Missbrauchsfälle erschüttern Gemeinden in ihren Grundfesten
Missbrauchsfälle erschüttern Gemeinden in ihren Grundfesten

02.03.2021

Was macht sexueller Missbrauch mit einer Gemeinde? "Es wird nie mehr sein, wie es vorher war"

Es ist erstmal ein Schock, wenn es in einer Gemeinde Fälle sexualisierter Gewalt gibt. Was passiert aber, wenn die Schlagzeilen verklungen sind? Ulla Stollenwerk begleitet den langwierigen Prozess der Verarbeitung in den Gemeinden.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet es denn für eine Kirchengemeinde, wenn sie erfährt, dass ihr Pfarrer unter dem Verdacht steht, Kindern sexualisierte Gewalt angetan zu haben?

Ulla Stollenwerk (Diözesanstelle pastorale Begleitung im Erzbistum Köln): Ich gehe davon aus, dass sich die meisten einen Teil davon vorstellen können. Es ist ein Schock. Die allermeisten, die mit dem Pfarrer zu tun hatten, aber auch solche, die eher wenig Kontakt zu der Gemeinde hatten, sind schwer irritiert, manche Menschen möglicherweise sogar traumatisiert. Sexueller Missbrauch ist immer mit starken Emotionen verbunden. Wenn es jemanden betrifft, den man kennt oder der in der Öffentlichkeit in der Nähe bekannt ist, dann treten direkt starke Emotionen auf.

Da entsteht Wut über das abscheuliche Verbrechen, das vorgeworfen wird. Meist weiß man ja noch gar nicht, ob es tatsächlich stattgefunden hat. Aber der Vorwurf alleine reicht. Wut über dieses abscheuliche Verbrechen. Wut möglicherweise über den Vorwurf gegen einen Menschen, den man selber sehr verehrt. Auch das löst Wut aus.

DOMRADIO.DE: Entsteht denn auch der Wunsch nach Aufklärung?

Stollenwerk: Ja. Selbstverständlich wollen die Leute möglichst viel wissen. Ist was dran an den Vorwürfen? Wie kann ich erkennen, ob was dran ist? Die Menschen wollen Sicherheit, ob bzw. wie sie der Information glauben können, möchten sich selbst ein Bild von der Situation machen.

Nun steht aber bei sexuellem Missbrauch der Schutz der Betroffenen an erster Stelle. Das heißt, über die Einzelheiten der Vorwürfe oder der Tat darf man gar nicht so intensiv aufklären. Das löst wiederum Emotionen aus. Also der Friede, den es vielleicht vorher in einer Gemeinde gab - das übliche normale Gemeindeleben, man trifft sich in Gruppen, man feiert die Liturgie - dieser Frieden ist zutiefst gestört. Das löst Trauer aus.

Der Friede in einem selbst ist möglicherweise gestört, weil man nicht mehr weiß, was man glauben kann. Man hat Angst vor dem Unbekannten. Es ist eine riesige Gemengelage von Gefühlen, Verunsicherung, Irritation. Wie gesagt, manchmal sogar bis zur Traumatisierung.

Wenn der Vorwurf noch relativ zeitnah ist, kommt auch die Frage auf: Hätten wir was anders machen müssen in der Gemeinde, hätten wir was merken müssen? Die Frage nach Schuld spielt auch eine Rolle.

DOMRADIO.DE: Wie geht man um mit dieser Frage der möglichen Mitschuld?

Stollenwerk: Zunächst mal muss sie ausgehalten und gewürdigt werden. So wie alle Emotionen, die da eine Rolle spielen. Das kann man nicht einfach vom Tisch wischen. Wenn diese Schuldfrage kommt, dann muss die Frage gestellt werden: Was ist passiert? Was habt ihr beobachtet? Und dann muss über Täter-Strategien gesprochen werden. Auch wenn die Unschuldsvermutung gilt und zu berücksichtigen ist, wird darüber aufgeklärt, wie Täter normalerweise vorgehen. Da gibt es ein spezielles Schema, wie sie sich Betroffene aussuchen, wie sie die Umgebung in Sicherheit wiegen. Darüber muss aufgeklärt werden. Diese Dynamiken muss man sich genau anschauen und beobachten. Ist davon hier etwas geschehen?

DOMRADIO.DE: Was bedeutet diese Öffentlichkeit für die Opfer? Da gibt es ja womöglich in der Gemeinde Menschen, die das auch verdrängt haben, die sich bislang nicht getraut haben, sich zu melden und das anzuzeigen. Ist das dann auch eine Möglichkeit, dass die von sexualisierter Gewalt Betroffenen sich jetzt melden?

Stollenwerk: Unbedingt. Das Bistum ruft dazu ja auch ausdrücklich auf. Die Betroffenen von sexuellem Missbrauch haben möglicherweise jahre- oder jahrzehntelang gar kein Bewusstsein gehabt von dem, was passiert ist. Das ist einer der Gründe, warum die staatliche Verjährungsfrist inzwischen verlängert worden ist. Erst 30 Jahre nach dem 18. Geburtstag eines Betroffenen gilt ein sexueller Missbrauch als verjährt. Das hat zu tun mit einem Schutzmechanismus des Gehirns. Wenn ich eine traumatische Erfahrung mache, dann spaltet mein Hirn diese Erfahrung zunächst mal in einzelne Fragmente auf, speichert sie an verschiedenen Stellen in diesen kleinen Fragmenten ab und ich habe kein Bewusstsein mehr davon. Das nennt man Abspaltung und Dissoziation.

