Jesuit Klaus Mertes
Jesuit Klaus Mertes

19.02.2019

Pater Mertes über seine Erwartungen an den Missbrauchsgipfel "Systemische Ursachen müssen auf den Tisch"

Sollten die Gründe, die hinter dem Missbrauchsskandal stecken, beim Bischofstreffen nicht erkannt werden, wird es für die Kirche in der Zukunft immer schwieriger, glaubt Pater Klaus Mertes. Für den Jesuiten muss es vor allem ein Ergebnis geben.

DOMRADIO.DE: Kommt das weltweite Treffen zum Missbrauch im Vatikan zu spät?

Pater Klaus Mertes SJ (Direktor des katholischen Kollegs St. Blasien​): Ja, es ist in der Tat längst überfällig. Ich finde es aber gut, dass es jetzt stattfindet. Man kann immer ein Haar in der Suppe finden. Das Glas kann halb leer sein, statt halb voll – aber dass das Treffen stattfindet, ist gut.

DOMRADIO.DE: Blicken wir mal auf die Besetzung des Gipfels. Mit dabei sind vor allem die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen. Eine nigerianische Ordensoberin und eine mexikanische Journalistin halten unter anderen auch Referate. Finden Sie das Setting so sinnvoll und angemessen?

Mertes: Ehrlich gesagt kenne ich das Setting aus eigener Anschauung gar nicht. Insofern weiß ich nicht, welches die Hintergründe dafür sind. Ich möchte mich da eher zurückhalten.

DOMRADIO.DE: Glauben Sie denn, dass in Rom tatsächlich alles offen auf den Tisch kommt und Tacheles geredet wird?

Mertes: Das ist die Frage. Die entscheidende Frage ist aber, was ist Tacheles?

Ich kann sagen, was meine Hoffnung wäre. Meine Hoffnung wäre, das Missbrauch und vor allem die Vertuschung oder die Blindheit gegenüber Missbrauch bei den verantwortlichen Personen – insbesondere die Bischöfe und den Papst – systemische Ursachen hat. Und dass diese systemischen Ursachen auf den Tisch gelegt und nicht mehr bestritten werden. Und dass nicht mehr unterstellt wird, über solche Dinge zu sprechen, bedeute, den Missbrauch zu instrumentalisieren für strukturreformerische Fragen der Kirche.

DOMRADIO.DE: Klerikalismus und Machtstrukturen, das sind zwei Stichworte, die oft gefallen sind. Sie selbst wurden anfangs dafür als Nestbeschmutzer beschimpft. Wie optimistisch sind Sie denn wirklich, was die Behandlung dieser Themen angeht?

Mertes: Ich bin kein Prophet. Ich meine aber, wenn die Kirche jetzt nichts tut, dann wird sie in zehn oder 20 Jahren noch tiefer rangehen müssen. Dann wird es sicher noch mehr knallen als jetzt. Die Probleme werden ja auch von ganz vielen seriösen außenstehenden Personen, wie zuletzt durch die MHG-Studie, bestätigt.

DOMRADIO.DE: Sie sind kein Prophet – aber wenn Papst Franziskus Sie fragen würde, was er als Vorbeugung oder auch als Aufarbeitung unternehmen soll, was würden Sie sich wünschen?

Mertes: Eine unabhängige Disziplinar- und Verwaltungsgerichtsbarkeit, die auch jene verantwortlichen Personen – einschließlich dann auch Bischöfen – zur Rechenschaft ziehen kann, wenn sie ihre Pflicht nicht tun.

DOMRADIO.DE: Wie verfolgen Sie die Konferenz ab Donnerstag?

Mertes: Da ich Rektor am Kolleg St. Blasien bin, bin ich tagsüber ganz normal in der Schule. Abends werde ich die Nachrichten verfolgen. Ich lasse den Heiligen Geist wirken und werde mir dann am Ende das Ergebnis anschauen. Ich werde und muss aber nicht jeden Augenblick mitbekommen, was gerade läuft.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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