Begonnen hatte die Berichterstattung exakt zwei Wochen vor Heiligabend mit der Veröffentlichung eines Interviews des Speyerer Bischofs Karl-Heinz Wiesemann in seiner Kirchenzeitung "Pilger". Danach ist davon auszugehen, dass sich der frühere Generalvikar und Offizial Rudolf Motzenbäcker des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht hat. Drei Betroffene erheben demnach unabhängig voneinander Vorwürfe, weil sie zwischen 1963 und 1975 von dem 1998 verstorbenen Priester über längere Zeit missbraucht worden seien.

Eine andere Qualität fügte dem Fall ein Urteil des Darmstädter Sozialgerichts vom Mai hinzu. Darin wird über viele Seiten die dramatische Kindheit eines 1957 geborenen Mannes geschildert, der in der Speyerer Engelsgasse eine "Zeit des ständigen Missbrauchs" erlebte und nach eigenen Angaben "hochgerechnet 1.000 Mal" vergewaltigt wurde. In dem Zusammenhang kommen die Niederbronner Schwester ins Spiel, denen das Opfer die Schuld für sein Leiden zuschreibt.

Orden gerät in den Mittelpunkt des Interesses

Diese ersten Veröffentlichungen fanden bald in Texten der KNA, in Onlineportalen und Regionalzeitungen Niederschlag. In den Tagen danach kümmerten sich mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", der "Süddeutschen Zeitung" und dem Internetauftritt des "Spiegels" auch die deutschen Leitmedien um den Fall, das Interesse wuchs.

Marktführer dpa stieg am 17. Dezember ein, begrenzte die Berichterstattung aber auf die Vorgänge in Speyer. Vor allem geht es dpa um Wiesemanns Aufruf, dass sich weitere Opfer ohne Angst bei den unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Diözese melden könnten. Die Niederbronner Schwester kommen im dpa-Text nicht vor.

Der Orden gerät bei anderen Medien allerdings zunehmend in den Mittelpunkt des Aufklärungsinteresses. In Journalistenkreisen ist bekannt, dass eine große süddeutsche Zeitung seit Monaten sehr intensiv recherchiert. Gut möglich ist, dass sich auch andere Medien weiter stark mit dem Fall befassen. Es kann deshalb als ausgeschlossen gelten, dass der Jahreswechsel einen Schlussstrich bedeutet.

Befeuert wird das Recherche-Interesse sicher auch durch Aussagen des Speyerer Missbrauchsopfers, wonach neben Klerikern auch Politiker und Honoratioren sich an den Kindern vergangen haben sollen. Die Wahrheitsfindung ist jedoch schwierig, da es außer den mutmaßlichen Opfern kaum andere lebende Zeitzeugen gibt.

Michael Jacquemain

KNA