03.12.2010

Münchner Erzdiözese stellt sich ihrer Missbrauchsvergangenheit Bußzeit im Advent

Nach den bunten Feierlichkeiten zur Kardinalserhebung von Reinhard Marx vor einer Woche folgte nun in München der schwarze Freitag. Was die Rechtsanwältin Marion Westpfahl zu verkünden hatte, war alles andere als eine Jubelarie auf die Erzdiözese München-Freising. Noch nie dürfte jemand so deutlich im Auftrag der Kirche deren eigenes Sündenregister aus den vergangenen 60 Jahren aufgeführt haben.

Noch nie wurde so klar dargestellt, wie die Kirche versuchte, Missbrauchsfälle zu vertuschen. Westpfahl bescheinigte den Klerikern einen "rücksichtslosen Schutz des eigenen Standes" und ein "völlig fehlinterpretiertes" brüderliches Miteinander. Um die Opfer sei es nie gegangen, erst die Missbrauchsbeauftragten hätten eine detaillierte Auflistung von deren Qualen erstellt. 250 Seiten dick ist das rote Buch, das die Anwältin im Auftrag der Erzdiözese erstellt hat.

Mehr als 13.200 Akten aus den Jahren von 1945 bis 2009 haben die Gutachter gewälzt. In 365 Schriftstücken wurden Hinweise gefunden für eine weitere Detailprüfung. Der heutigen Bistumsleitung bescheinigte die Anwältin einen "unbedingten Aufklärungswillen". Doch was hilft das, wenn schon seit langem Unterlagen fehlen? Über die Jahre sei es zu großen Vernichtungen gekommen, sagte Westpfahl. Auch mit der gewissenhaften Führung war es nicht weit her. Manche Dokumente verschwanden in Geheimarchiven von Erzbischöfen und Generalvikaren. Andere wurden durch Zufall in Privatwohnungen von Priestern beim Ausräumen deren Nachlasses gefunden.

159 Priester wurden "auffällig" - oder mehr
Selbst im Ordinariat gelagerte Akten waren durchaus für Nichtbefugte zugänglich und damit der Manipulation ausgesetzt. Möglicherweise führte die katastrophale Aktenführung dazu, dass bei manch Verurteiltem das schriftliche Urteil fehlt und nicht klar ist, weswegen er eigentlich juristisch belangt wurde. Die nun erfolgte Prüfung ergab, dass 159 Priester "auffällig" geworden sind. Die tatsächliche Zahl dürfte aber weitaus höher liegen. Wegen Sexualdelikten seien 26 Geistliche verurteilt worden.

Bei den Diakonen liegt die Zahl bei 15, wobei nur einer später auch wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden sei, so Westpfahl. Sechs Auffälligkeiten habe es auch bei Gemeinde- und Pastoralreferenten, Seelsorgehelfern und Jugendpflegern gegeben, bei Religionslehrern seien es 96 gewesen.

Ein erstes Psychogramm der Täter lieferte Westpfahl auch mit. In den meisten Fällen seien die Priester zwischen 45 und 65 Jahre alt gewesen und hätten auffällige Reifedefizite aufgewiesen. So habe sich ein betroffener 55-jähriger Geistlicher auch an das Ordinariat gewandt, weil sein Boiler kein Warmwasser mehr liefere. Manche hätten wegen ihrer Taten auch durchaus mit ihrem Gewissen zu kämpfen gehabt, dies aber dann mit Alkohol betäubt.

"Ein solches Gutachten muss man aushalten"
Nicht ablesen lässt sich nach Darstellung der Anwältin aus den Akten, ob es eine bestimmte Phase gegeben hat, in der besonders viel manipuliert worden ist. Aus der Zeit von 1977 bis 1982, als Joseph Ratzinger, der jetzige Papst Benedikt XVI., Münchner Erzbischof war, sei ein Brief von ihm aufgetaucht. Darin hielt der Erzbischof an der Abberufung eines wegen Missbrauchs belangten Priesters fest und wies dessen bittere Klage darüber zurück.

Angesichts der schlimmen Fakten mag manch einem in der katholischen Kirche wieder bewusst geworden sein, dass Advent eine Zeit der Buße ist. "Ein solches Gutachten muss man aushalten", meinte denn auch Kardinal Reinhard Marx. Es gehe nicht um ein Scherbengericht der Vergangenheit, sondern darum, aus den Fehlern für die Zukunft zu lernen.

Personelle Konsequenzen seien derzeit nicht notwendig, sagte Generalvikar Peter Beer auf Nachfrage. Notwendig sei aber ein gewaltiger Kultur- und Klimawechsel innerhalb der katholischen Kirche. Dies werde jedoch nicht ohne Reibungen und Brüche ablaufen. "Was wir tun, sind wir den Menschen schuldig, die zu Opfern wurden", betonte Marx. Nicht zuletzt sei man Gott Rechenschaft darüber schuldig, wie man sich in dieser Stunde verhalte.

Barbara Just (

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