Rupert Neudeck mit Kindern an Bord des Rettungsschiffes Cap Anamur
Rupert Neudeck mit Kindern an Bord des Rettungsschiffes Cap Anamur
...Rupert Neudeck als Vorbild
Rupert Neudeck

14.05.2014

Neudeck wünscht sich zum 75. Geburtstag einen Marathon in Gaza Grenzgänger und Lebensretter

Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisationen Cap Anamur und Grünhelme, ist 75 Jahre alt. Im domradio spricht er über eine illegale Tour durch den Sudan, seine Zeit bei den Jesuiten und seine Hoffnung für den Gaza-Streifen.

domradio.de: Sind Sie an Ihrem Geburtstag auch wieder auf dem Globus unterwegs, um sich für Menschen und Menschlichkeit einzusetzen?

Rupert Neudeck: Nein, ich bin in der Wahner Heide (Naturschutzgebiet bei Köln, Anm. d. Red.). Da muss man mal einfach durch den Wald laufen, der ist jetzt in der Sommerzeit am schönsten.

domradio.de: Sie haben als Mudschahedin verkleidet eisige Hochgebirgspässe überwandert, um von Pakistan nach Afghanistan zu gelangen oder mit einem Medikamententransport sind Sie zehn Tage Richtung Südsudan marschiert mit Heiner Geißler und Norbert Blüm - sind das zwei der eindrücklichsten Dinge, die Sie getan haben?

Neudeck: Das letzte war sicherlich das gewaltigste, was je ein deutscher Politiker mit uns gemacht hat. Heiner Geißler und Norbert Blüm hatten sich tatsächlich am 13. Dezember 1999 aufgemacht, und wir sind total illegal durch die Nuba-Berge mitten im Sudan gegangen. Das waren 3-4 Tage hin und 3-4 Tage zurück. Und dort hatten wir eine gewaltige Vesper. Diese Menschen haben bisher von der menschlichen Zivilisation nichts gehabt - keine Straßen, keine Autos, sie hatten kein Geld. Nichts, aber waren trotzdem glücklich, dass sie endlich mal von jemandem wahrgenommen wurden auf dieser Welt. Ziel des Besuches war das Hospital von Cap Anamur, das wir dort gebaut haben, in einem Unterstand, um es nicht zum Zielobjekt von den Bombardierungen aus Khartum werden zu lassen. Dieses Hospital, das muss ich leider erzählen, ist vor einer Woche bombardiert worden. Gott sei Dank sind die Mitarbeiter schon vorher evakuiert gewesen, aber das Hospital, der Operationssaal sind kaputt.

Also das war mit eine der dramatischsten radikalen Aktionen, die wir außerhalb der Legalität der Welt gemacht haben.

domradio.de: Sie sind jemand, der den Bedürftigen nah sein möchte und Menschen helfen will. Woher kommt diese Motivation?

Neudeck: Weil sie ein unglaublich schöner Beweis dafür ist, dass wir auf dieser Welt gleich sind. Kinder Gottes sind. Wenn ich sehe, wie Menschen in den Nuba-Bergen von den Bergen heruntergekommen sind, nur um uns die Hand zu geben - das war so ein wunderbares Willkommen! Man erlebt diese Menschen in einer Gastfreundschaft, wie wir sie uns in Mitteleuropa überhaupt nicht mehr vorstellen können. Bei unserer abgezirkelten sicherheitsbewährten Nachbarschaft, die immer durch Zäune, durch Türen und durch Schlösser abgesichert ist. Die Unmittelbarkeit des Kontaktes von Mensch zu Mensch - das kann man in dieser Welt noch erleben! Deshalb lässt man den Menschen nicht nur etwas zukommen von unserem Wohlstand, wie medizinische Hilfe, Aspirin und Milchpulver, sondern man hat auch ganz viel davon.

domradio.de: Sie sind auch einmal Novize gewesen im Jesuitenkloster, haben Askese und Fasten und all das durch gemacht und dem später den Rücken gekehrt. War das gut, dass Sie gesagt haben, nein, ich mache was anderes?

Neudeck: Das weiß ich gar nicht. Das war ja ein Zwangsgrund. Ich bin damals sehr krank geworden, so dass ich damals schon sehr stolz und eitel war und wollte von dem Orden nicht durchgefüttert werden. Dort bin ich nach zwei Jahren, praktisch vor der Profess, rausgegangen. Aber das war keine Abwendung von der Spiritualität. Im Gegenteil, ich habe die Jesuiten und die jesuitische Lebensweise auf dieser Welt immer sehr bewundert. Große wichtige Freunde von mir sind weiter Mitarbeiter in der humanitären Hilfe, wie ein Bischof, der in meinem Kurs war, der jetzt in Simbabwe aushalten muss mit einem furchtbaren Diktator, der um seiner Ecke lebt.

Also ich habe das nie bedauert, das war eine ganz wichtige Zeit. Das hat mich gelehrt, dass man bei großen Dingen, die man vorhat, einen ganz langen Atem haben muss und man darf sich nicht von dem nächsten Wind aus der nächsten Ecke umwenden lassen.

domradio.de: Sie haben 2003 die Grünhelme gegründet, junge Muslime und Christen zur gemeinsamen Aufbauarbeit nach Afghanistan oder in den Irak geschickt - warum ist Ihnen diese Interreligiosität auch wichtig?

Neudeck: Ganz wichtig wurde sie nach dem 11. September 2001 - vorher natürlich auch schon - aber da hatte sie eine dramatische Note bekommen, weil die politische Welt es wieder nötig fand, einen neuen Weltfeind zu bekommen. Nach dem Ende des Kommunismus in der Sowjetunion begann damals dieser Weltfeind, der kreiert wurde, in einer wunderbaren monotheistischen Weltreligion, die mit uns mit den Christen soviel zu tun hat wie auch mit den Juden. Das fanden wir ungerecht und falsch. Deshalb haben wir gesagt, wir müssen jetzt nicht eine neue Akademie gründen, eine neue Vorlesungsreihe, eine neue Buchreihe für die Versöhnung unter den Christen und den Muslimen, sondern wir stellen diese Arbeit vor. Die Arbeit ist offen für junge Menschen guten Willens aus beiden Religionen und auch diejenigen, die keiner anhängen. Das war die Gründungsurkunde der Grünhelme.

domradio.de: Was wünschen Sie sich zu Ihrem Geburtstag?

Neudeck: Ich möchte gerne den Marathonlauf am Gaza-Streifen noch bewältigen, vielleicht die Hälfte oder Zweidrittel davon. Der Gaza-Streifen hat eine Mittelmeerküste von genau 42 Kilometern. Das ist die Marathonstrecke. Ich möchte gerne, dass wir das in den nächsten Jahren irgendwann schaffen. Das würde voraussetzen, dass die Besatzung durch Israel vorbei ist und das wird auch irgendwann sein.

Das Interview führte Uta Vorbrodt

(DR)

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