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Symbolbild Missbrauch in der Kirche
Oliver Vogt
Oliver Vogt, Leiter des Instituts für Prävention und Aufarbeitung (IPA) von sexualisierter Gewalt

01.10.2020

Institutsleiter Vogt über die Missbrauchsaufarbeitung im Erzbistum Köln "Hier müssen klar Verantwortliche benannt werden"

Im März wurde die Vorstellung der Ergebnisse einer groß angelegten Studie über Missbrauchsfälle im Erzbistum Köln kurzfristig abgesagt. Oliver Vogt, Experte für Prävention und Aufarbeitung, hofft weiter auf eine Veröffentlichung.

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie das persönlich aufgenommen, dass im März diese Pressekonferenz so kurz vorher abgesagt wurde und die Ergebnisse der Kanzlei bis heute ja nicht veröffentlicht worden sind?

Oliver Vogt (bis Ende Oktober Leiter des Instituts für Prävention und Aufarbeitung (IPA) sexualisierter Gewalt, ehemaliger Missbrauchsbeauftragter im Erzbistum Köln): Ich habe das sehr bedauert, weil ich mich sehr dafür eingesetzt habe, dass diese Untersuchung und diese Studie gemacht werden, weil ich glaube, dass es nur mit einer absoluten Transparenz und einer Klarheit in den Verantwortungen geht. Die rechtlichen Gründe, die zu der Absage geführt haben, kann ich nicht bewerten. Ich bin kein Jurist. Ich kann mich da nur auf die Aussagen der Juristen verlassen, dass es scheinbar so gravierend war, dass man diese Veröffentlichung verschoben hat.

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es zwingend notwendig ist, dass die Namen genannt werden, weil das zu einer umfassenden und klaren Aufarbeitung dazugehört. Es nützt nichts, hier zu versuchen, Dinge unter den Tisch zu kehren. Über diese Phase sind wir in der katholischen Kirche und in der Bundesrepublik hinaus. Hier müssen klar Verantwortliche benannt werden.

DOMRADIO.DE: Das heißt, sie gehen da quasi mit Kardinal Woelki, der ja auch sagt: Alle Namen gehören hier auf den Tisch?

Vogt: Absolut.

DOMRADIO.DE: In den Medien hatte man nach der Absage dann schnell einen Sündenbock ausgemacht. Es hieß, dass der Hamburger Erzbischof Heße vorhabe, gegen diese Veröffentlichung zu klagen. Dazu muss man wissen, dass dieser lange Zeit im Erzbistum Köln verantwortlich für das Personal war. Was glauben Sie, ist an dieser Sache dran?

Vogt: Also einen Sündenbock auszumachen, das ist sicherlich viel zu kurz gegriffen. Sündenbock ist, finde ich, an dieser Stelle sowieso kein gutes Wort. Natürlich hat Erzbischof Heße Verantwortung im Erzbistum Köln getragen. Er hat es ja auch selber in seinen Interviews gesagt. Er war mit der Bearbeitung von Missbrauchsfällen befasst. Und natürlich hat er ein umfassendes Wissen. Das hat er aber nicht alleine gehabt. Das haben auch viele andere Verantwortliche im Erzbistum Köln gehabt. Die Missbrauchsfälle sind nie von einem alleine bearbeitet worden, sondern da waren viele Menschen beteiligt.

Erzbischof Heße hat selber gesagt, er habe immer Kardinal Meisner informiert, und auch andere Stellen waren involviert. Es gab eine Personalkonferenz, die über solche Fälle beraten hat. Und damit ist es zu einfach, zu sagen: Das ist eine Person, die die Verantwortung hat. Es haben viele Verantwortliche von Fällen gewusst und haben da auch entsprechend die Verantwortung zu tragen.

DOMRADIO.DE: Jetzt hat es in der vergangenen Woche ein Interview gegeben mit Erzbischof Heße. Er sagt, es haben ganz viele Geistliche damals in diesen Gremien gesessen, die bei den Besprechungen der Missbrauchsfälle dabei gewesen waren. Wie bewerten Sie dieses Interview?

Vogt: Also ich denke, dass Erzbischof Heße natürlich hier unter einem gewissen Druck steht. Er wird hier mutmaßlich, ich kenne ja den Bericht genauso wenig wie alle anderen, beschuldigt und versucht, sich zu verteidigen. Es haben viele Menschen in diesem Bistum von den Missbrauchsfällen gewusst. Die Missbrauchsfälle sind nicht erst 2010 bekannt geworden, sondern die waren schon viel länger in der Vergangenheit bekannt. Und die sind auch nicht von einem alleine bearbeitet worden. Deshalb ist das eine Reaktion, dass er natürlich versucht, sich zu verteidigen an dieser Stelle.

Aber ich glaube, die Verteidigung ist das eine. Ich würde mir wünschen, dass auch Menschen, die daran beteiligt waren, einfach irgendwann auch mal Verantwortung übernehmen und deutlich sagen: Ja, so ist es gewesen.

DOMRADIO.DE: Ein ganz großes Problem ist die Thematik der Aktenlücken. Im Erzbistum Köln gab es ja die Regelung, dass Akten, die mit Missbrauch zu tun hatten, nach einer gewissen Zeit geschreddert wurden. Bedeutet das jetzt, es wird niemals rauskommen, wer da im Erzbistum für die Vertuschung verantwortlich war?

Vogt: Also zunächst muss man sagen, dieses Aktenschreddern klingt erst einmal sehr dramatisch. Grundsätzlich ist es im Kirchenrecht so vorgeschrieben. Ob es geschickt war, Akten über Missbrauchsfälle zu vernichten. Das ist die ganz andere Frage. Ich halte das für falsch, aber es ist geschehen, und natürlich sind damit gewisse Dinge für immer vernichtet worden.

Dennoch gibt es einen umfänglichen Aktenbestand, der ja auch an die Münchner Kanzlei übergeben worden ist, der sehr wohl zulässt, dass Fälle rekonstruiert werden können. Ob das alle Fälle sind? Das wird wahrscheinlich in der Tat niemals rauskommen, weil wir nicht wissen, was vernichtet worden ist und wann was vernichtet worden ist. Ich kann mich immer nur auf die Aussagen, die ich damals gehört habe, verlassen, dass seit 2010 keine Akten mehr vernichtet worden sind.

DOMRADIO.DE: Was glauben Sie, wie geht es bei dieser Thematik in Köln weiter?

Vogt: Ich kann es tatsächlich nicht einschätzen. Ich bin nicht mehr im Erzbistum Köln tätig. Es ist im Moment nach meiner Einschätzung eine juristische Auseinandersetzung auf vielen Ebenen. Ich wünsche mir sehr, dass es zu einem Ergebnis kommt, dass es zu einer Veröffentlichung kommt, weil die Betroffenen von Missbrauch darauf warten. Wir sind es den Menschen, die das erlebt haben, dass Sie durch Kleriker der katholischen Kirche im Erzbistum Köln missbraucht worden sind, schuldig, dass hier auch die Verantwortlichen benannt werden. Und ich wünsche mir, dass es nicht zu einem ewig langen juristischen Tauziehen kommt, sondern dass hier auch mal die Fakten auf den Tisch gelegt werden.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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