten akzeptieren. Miete müssen sie keine bezahlen, dafür müssen sie ihre Waren 13 Prozent unter dem Marktwert anbieten. Die Läden orientieren sich mit ihrem Angebot am Geschmack der syrischen Kundschaft, so ist etwa das noch warme Fladenbrot nach syrischer Art gebacken. Das Angebot erinnert an einen normalen Supermarkt - und erweckt nicht den Eindruck, dass hier mittellose Flüchtlinge versorgt werden.

Die 30-jährige Nasrin aus der umkämpften Stadt Aleppo steht an der Kasse, heute kocht sie ihrer Familie ein vegetarisches Gericht mit Auberginen, Zwiebeln und Reis. "Einmal die Woche mache ich Fleisch oder Huhn", sagt sie. "Ich mag das System. Wir wählen aus und entscheiden, was wir kochen und was wir essen."

Medizinische Versorgung ist gesichert

Auch die medizinische Versorgung der Flüchtlinge ist gesichert. Ein Feldlazarett haben die Türken ins Camp gebaut, wer dort nicht behandelt werden kann, wird zu Fachärzten in die Stadt gebracht - alles auf Kosten des türkischen Steuerzahlers. Knapp 4300 Kinder besuchen die Schule in der Mitte des Camps, in der zwölf türkische und 132 syrische Lehrer unterrichten, letztere nach dem syrischen Lehrplan. 160 Kinder gehen in den Kindergarten.

Der elfjährige Mohammad, der einmal Arzt werden will, kommt gerade aus der Schule, als er auf die deutschen Besucher trifft - denen er danach kaum noch von der Seite weicht. Er lädt sie schließlich ein, das Zelt der Familie zu besichtigen. Die Notunterkunft liegt in der Nähe von Sanitäranlagen, eine blaue Plane dient als Zaun und Sichtschutz um das Gelände des Zelts.

Die Katastrophenschutzbehörde Afad hat jedes Zelt mit Kochgelegenheit, Kühlschrank, Heizkörper und Ventilator ausgestattet, auch der Strom kostet die Flüchtlinge nichts. Mohammads Unterkunft ist mit roten Teppichen ausgelegt. Im mittleren der drei Abschnitte steht ein Fernseher, über Satellit kann die Familie arabische Sender empfangen. Matten dienen als Sitz- und Schlafgelegenheiten. An einer Zeltwand hängt ein Bild von Mekka, der heiligsten Stätte der Muslime.

Keine Arbeitserlaubnis

Mohammads Vater Marwan Al-Sain ist aus dem Zelt gekommen, als er die Besucher gehört hat. In Syrien sei er Busfahrer gewesen, sagt der 53-Jährige, voller Stolz erzählt er von dem Mercedes-Bus, den er einst quer durch sein Land steuerte. "Jetzt mache ich nichts." Syrische Flüchtlinge haben keine Arbeitserlaubnis. Auch wenn die Behörden oft wegschauen, ist es für sie schwer, einen Job zu finden.

Geld habe er keines mehr, sagt Al-Sain. Alles, was die Familie in Homs besessen habe, sei zerstört. Nicht verloren hat Al-Sain zumindest seinen Humor: Mitten im Gespräch kommt seine Frau Raida zum Zelt, er nimmt sie in den Arm und drückt ihr vor den Besuchern plötzlich einen dicken Kuss auf die Backe. Die 45-Jährige schreit erschreckt auf, dann lachen beide herzhaft.

Das Lachen kann allerdings über die Hoffnungslosigkeit der Lage nicht hinwegtäuschen. Keiner der Flüchtlinge weiß, ob und wann er seine Heimat wiedersehen wird. Niemand glaubt, dass der Krieg in Syrien bald enden wird. "Ich habe keine Hoffnung, dass ich zurückkehren kann", sagt Al-Sain. "Ich erwarte, dass ich hier sterben werde."

