Die Kardinäle Woelki und Marx - und Jesus
Die Kardinäle Woelki und Marx - und Jesus
"Christ und Welt"-Redaktionsleiter Raoul Löbbert
"Christ und Welt"-Redaktionsleiter Raoul Löbbert
Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann (r., Archiv)
Reinhard Kardinal Marx (l.) und Bischof Stephan Ackermann (Archiv)
Bischof Georg Bätzing begrüßt Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln
Bischof Georg Bätzing begrüßt Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln

11.05.2021

Journalist analysiert Aufarbeitung von Missbrauchsfällen "Viel Woelki, wenig Marx"

Bei der Aufarbeitung sexueller Gewalt in der katholischen Kirche steht Kardinal Woelki häufig in den Schlagzeilen, sein Münchener "Amtsbruder" Kardinal Marx dagegen kaum. Der Journalist Raoul Löbbert hat dafür wenig Verständnis.

DOMRADIO: Sie recherchieren seit längerer Zeit die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in Deutschland. Wenn Sie auf die Aufarbeitung in den Bistümern schauen, was hatten Sie da für einen Eindruck?

Raoul Löbbert (Chefkorrespondent von Christ & Welt): Man hat es da mit einem Flickenteppich der Aufarbeitung zu tun. Jedes Bistum agiert eigentlich immer anders. Das eine Bistum hat eine Studie in Auftrag gegeben. In anderen Bistümern ist das nicht der Fall. Manche geben die Studie an Juristen raus, andere beauftragen unabhängige Wissenschaftler. Und in einigen Bistümern passiert immer noch relativ wenig.

Es haben sich ja alle Bistümer dazu verpflichtet, eine sogenannte Aufarbeitungen-Kommission ins Leben zu rufen. Niemand weiß ganz genau, werden die irgendwann mal einen Bericht vorlegen? Wird der Bericht öffentlich sein? Wird man dann erfahren, wer Verantwortung getragen hat? Das ist selbst für Kenner der Materie nicht immer leicht zu überblicken.

DOMRADIO: Schauen wir jetzt mal auf einen aktuellen Fall in Trier. Sie haben da lang recherchiert. Betroffen sind gleich drei wichtige Bischöfe: der Trierer Bischof Stephan Ackermann, der Limburger Bischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, und der Erzbischof von München, Kardinal Marx. Worum geht es da?

Löbbert: Es handelt sich um einen Fall, bei dem ein Priester im Zentrum steht, gegen den es mehrfach Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gab. Wir wissen von insgesamt neun Anzeigen gegen ihn. Ganz wichtig ist dabei das Jahr 2006. Dort gab es eine Anzeige gegen den Priester, der laut Staatsanwaltschaft ein Teilgeständnis abgelegt haben soll. Das Bistum wurde über diesen Fall in Kenntnis gesetzt, der übrigens wegen Verjährung eingestellt wurde. Der Fall war damals nur um wenige Wochen verjährt.

Es gab damals ein Gespräch mit dem entsprechenden Priester. Und das Bistum hat damals entschieden, kirchenrechtlich nicht gegen diesen Priester weiter vorzugehen, obwohl dies möglich war. Bischof damals im Bistum Trier war der heutige Kardinal Marx. Er hat damals persönlich mit seinem damaligen Generalvikar Holkenbrink entschieden, das dort nicht weiter gegen vorgegangen werden muss. Das ist sehr relevant, weil hier ja akute Gefahr bestand, dass ein möglicher Missbrauchstäter - es gilt natürlich die Unschuldsvermutung - wieder auf die Welt und natürlich auf Kinder losgelassen wird.

DOMRADIO: Was sagte Kardinal Marx heute dazu?

Löbbert: Kardinal Marx sagt, dass er da Fehler gemacht hat, dass er zu sehr dem Rat seiner Untergebenen vertraut hat. Er hat sich auch dafür entschuldigt und empfiehlt heute eine unabhängige Aufarbeitung. Diese soll sich im Rahmen einer Aufarbeitungskommission, die gerade im Bistum Trier gebildet wird, dann auch vollziehen.

Das Problem bei der Sache ist aber: Wir wissen überhaupt nicht, wann ein Ergebnis dieser Aufarbeitung vorliegen wird. Wird das veröffentlicht? Und wie geht es dann eigentlich damit weiter? Das ist insoweit auch dramatisch, weil dieser Fall doch sehr, sehr wichtig und gravierend ist, weil eben da drei sehr prominente Namen der katholischen Kirche mit involviert sind: Marx als damaliger Bischof, Stephan Ackermann als jetziger Bischof, der sich mit den Vorwürfen gegen den Priester aus der Nachfolgejahren auseinandersetzen musste, und der jetzige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und jetztige Limburger Bischof Georg Bätzing, der damals Generalvikar war und mit diesem Fall auch persönlich zu tun hatte, wie aus einem Briefverkehr hervorgeht, der uns auch vorliegt.

