Lange wurde sexueller Kindesmissbrauch vertuscht
Lange wurde sexueller Kindesmissbrauch vertuscht
 Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung
Johannes-Wilhelm Rörig
Christine Bergmann, frühere Bundesfamilienministerin
Christine Bergmann ist Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

28.01.2020

Kommission: Aufarbeitung von Missbrauch muss schneller gehen Immer noch erheblicher Handlungsbedarf

Zehn Jahre nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche mahnen Experten dazu, zurückliegende Fälle schneller und umfassend aufzuarbeiten.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hat eindringlich zu besserem Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierten Gewalttaten aufgerufen. Am heutigen Dienstag sagte Rörig Redaktionsnetzwerk Deutschland: "Es ist bitter festzustellen, aber alle bisherigen Anstrengungen von Bund, Ländern, Kommunen, Kirchen, Wohlfahrt und dem organisierten Sport haben nicht gereicht, das unerträgliche Leid vieler tausend Mädchen und Jungen einzudämmen". Auch zehn Jahre nach Beginn der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche sah Rörig noch erheblichen Handlungsbedarf.

Bedrohung aus dem Internet

Mit der Digitalisierung des Alltagslebens erreiche die Gefährdung von Kindern und Jugendlichen neue Dimensionen, so Röhrig. "Durch die digitalen Medien und das Darknet sind neue Abgründe dieser Sexualverbrechen hinzugekommen", beklagte er. "Vergewaltigungen von Kindern, oft von nahestehenden Familienangehörigen, werden immer häufiger gefilmt und als sogenannte Kinderpornografie ins Netz eingestellt, in unvorstellbaren Terrabyte-Dimensionen, wie uns die Missbrauchsfälle von Lügde und Bergisch Gladbach erneut schmerzhaft gezeigt haben", führte er aus.

Aufarbeitung unverzichtbar für Schutz vor Missbrauch 

Rörig rief Politiker und Parteien zu einem härteren Vorgehen gegen Täter auf. "Täter müssen sich überall viel stärker vor Entdeckung fürchten, im Netz und in ihrem sozialen Umfeld", sagte er. Die politischen Parteien müssten sich in ihren Programmen und Koalitionsvereinbarungen "endlich klipp und klar und mit konkreten Festlegungen" dem Kampf gegen sexuellen Missbrauch verschreiben. Er forderte ein bundesweit konsequenteres Vorgehen und zusätzliche personelle und finanzielle Kraftanstrengungen staatlicher Stellen.

"Der Kampf gegen Missbrauch und seine Folgen muss in Deutschland endlich als nationale Aufgabe begriffen werden", sagte Röhrig. "Wer dauerhaft verantwortet, dass nichts oder zu wenig für Schutz und Hilfe getan wird, läuft Gefahr, sich dem Vorwurf der Duldung auszusetzen."

Aufarbeitung von Missbrauch muss schneller gehen 

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat zehn Jahre nach der Aufdeckung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche eine raschere Aufarbeitung gefordert. "Wir sehen, dass es in vielen Institutionen heute noch an Verantwortungsübernahme und Anerkennung fehlt für das Unrecht, das betroffene Menschen in ihnen erleiden mussten", erklärte Kommissions-Mitglied Christine Bergmann am gestrigen Montag in Berlin: "Aufarbeitung ist eine unverzichtbare Grundlage für Prävention: Es muss geklärt werden, warum sexueller Kindesmissbrauch geschehen konnte, warum geschwiegen und vertuscht wurde, warum Kinder nicht geschützt wurden."

Mangelnde Verantwortung und Anerkennung 

In vielen Institutionen fehle es weiterhin an Verantwortungsübernahme und Anerkennung für das Unrecht, das Betroffene erleiden mussten. Ihnen falle es schwer, die Öffentlichkeit zu informieren und sich zu vernetzen. Deswegen seien mehr Angebote und Unterstützung nötig. Besonders schwierig sei die Situation aber auch für Betroffene, die als Kinder oder Jugendliche in der Familie sexueller Gewalt ausgesetzt waren.

Die Institutionen ebenso wie die gesamte Gesellschaft und der Staat müssten Verantwortung für den mangelnden Schutz und die unzureichenden Hilfen in der Vergangenheit übernehmen, fügte die frühere Bundesfamilienministerin und erste Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, hinzu: "Sie müssen die Folgen des Missbrauchs anerkennen, an denen Betroffene oft ein Leben lang leiden, und die notwendigen Hilfen bereitstellen. Dafür dürfen nicht noch einmal zehn Jahre vergehen."

Unerkannter sexueller Kindesmissbrauch

Die Kommission erinnerte zudem daran, dass sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen in der Familie und im nahen sozialen Umfeld am häufigsten vorkommt und meist unerkannt bleibt. "Betroffene Menschen insbesondere aus der Familie, aber auch aus anderen Bereichen, berichten uns immer wieder, dass ihnen in ihrer Kindheit nicht geholfen wurde, weil ihnen nicht geglaubt wurde, wenn sie sich jemandem anvertrauten oder weil Menschen wegsahen und schwiegen", erklärte Kommissions-Vorsitzende Sabine Andresen. "Wir müssen Kindern und Jugendlichen zuhören, ihnen glauben und entsprechend handeln", so die Erziehungswissenschaftlerin.

Die Familien müssten gezielt in den Blick genommen werden, ergänzte Matthias Katsch, Sprecher der Initiative "Eckiger Tisch" und Mitglied der Kommission laut Pressemitteilung. Für Betroffene, die in Kindheit und Jugend sexueller Gewalt in der Familie ausgesetzt waren, sei es besonders schwierig, die Öffentlichkeit über das, was ihnen angetan wurde und die Folgen in ihrem Leben zu informieren. Katsch: "Anders als bei Fällen sexuellen Missbrauchs in Institutionen, wo häufig viele Opfer Ähnliches erlebt haben, fällt es Betroffenen im familiären Kontext schwerer, sich zu vernetzen. Ihre Geschichten werden als Einzelfälle behandelt."

1.200 Fälle aufgearbeitet

Den Angaben zufolge haben sich seit 2016 fast 2.000 Betroffene sexuellen Kindesmissbrauchs in Familien und Institutionen und andere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen für eine vertrauliche Anhörung bei der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs angemeldet. Davon fanden bereits 1.200 statt. Außerdem hätten sich rund 400 Betroffene mit einem schriftlichen Bericht der Kommission anvertraut.

(epd, KNA)

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