Katholische Gemeinschaft "Totus Tuus" weist Vorwürfe zurück
Symbolbild Missbrauch

19.02.2019

Chronik des Missbrauchsskandals in der deutschen Kirche Von Mertes bis Missbrauchsstudie

Im Januar 2010 wurden auch in Deutschland die ersten Skandale um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche bekannt. Pater Klaus Mertes macht den Missbrauch am Canisius-Kolleg öffentlich. Einige wichtige Stationen seither.

Januar 2010: Der Leiter des Canisius-Kollegs der Jesuiten in Berlin, Pater Klaus Mertes, macht durch einen Brief an ehemalige Schüler den Missbrauchsskandal an seiner Schule bekannt. Jesuiten hätten in den 1970er und 80er Jahren Schüler sexuell missbraucht. Er löst damit eine Welle von Enthüllungen zu Missbrauchsfällen in der Kirche, aber auch in Schulen und anderen Institutionen aus.

Februar 2010: Die Bischöfe bitten auf ihrer Vollversammlung in Freiburg um Entschuldigung wegen der Missbrauchsfälle. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann wird Sonderbeauftragter für das Thema. Eine Hotline für Opfer wird eingerichtet.

März 2010: Die Kirche beteiligt sich am Runden Tisch, der von der Bundesregierung eingerichtet wird.

August 2010: Die Bischöfe verschärfen ihre "Leitlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch". Glaubhaft verdächtigte Geistliche müssen nun umgehend vom Dienst suspendiert werden.

September 2010: Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, schlägt einen "breiten Reflexionsprozess" von Bischöfen, Priestern und Laien vor. Damit will die Kirche Vertrauen wiedergewinnen. Die Bischöfe stellen ein Präventionskonzept vor. Unter anderem soll jedes Bistum eine entsprechende Stelle einrichten.

Gegründet wird auch ein "Präventionsfonds" für besonders innovative kirchliche Projekte. Die Bischofskonferenz legt am Runden Tisch ein Konzept zur Entschädigung der Opfer sexuellen Missbrauchs vor. Dazu gehört die Zahlung eines Geldbetrags, der als "finanzielle Anerkennung" des zugefügten Leids gelten soll.

Juli 2011: Die deutschen Bischöfe kündigen zwei Forschungsprojekte zur wissenschaftlichen Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Kirche an.

Dezember 2012: Die Ergebnisse des ersten Forschungsprojekts werden vorgestellt. Der Forensiker Norbert Leygraf kommt darin zu dem Schluss, dass nur wenige katholische Priester, die Minderjährige missbraucht haben, im klinischen Sinne pädophil seien. Die Bischofskonferenz stellt die Hotline für Missbrauchsopfer ein, weil es kaum noch Anfragen gebe. Im Januar 2013 wird der Abschlussbericht vorgestellt.

August 2013: Die Bischofskonferenz veröffentlicht abermals verschärfte Richtlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch. Danach sollen Kleriker, die Schutzbefohlene missbraucht haben, nicht mehr in den Seelsorgedienst zurückkehren dürfen, wenn "dieser Dienst eine Gefahr für Minderjährige oder erwachsene Schutzbefohlene darstellt oder ein Ärgernis hervorruft". Ein komplettes Beschäftigungsverbot für sexuell übergriffig gewordene Priester nach dem Beispiel der US-Bischöfe lehnt die Bischofskonferenz ab.

März 2014: Die Bischöfe beauftragen einen Forschungsverbund um den Mannheimer Psychiater Harald Dreßing mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung. Ziele sind eine Erhebung quantitativer Daten zur Häufigkeit und zum Umgang mit sexuellen Missbrauchshandlungen an Minderjährigen durch Geistliche. Darüber hinaus sollen Täterstrategien, Opfererleben und das Verhalten der Verantwortlichen untersucht werden.

2016: Eine erste Teilstudie wird vorgestellt. Diese hatte Missbrauchsuntersuchungen aus anderen Ländern in den Blick genommen.

Danach waren die Täter in erster Linie Gemeindepfarrer und andere Priester (über 80 Prozent). Bei rund einem Drittel wurden eine emotionale oder sexuelle Unreife festgestellt, bei jedem fünften eine Persönlichkeitsstörung und bei 17,7 Prozent Merkmale von Pädophilie.

Alkoholabhängig waren 13,1 Prozent der Täter. Zu den häufigen Folgen für Missbrauchsopfer gehörten psychische Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen, gefolgt von verhaltensrelevanten Folgen wie einem sozialen Rückzug und körperlichen Folgen wie Schlafstörungen oder Kopfschmerzen.

September 2018: Bei der Herbstvollversammlung der Bischöfe stellen beteiligte Wissenschaftler die Ergebnisse der von den Bischöfen in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie vor. Demnach haben die Forscher 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe von mindestens 1.670 Priestern und Ordensleuten in den Akten von 1946 bis 2014 gefunden. Zuvor hatten "Zeit" und "Spiegel" über Ergebnisse der Studie berichtet.

Die Bischöfe beschließen einen Sieben-Punkte-Plan, in dem sie sich unter anderem verpflichten, Betroffene des Missbrauchs und externe unabhängige Fachleute stärker in die Aufarbeitung einzubeziehen. Sie wollen auch klären, wer über die Täter hinaus institutionell Verantwortung getragen hat, etwa für Vertuschung oder die Versetzung von Tätern. Außerdem kündigen sie einen "transparenten Gesprächsprozess" über den Zölibat und die Sexualmoral der Kirche an.

Herbst 2018: Mehrere Diözesanbischöfe kritisieren ihre Amtsvorgänger und benennen Fehler beim Umgang mit Missbrauchsopfern. Zugleich stellen immer mehr Diözesen der Justiz Personalaktien zur Verfügung. Zuvor hatten mehrere Staatsanwaltschaften Akten eingefordert.

November 2018: Die katholische Kirche in Deutschland begeht erstmals einen Gedenktag für die Opfer von Missbrauch.

Januar 2019: Die Bischöfe beschließen, bei der Aufarbeitung stärker mit staatlichen Stellen und katholischen Laien zusammenzuarbeiten. Es werden Arbeitsgruppen eingerichtet, unter anderem zu Fragen nach der priesterlichen Lebensform, nach Macht und Partizipation sowie der Sexualmoral.

(KNA)

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