Grundschule
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Johannes-Wilhelm Rörig
Johannes-Wilhelm Rörig

07.11.2014

Missbrauchsbeauftragter kritisiert neue Sexualpädagogik "Das Schamgefühl ist ein wichtiger natürlicher Schutz"

In Baden-Württemberg, NRW und Niedersachsen wird über neuen Formen der Sexualkunde an Schulen diskutiert. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, warnt in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vor einer Grenzüberschreitung.

KNA: Herr Rörig, wie beurteilen Sie die Debatte?

Johannes-Wilhelm Rörig: In dieser Debatte wird aktuell leider vieles vermengt. Empfehlungen in den Bildungsplänen, das Thema Vielfalt fächerübergreifend in der Schule zu behandeln - und hiermit ist nicht nur die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensgemeinschaften, sondern auch anderer Religionen, Ethnien und Kulturen gemeint - wurde kurzerhand gleichgesetzt mit einem wissenschaftlichen Beitrag zur Sexualpädagogik.

An einigen Stellen überschreitet dieser eindeutig die persönlichen Grenzen von Mädchen und Jungen. Dadurch wird Sexualpädagogik, die auch für den Schutz der Kinder und Jugendlichen vor sexueller Gewalt wichtig ist, zu Unrecht in Misskredit gebracht.

Es ist wichtig, dass heranwachsende Mädchen und Jungen Akzeptanz und Toleranz gegenüber der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität anderer lernen. Das gehört für mich zu einer modernen Sexualpädagogik dazu.

KNA: Worauf gilt es dabei zu achten?

Rörig: Sexualpädagogik sollte Kindern und Jugendlichen altersangemessen und entwicklungssensibel Wissen über Sexualität vermitteln. Sie darf Mädchen und Jungen nicht verwirren oder verstören. Schamgefühl und Intimität der Kinder und Jugendlichen müssen dabei jederzeit respektiert werden. Das Schamgefühl ist ein wichtiger natürlicher Schutz für Mädchen und Jungen vor sexuellen Übergriffen und signalisiert ihnen, wann Grenzen verletzt werden.

KNA: Welche Rolle spielt die Altersentwicklung bei den Inhalten?

Rörig: Im Unterricht muss klar zwischen der Sexualität von Kindern und Jugendlichen und der Sexualität von Erwachsenen unterschieden werden. Sexualpädagogik sollte das Thema nicht restlos ausleuchten und auch nicht über alle denkbaren Details und sexuellen Praktiken und Vorlieben der Erwachsenensexualität informieren. Kindern und Jugendlichen darf keinesfalls ihr Recht genommen werden, ihre eigenen Erfahrungen ihrer individuellen Entwicklung entsprechend zu machen.

KNA: Wo sehen Sie die Gefahr von Grenzüberschreitungen?

Rörig: Wenn Mädchen und Jungen beispielsweise in der Klasse dazu aufgefordert werden, vor Mitschülern über ihre Sexualerfahrungen zu sprechen. Das überschreitet die Intimsphäre der Kinder und Jugendlichen. Dasselbe gilt, wenn Schüler dazu aufgefordert werden, gemeinsam körperliche Erkundungsübungen zu machen. Das setzt sie unangemessen unter Druck.

KNA: Was muss Sexualpädagogik dann vermitteln?

Rörig: Sexualpädagogik sollte eine Orientierung geben und eine Sprachfähigkeit zu sexuellen Themen und Vorgängen angemessen und altersgemäß vermitteln. In präventiver Hinsicht ist dies sehr wichtig. Wenn Sexualität für Kinder unaussprechlich ist, können sie sich auch bei sexuellen Übergriffen niemandem anvertrauen.

Wissensdefizite werden von Tätern gerne genutzt. Minderjährige müssen wissen, dass Erwachsene nicht sexuell übergriffig werden dürfen. Sie sollten klar zwischen Sexualität und sexueller Gewalt unterscheiden können.

KNA: Was sollte sie noch deutlich machen?

Rörig: Die Vermittlung des positiven Werts der Sexualität sollte im Vordergrund stehen. Dazu gehört auch das Thema eines verantwortungsvollen Umgangs mit der eigenen Sexualität, Respekt vor dem anderen, Vertrauen und Beziehungsfähigkeit. Sexualpädagogik sollte auf kindliche Neugierde oder Fragen und Unsicherheiten eine Antwort haben. Und sie darf nicht zu einer Gefahrenabwehrpädagogik werden, in der nur noch die "schlimmen" Themen besprochen werden wie HIV oder ungewollte Schwangerschaft.

KNA: Eine bestimmte Richtung in der Sexualpädagogik setzt auf die bewusste Verunsicherung der sexuellen Orientierung.

Rörig: Ich begrüße eine grenzwahrende moderne Sexualpädagogik, die unterschiedliche sexuelle Orientierungen und Lebensformen benennt und akzeptiert. Mädchen und Jungen aus Regenbogenfamilien müssen ihre Realität auch in der Sexualpädagogik wiederfinden können. Außerdem dürfen Kinder und Jugendliche bei zunehmender Sexualisierung durch Werbung und digitale Medien mit ihren Verunsicherungen und Fragen nicht alleine gelassen werden.

Es ist enorm wichtig, dass Mädchen und Jungen gerade wegen der Gefahr, ein Übermaß von sexualisierten Botschaften durch die neuen Medien zu erfahren, ein achtsamer Umgang mit Sexualität aufgezeigt wird.

KNA: Hat das auch Auswirkungen auf das Verhältnis von Kindern und Jugendlichen untereinander?

Rörig: Experten aus der Beratungsszene berichten mir, dass sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen und Kindern immer wieder auch als Nachahmungshandlung stattfinden. Kinder übersetzen die Konfrontation mit pornografischen Inhalten zum Beispiel im Umkleideraum und spielen sie nach. Oder sie stellen Übergriffe via Smartphone in die sozialen Netzwerke ein - mit ebenfalls schweren Folgen für die Kinder, die Opfer werden.

Ein Grund liegt darin, dass die Kinder und Jugendlichen in ihrer Entwicklung mit solchen Inhalten oft völlig überfordert sind. Hier sind die Schulen in der Pflicht aufzuklären und Regeln für den Umgang miteinander zu formulieren.

Christoph Scholz
(KNA)

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