DOMRADIO: So wie Sie das schildern, ist das ein ziemlich eklatanter Fall. Nehmen wir mal Kardinal Marx, der da ja offensichtlich auch Schuld auf sich geladen hat. Wie erklären Sie sich, dass sich immer noch alles so auf Kardinal Woelki konzentriert? Hier sind Rücktrittsforderungen große Überschriften. Und bei diesem Fall, den Sie uns jetzt ausführlich geschildert haben, ist es bei Kardinal Marx relativ ruhig geblieben. Da hört man nicht diese vehementen Angriffe und Rücktrittsforderungen.

Löbbert: Ja, das stimmt. Das war für mich auch überraschend. Wir haben den Fall auch zwei Kirchenrechtlern zur Prüfung gegeben und die haben beide unabhängig voneinander ganz klar gesagt: Hier liegen eklatante Pflichtverletzungen vor, die jetzt im Fall von Stefan Heße, dem Hamburger Erzbischof, oder auch den zwei Weihbischöfen Ansgar Puff und Dominikus Schwaderlapp aus Köln, zu vehementen Rücktrittsangeboten und Protesten geführt haben.

Das ist bei Marx in diesem Fall ein wenig ausgeblieben. Das hat damit sicherlich zu tun, dass Marx pro-aktiv Fehler eingestanden hat und auch angekündigt hat, dass es eine Aufarbeitung geben soll, relativ früh da in die Kommunikation gegangen ist und sich damit sehr viel klüger angestellt hat als der eine oder andere Verantwortliche im Erzbistum Köln.

Gleichwohl muss man sagen: Die Verfehlungen sind eklatant. Und dass niemand hier auch mal denselben Maßstab anlegt, der an den Erzbischof Heße beispielsweise angelegt wurde, wo es ja sehr früh auch Rücktrittsforderungen gab, das wundert mich schon ein wenig, das muss ich schon sagen.

DOMRADIO: Wie soll das denn weitergehen? Da müsste ja das halbe deutsche Episkopat über Rücktrittsforderungen nachdenken.

Löbbert: Naja, man kann einen Bischof ja nicht zum Rücktritt zwingen. Der ist ja nur sich selbst, Gott und dem Papst verantwortlich. Aber sicherlich sollte der ein oder andere Bischof darüber nachdenken, ob nicht ein Rücktrittsgesuch manchmal auch gerechtfertigt wäre, wenn man sich auch anguckt, wie andere Mitbrüder damit umgegangen sind in der Vergangenheit, wie beispielsweise Stefan Heße, der seinen Rücktritt angeboten hat. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ja, ein Großteil der deutschen Bischöfe sollte sich darüber wahrscheinlich Gedanken machen.

Denn man muss ja sagen, dass die Verfehlungen von Marx und auch von Heße keine Einzelfälle sind. Die damaligen Verantwortlichen zeigten eine Mischung aus Überforderung, Schlendrian und Verleugnungshaltung und haben eklatante Fehler gemacht. Und das ist etwas, was nicht nur Marx und Heße betrifft, sondern wahrscheinlich alle, die damals Verantwortung getragen haben. Und ja, diese Frage sollte sich eigentlich jeder stellen, der damals mit solchen Fällen zu tun hatte.

DOMRADIO: Abschließende Frage: Aachen und Köln haben jetzt Gutachten veröffentlicht. Münster hat einen Zwischenbericht vorgelegt. Auch im Bistum Osnabrück ist jetzt eine interdisziplinäre wissenschaftliche Untersuchung auf den Weg gebracht worden. Wie steht es denn um die nötige Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche? Sind da die Verantwortlichen auf einem guten Weg?

Löbbert: Da muss man natürlich immer sehr, sehr stark differenzieren, weil die Ansätze der Aufarbeitung so verschieden sind. Also wenn man zusammenfassend würde: Auf einem guten Weg kann man jetzt nicht sagen, weil die Ansätze zu disparat sind, weil sie zu schwer nachzuvollziehen sind. Auch das Kölner Gutachten sehe ich kritisch. Über systemische Ursachen beispielsweise wird da nichts gesagt. Und ich habe schon das Gefühl, dass hier die katholische Kirche als Ganzes mit der Aufarbeitung überfordert ist.

Es wird den einzelnen Bistümern überlassen, die dann machen können, was sie wollen oder halt auch nicht. Ich persönlich bin der Meinung, dass es besser wäre, den gesamten Aufarbeitungsprozess einer unabhängigen Instanz zu übergeben, einer Wahrheitskommission, wie das von Opfervertretern schon gefordert wurde. Das wäre meines Erachtens der bessere und transparentere Weg.

Das Interview führte Johannes Schröer.

(DR)

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