Dr. Wolfgang Picken
Dr. Wolfgang Picken

17.11.2020

Gastkommentar zur Missbrauchsaufarbeitung Entschiedenheit und totale Transparenz

"Die Kirche hat schwere Zeiten vor sich", konstatiert Wolfgang Picken angesichts des Missbrauchsskandals. Es helfe aber nicht, darüber zu klagen, so der Bonner Stadtdechant. Vielmehr sei etwas ganz anderes nun wichtig, betont er im Gastkommentar.

Vieles scheint in der Kirche gegenwärtig im Argen zu liegen. Die Gesamtsituation wird man als kritisch bewerten müssen. Die Aufklärung des Missbrauchsskandals in Deutschland, nicht zuletzt die Wirren um das Gutachten, das für das Erzbistum Köln beauftragt worden war, zeigen deutliche Spuren.

Aneinanderreihung von Fehleinschätzungen

Die in einigen Diözesen bereits zum Abschluss kommenden, unabhängigen Untersuchungen über die Verantwortung der Verantwortlichen fördern unangenehme Wahrheiten zu Tage. Es ist eine Aneinanderreihung von Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen. Auch muss der Eindruck entstehen, manche Bischöfe und ihre Personalverantwortlichen hätten sexuelle Übergriffe bewusst verschleiert und vertuscht, statt den Tätern aus den Reihen des Klerus konsequent zu begegnen und sie aus dem Dienst zu nehmen.

Fast überall wurde es offenbar versäumt, den Opfern mit Verständnis und Mitempfinden zu begegnen und sie bei der Bewältigung der Missbrauchserfahrungen zu unterstützen. Stattdessen schildern Betroffene, sie seien Einschüchterungsversuchen und Bagatellisierungen ausgesetzt gewesen. Nicht wenige Opfer wurden so ein zweites Mal zum Opfer, nämlich eines Systems, das die Täter schützt und die Opfer stigmatisiert und isoliert.

Viele Details machen fassungslos. Manche Fallschilderungen kann man kaum lesen, ohne Entsetzen und tiefen Ekel über das zu empfinden, was ganz offensichtlich geschehen ist. Was haben Kinder und Jugendliche aushalten und ertragen müssen? Worte und Bekundungen können das nicht heilen. Man mag kaum glauben, dass Verantwortliche weggesehen haben und dem nicht mit Entschiedenheit begegnet sind. So konnten sich Straftäter etablieren und immer wieder neu an Minderjährigen und Schutzbefohlenen vergreifen.

Sicher wird man die Reaktion mancher Verantwortungsträger in den sechziger Jahren anders bewerten müssen, als die Vertuschung jüngerer Jahre. Lange Zeit war nicht nur in der Kirche jedes Sprechen über Sexualität tabuisiert. Man ging nicht zwingend davon aus, dass die Neigung zum sexuellen Missbrauch in die Persönlichkeit der Täter eingewoben ist. Man dachte, die Vergehen seien situativ bedingt. Entsprechend nahmen viele Verantwortliche wohl an, es sei mit Ermahnungen, der Willensbekundung der Täter, so etwas nicht mehr zu tun, und einer Versetzung getan.

Aus heutiger Perspektive ist aber nicht nachzuvollziehen, dass sich dabei nicht die grundsätzliche Frage ergab, ob jemand, der so etwas zu tun im Stande ist, weiterhin als Priester tätig sein kann. Total schockierend, dass selbst der Wiederholungsfall selten zu solchen Überlegungen einen Anlass bot.

Herzlosigkeit und fehlende Empathie

Ebenso wenig lässt sich nachvollziehen, dass die Bischöfe sich in keiner Weise der Opfer annahmen. Wie kann eine Institution, die sich zur Seelsorge besonders an den Verletzten und Geschundenen berufen fühlt, an der Not ausgerechnet dieser Opfer vorübergehen, die im Raum der Kirche so schrecklich misshandelt wurde. Diese Herzlosigkeit und fehlende Empathie erschüttert. Dass Ähnliches nun aber auch noch geschehen konnte, nachdem die Wissenschaft längst erwiesen hatte, dass die Neigung zu sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in der Persönlichkeit begründet liegt, und zudem auch im kirchlichen Recht zum Missbrauch durch Kleriker klare Regelungen getroffen waren, kann nur noch empören.

Verständlich, dass diese Feststellungen unendlich viele Fragen aufwerfen und die Glaubwürdigkeit der Kirche zutiefst erschüttern. Es darf nicht wundern, wenn von Seilschaften und Männerbünden die Rede ist und der Verdacht geäußert wird, die Lebensform der Priester und die Organisationsstruktur der Kirche seien dafür ursächlich. Selbst gutachterliche Stellungnahmen formulieren diese Anfragen und synodale Prozesse befassen sich mit ihnen.

Manche Reaktionen scheinen zu kurz gegriffen und zu schnell ausgesprochen. Die hergestellten Zusammenhänge sind nicht immer nachgewiesen. Gelegentlich macht es sogar den Anschein, der Missbrauchsskandal werde instrumentalisiert, um auf diesem Wege alte Reformanliegen durchzusetzen.

Auch mag man darauf hinweisen, dass das Phänomen des sexuellen Missbrauchs zu Unrecht nahezu ausschließlich mit der katholischen Kirche in Verbindung gebracht werde. Die jüngsten Missbrauchsmeldungen in Nordrhein-Westfalen oder der aufgedeckt Kinderpornographiering mit 30.000 Beteiligten im Bergischen Land, nicht zuletzt aber auch Untersuchungen über Missbrauch in Familien, in Vereinen und Bildungseinrichtungen machen offenkundig, dass wir es mit einem Problem zu tun haben, das überall in der Gesellschaft erschreckend präsent ist. Es ist nicht einmal nachgewiesen, dass Missbrauch in der Kirche häufiger vorkommt als an anderen Orten. Aber eine solche Argumentation muss zum gegenwärtigen Zeitpunkt wie eine Verteidigungsstrategie erscheinen und auf die Opfer wie eine zusätzliche Verletzung wirken.

Die Kirche muss sich an ihren hohen moralischen Ansprüchen messen lassen und entsprechend tabu- und schonungslos aufklären und präventiv handeln. Das ist nicht nur vom Erzbistum Köln, sondern von allen Diözesen gleichermaßen zu erwarten. Auch erscheint es als Verpflichtung, alles Denkbare zu tun, um den Opfern die Unterstützung zu leisten, die sie benötigen. Sich das abbetteln zu lassen, ist unwürdig. Und die Kirche wird aushalten und mit Verständnis wahrnehmen müssen, wenn Bewertungen und Urteile ungerecht erscheinen. Es ist eine nachvollziehbare Reaktion auf Vergehen, die sie, die Kirche, mitverschuldet. Die Kirche hat schwere Zeiten vor sich. Es hilft nicht, darüber zu klagen. Man muss sich dem stellen und so darauf vertrauen, verlorengegangenes Vertrauen wiederzugewinnen.
 
Mit freundlichen Grüßen

Dr. Wolfgang Picken

(DR)

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