Schatten eines Kreuzes
Schatten eines Kreuzes
 Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung
Johannes-Wilhelm Rörig
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey
Bundesministerin Franziska Giffey

03.12.2019

Nationaler Rat zur Bekämpfung von Missbrauch nimmt Arbeit auf Giffey: Nächster großer Meilenstein

Die Abgründe werden immer tiefer, die Fälle immer größer: Nun soll ein Nationaler Rat zur Bekämpfung von Missbrauch dafür sorgen, dass Empfehlungen und Konzepte an der Basis ankommen und zügig umgesetzt werden.

Die Erwartungen sind hoch: In Berlin hat sich am Montag ein Nationaler Rat zur Bekämpfung von Missbrauch konstituiert. Rund 40 Spitzenvertreter aus Politik und Zivilgesellschaft sollen für bessere Vernetzung und mehr politischen Druck bei der Umsetzung von Empfehlungen sorgen. 2021 sollen sie Empfehlungen vorlegen.

Eingeladen dazu haben der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, und Familienministerin Franziska Giffey (SPD). Sie bilden den Vorsitz des neuen Gremiums. Damit soll rund neun Jahre nach dem Ende des Runden Tisches zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch ein neues Signal gesetzt werden. Nicht zuletzt deswegen, weil die Dimensionen von sexualisierter Gewalt in den vergangenen Jahren immer größere Ausmaße angenommen haben.

Reaktion auf Bekanntwerden des Missbrauchsskandals

Ein Blick zurück: Vor knapp zehn Jahren wurde mit Bekanntwerden des Missbrauchsskandals vor allem in kirchlichen Einrichtungen und Privatschulen wie der Odenwaldschule das Ausmaß von sexualisierter Gewalt in aller Drastik offenbar. Und die Politik handelte: Die frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) erklärte sich bereit, das neu eingerichtete Amt eines Missbrauchsbeauftragten zunächst zu übernehmen. Sie saß mit am Runden Tisch, neben weiteren Vertretern aus Politik und Kirche und anderen zivilgesellschaftlichen Bereichen wie dem Sport.

Nach rund einem Jahr übernahm Rörig das Amt. Seine Aufgabe: Die Empfehlungen des Runden Tisches umsetzen. Er organisierte Hearings, holte sich Experten und ließ vor allem die Betroffenen zu Wort kommen. So wurden die ersten Präventionskonzepte verfasst und ausgemacht, welche Unterstützung die Betroffenen brauchen. Zudem drängte er zu Gesetzreformen. Inzwischen haben Opfer von Missbrauch mehr Rechte vor Gericht und Verjährungsfristen wurden erhöht. Zudem wurde ein Fonds für schnelle Hilfen eingerichtet. Immer wieder machte Rörig klar, dass kein Schlussstrich unter das Thema gezogen werden dürfe. 

Aufarbeitungskommission

Rörig, selbst Jurist, schuf Strukturen, rief einen Betroffenenrat ein, der ihn bis heute berät. Zudem sorgte er dafür, dass eine unabhängige Aufarbeitungskommission Betroffenen die Möglichkeiten gibt, über das Erlebte zu sprechen und Schicksale sichtbar zu machen. Aus den Erkenntnissen sollen auch Empfehlungen abgeleitet werden, wie Aufarbeitung ablaufen kann.

Nun also der Nationale Rat. Von dem Gremium erhoffen sich vor allem die Betroffenen eine höhere Durchschlagskraft. Neben Giffey und Rörig sitzen dort hochrangige Delegierte vom Kinder- und Jugendschutz wie der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe, Karin Böllert, sowie der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Alfons Hörmann.

Große Hoffnungen in das Gremium

Die Kirchen sind unter anderen durch den Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, den Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Dutzmann, und der Vorsitzenden der Deutschen Ordensobernkonferenz, Schwester Katharina Kluitmann vertreten. Als Vertreterin des Betroffenenrates sitzt dort Kerstin Claus. Dazu kommen Vertreter des Bundeskriminalamts, der Justiz und der Ärzteschaft. Sie alle sollen dafür sorgen, dass Empfehlungen und Beschlüsse auch wirklich an der Basis ankommen.

Giffey sprach von einem "nächsten großen Meilenstein" bei der Bekämpfung von Missbrauch. Sie betonte, Politik und Gesellschaft dürften sich bei dem Thema nicht in Zuständigkeiten ergeben, sondern müssten gemeinsam an einem Strang ziehen. Der Schutz müsse verbesserte, der Zugang zu schnellen Hilfen erleichtert und die Gerichtsverfahren schonender im Umgang mit Betroffenen werden.

Auch Rörig setzt große Hoffnungen in das Gremium: Die ungebrochen hohen Fallzahlen und die Missbrauchsfälle von Staufen, Lügde oder jetzt Bergisch Gladbach machten deutlich, dass tausende Kinder und Jugendliche in Deutschland nicht ausreichend vor sexueller Gewalt geschützt seien, meinte er. Er kündigte eine Aufklärungskampagne gegen sexuelle Gewalt an - in der Dimension der Anti-Aids-Kampagne in den 1980er Jahren.

Birgit Wilke
(KNA)

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