Ein Herbstblatt liegt neben einem Model des Hildesheimer Doms
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14.09.2021

Missbrauchsvorwürfe gegen Bischof Janssen weiter offen "Eklatante Missstände"

Nach Veröffentlichung eines Missbrauchsgutachtens für das Bistum Hildesheim bleibt weiterhin offen, ob sich der frühere Bischof Heinrich Maria Janssen an Kindern vergangen hat. Es wurden "eklatante Missstände" festgestellt.

Es könne nicht festgestellt werden, "ob Bischof Janssen sexuellen Missbrauch oder sexuelle Grenzüberschreitungen gegenüber Minderjährigen begangen hat", heißt es in dem am Dienstag vorgelegten Bericht. "Es ergeben sich allerdings verschiedene Facetten, eines problematischen Umgangs mit sexualisierter Gewalt und Sexualität."

Die Gutachter um die ehemalige niedersächsische Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz stellten "eklatante Missstände" im Umgang mit Missbrauch während Janssens Amtszeit zwischen 1957 und 1982 fest.
"Demnach gab es von kirchlicher Seite Zuwendung und Schutz für die Täter, während die Betroffenen keinerlei Hilfsangebote erhielten und mit ihrem Leid allein gelassen worden sind", erklärte das Bistum. Die Untersuchung mache sichtbar, dass es "massives Unrecht" gegenüber Kindern in katholischen Heimen gab. Insbesondere im Bernwardshof in Hildesheim-Himmelsthür werde über physische, psychische und sexualisierte Gewalt berichtet.

Erster deutscher Bischof mit derartigen Vorwürfen

Janssen (1907-1988) ist der erste deutsche Bischof, dem sexueller Missbrauch von Minderjährigen angelastet wird. Die Vorwürfe stammen aus zwei Quellen. Zum einen hatte sich 2018 ein Mann Mitte 70 an die Diözese und ihren heutigen Bischof Heiner Wilmer gewandt. Der frühere Bewohner eines kirchlichen Kinderheims berichtete, dass ihn Janssen Ende der 1950er-Jahre aufgefordert habe, sich nackt vor ihm auszuziehen. Anschließend habe er ihn mit den Worten weggeschickt, er könne ihn nicht gebrauchen.

Zum anderen hatte sich bereits 2015 ein ehemaliger Ministrant dem Bistum berichtet, Janssen habe ihn zwischen 1958 und 1963 sexuell missbraucht. Dieser Vorwurf war bereits Thema in einem 2017 veröffentlichten Gutachten. Die Autoren konnten ihn damals ebenfalls weder beweisen noch entkräften.

Wilmer hatte das nun vorgestellte Gutachten, das sich ausschließlich auf die Amtszeit Janssens konzentriert, im April 2019 beauftragt. Der heutige Hildesheimer Bischof kündigte bereits an, zügig die Zeit nach 1982 und somit auch seine eigene Amtsperiode untersuchen lassen zu wollen.

WIlmer: "systemisches Versagen"

Wilmer sagte während der Vorstellung der Studie, der Bericht konfrontiere das Bistum und ihn "mit einem Systemversagen, mit Mängeln in der Leitung, der Personalführung, der theologischen Reflexion und der Zusammenarbeit mit einem Rechtsstaat".

Was das systemische Versagen betreffe, so komme die katholische Kirche an einer umfangreichen Reform der Sexuallehre nicht vorbei, so der Bischof weiter: "Es darf nicht sein, dass sich die Geschichte wiederholt, dass Geschädigte sexueller Gewalt aufgrund einer leibfeindlichen Sexualerziehung keine Worte finden, um über das ihnen angetane Unrecht zu erzählen. Auch von daher ist es gut, dass wir in der katholischen Kirche in Deutschland auf dem Synodalen Weg sind."

2164 aktuelle und ehemalige Mitarbeitende befragt

Für das Gutachten wurden die Antworten von 2164 aktuellen und ehemaligen Mitarbeitenden des Bistums Hildesheim ausgewertet. Nahezu 9 Prozent der Mitarbeitenden sind laut der Ergebnisse in ihrer Kindheit oder Jugend und fast 11 Prozent in ihrer Zeit als Mitarbeitende mit Fällen sexualisierter Gewalt (entweder als Betroffene, als Zeug*innen oder durch glaubhafte Informationen Dritter) konfrontiert worden.

70 Prozent derer, die mit solchen Erfahrungen in ihrer Kindheit oder Jugend konfrontiert waren, haben sich diesbezüglich niemandem anvertraut. Auch in jenen Fällen, von denen die Befragten als Mitarbeitende Kenntnis hatten, erreichte nicht einmal die Hälfte die dafür zuständige Organisationsebene. 

Kulturwechsel eingeleitet

Die quantitative Befragung macht auch deutlich, dass sich etwas verändert hat und dass weitere Veränderungen gewünscht sind. Es besteht eine hohe Übereinstimmung in der Einschätzung der Mitarbeitenden, dass durch Bischof Wilmer ein glaubwürdiger Kulturwechsel vollzogen worden sei, der sich durch eine hohe Transparenz im Umgang mit (Verdachts-)fällen sexualisierter Gewalt und einer Orientierung an den Bedarfen und Bedürfnissen Betroffener auszeichne.

Die Befragten machen deutlich, dass ein veränderter Umgang mit sexualisierter Gewalt mit Veränderungen in der katholischen Kirche insgesamt korrespondieren müsse. Die Erhebungen zeigen, dass eine große Mehrheit der Mitarbeiter*innen für tiefgreifende Änderungen in der katholischen Sexualmoral und beim Pflichtzölibat plädiert. Sie wünschen sich im weltlichen wie im geistlichen Bereich des Bistums Hildesheim eine breitere Beteiligung von Frauen in Leitungspositionen und im Priesteramt. 

Weitere Informationen des Bistums.

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