Al-Sain ist dankbar dafür, Zuflucht im Flüchtlingslager gefunden zu haben. "Den Menschen außerhalb der Camps geht es schlechter", sagt er. Tatsächlich leben nur 255 000 der mehr als 1,6 Millionen syrischen Flüchtlinge in der Türkei in den 25 Lagern, die die Regierung inzwischen errichtet hat und von denen viele bis zum Anschlag voll sind. Einige Flüchtlinge wollen allerdings gar nicht in die Camps - etwa aus der Sorge darüber, dass ihre Mädchen dann in unmittelbarer Nähe zu Jungen anderer Familien leben müssten.

Die meisten Syrer in der Türkei versuchen vor allem, sich in Städten im Südosten oder in Millionenmetropolen wie Istanbul durchzuschlagen. Viele von ihnen haben in Gaziantep Zuflucht gesucht, die Stadt liegt etwa eine Stunde Autofahrt südlich von Kahramanmaras. "Es wäre natürlich falsch zu sagen, dass wir keine Probleme haben", sagt der Vizegouverneur der Provinz Gaziantep, Nursal Cakiroglu. "Aber wenn Sie bedenken, dass jeder Zehnte hier auf den Straßen inzwischen ein Syrer ist, dann kommen wir ziemlich gut zurecht."

Zwei Zimmer für neun Menschen

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef schätzt, dass zwar 90 Prozent der syrischen Kinder in den Camps zur Schule gehen, aber nur 20 Prozent derjenigen außerhalb der Lager. Auch die Flüchtlinge in den Städten kommen zwar in den Genuss kostenloser medizinischer Versorgung, Miete und Strom müssen sie aber selber zahlen.

Sabiha Mustafa lebt mit Ehemann und sieben Kindern in einer Zweizimmerwohnung in Gaziantep. Nur einer der Räume ist mit einem Ofen beheizt, die Kohle stellt die Gemeinde. In Aleppo war ihr Mann Schneider, nun verdingt er sich als Tagelöhner - wenn er jemanden findet, der ihm Arbeit gibt. Die 40-Jährige nagelt in der Wohnung rote Schnallen an weiße Sandalen. Am Tag verdiene sie damit umgerechnet etwa 70 Euro-Cent, sagt sie. Die Miete habe sich seit ihrer Ankunft vor drei Jahren auf knapp 90 Euro verfünffacht.

"Es ist sehr schwierig, hier zu überleben", sagt Sabiha Mustafa über das Geschrei eines Neugeborenen hinweg, das kurz zuvor geimpft wurde. Einige Türken würden den Flüchtlingen vorhalten, dass sie Arbeit und Essen wegnähmen und die Mieten in der Stadt hätten explodieren lassen. Dennoch sei sie natürlich dankbar, dass die Türkei sie und ihre Familie in der Stunde der Not aufgenommen habe.

Finanzierungslücke in Millionenhöhe

In der Nähe von Sabiha Mustafas Wohnung liegt eine der drei Essensausgaben, an denen in Gaziantep insgesamt 4000 syrische Flüchtlinge an sechs Tagen pro Woche ein warmes Mittagessen bekommen. Wenn sich die Tür zur Ausgabe öffnet, kommt es zu Rangeleien. Die Portionen sind klein, die Verärgerung ist groß. "Wir halten das für eine Beleidigung", sagt der 54-Jährige Mohammad Hassan aus Aleppo.

Die Syrer, die hier anstehen, haben von dem Scheckkarten-System in den Camps gehört. WFP und Afad wollen das Konzept auch für Flüchtlinge außerhalb der Camps einführen. Fehlende Spenden und eine daraus resultierende Finanzierungslücke in Millionenhöhe zwingen das WFP aber dazu, das Programm später beginnen zu lassen - und in deutlich kleinerem Umfang als geplant.

Umm Sakaria gehört zu den Frauen, die auf die Hilfe der Essensausgabe angewiesen ist. Ihr Ehemann hat sie mit fünf Kindern in Gaziantep sitzengelassen, sich in den Libanon abgesetzt und dort eine neue Frau genommen. "Unsere Familien leiden", sagt die 48-Jährige. "Wir haben nur eine Bitte: Bringt uns nach Hause und stoppt den Krieg."

Can Merey
(dpa)

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