Wenn nun aber irgendetwas - und wenn es nur ein Geruch, ein Wort, ein bestimmtes Licht, eine Körperhaltung, wie auch immer - mich daran erinnert, eines der Fragmente plötzlich reaktiviert wird, dann setzt erneut eine Irritation, möglicherweise ein erneutes Trauma ein. Und dann fängt der Mensch an darüber nachzudenken: Was ist das jetzt plötzlich mit mir? Man kann es in der Regel erst einmal nicht einordnen. Und dann setzt sich bei guter Therapie manchmal das Bild wieder zusammen. Nicht in jedem Fall.

Das ist der Grund, warum das manchmal so lange dauert. Warum Betroffene auch sagen: Jetzt wird mir klar, was mir damals passiert ist. Das hat nichts damit zu tun, dass das Trittbrettfahrer wären, wie vielleicht der eine oder andere meint. Deswegen wird auch nachgefragt: Gibt es weitere Betroffene? Wenn ja, mögen die sich melden?

DOMRADIO.DE: Der Kölner Erzbischof Kardinal Woelki hat nun Aufklärung versprochen, dass Namen auch genannt werden, die dabei beteiligt waren, diese Verbrechen zu vertuschen. Wie wichtig ist das nun auch für die Gemeinden und auch für die Betroffenen, dass da aufgeklärt wird und diese Namen auch genannt werden?

Stollenwerk: Für die Betroffenen ist das existenziell wichtig, weil sie sich möglicherweise vor Jahren oder Jahrzehnten ans Bistum gewandt und um Hilfe gebeten haben, diese Hilfe aber nicht bekommen haben. Das ist genauso wie bei Missbrauch in Familien. Wenn ein Kind von einem Angehörigen missbraucht wird, geht es zur Mutter und die Mutter sagt: Das bildest du dir nur ein. Das ist fast wie ein erneuter Missbrauch. Es ist für die Betroffenen also existenziell wichtig, dass ihnen geglaubt wird und dass das dann auch Konsequenzen hat - und für die Gemeinden ist das genauso wichtig.

DOMRADIO.DE: Nun haben die Menschen mit dem Pfarrer womöglich Jahrzehnte zusammen auch ihren Glauben gefeiert. Der Pfarrer hat sie verheiratet, ihre Kinder getauft, die Eltern beerdigt. Wie kann man denn jetzt auch darauf zurückblicken, wenn das herauskommt?

Stollenwerk: Alle positiven Erfahrungen, die ich mit einem Menschen mache, die dürfen und sollen auch positiv bleiben, selbst wenn diesem Menschen jetzt plötzlich etwas ganz Schreckliches vorgeworfen wird. Wenn ich mich damals bei der Taufe, bei der Trauung gefreut habe und bis heute meine Ehe als gut erlebe und froh bin, dass mein Kind getauft ist - das wird ja nicht ungültig. Es gibt keinen Menschen, der nur gut ist oder nur schlecht ist. Wir machen alle Fehler, auch Priester. Die Verunsicherung, die einsetzt, die muss ich ernst nehmen. Ich muss da gut drüber nachdenken. Aber es kann nicht sein, dass es nur eine Möglichkeit gibt, nämlich den Menschen als Ganzen zu verurteilen.

DOMRADIO.DE: Aber dass das auch den Glauben erschüttert, kann man verstehen, oder?

Stollenwerk: Ich glaube, es kommt ein bisschen auf das Priesterbild an, das ich habe. Kann ich den Priester als einen Menschen auch sehen? Oder ist er für mich nur Stellvertreter Gottes? Wenn er nur Stellvertreter Gottes ist, dann erschüttert mich das in meinem Glauben zutiefst.

Wenn ich in ihm aber auch einen Menschen sehen kann, der eine Aufgabe hat, zu der er eine Beauftragung bekommen hat, dann fällt es mir vielleicht leichter, an meinem Glauben festhalten zu können.

DOMRADIO.DE: Nun unterstützen Sie die Seelsorge in den betroffenen Gemeinden und auch die Gemeinden selbst. Wie gehen Sie da auf die Menschen zu? Was können Sie da tun?

Stollenwerk: Wir sind in der Unterstützung von Menschen, Gemeinden, Institutionen, in denen sexueller Missbrauch passiert ist oder nur vorgeworfen wurde, tatsächlich schon seit 2010 engagiert. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte auch damals schon in ihren Rahmenrichtlinien - inzwischen heißt es Ordnung - einen Passus drin, der vorsieht, dass den betroffenen Gemeinden und Einrichtungen Unterstützung angeboten werden soll. Das tun wir.

Das heißt, wir gehen raus. In 46 unterschiedlichen Fällen haben wir über 90 verschiedenen Beratungen durchgeführt. In "irritierten Systemen" nach Missbrauch bieten wir Beratungen an für die Leitungsebene, für die Teams, für Gremien, für Gruppen. Wir unterstützen dabei, dass diese Menschen - oder auch Gruppen - wieder nach dem ersten Schock zu einer Arbeitsfähigkeit kommen. Wenn ich in einer Schocksituation bin, bin ich oftmals eingeschränkt arbeitsfähig. Dann werde ich möglicherweise hektisch, weil ich den Kopf nicht frei habe zum Denken oder ich verfalle in eine Lähmung. Also da unterstützen wir, um wieder in eine gute Arbeitsfähigkeit zu kommen.

Das tun wir, indem wir vieles erklären, was gerade abläuft: Das wird vermutlich nicht schnell vorbei sein, stellt euch auf einen langen Prozess ein. Wir unterstützen dadurch, dass wir eine differenzierte Sichtweise fördern. So wie ich gerade schon sagte: Kein Mensch ist nur gut oder nur schlecht. Genauso entstehen in den Gemeinden - das ist fast die Regel - Spaltungstendenzen. Die einen, die den Beschuldigten verehrt haben und die Vorwürfe nicht glauben können oder nicht glauben wollen. Die anderen, die den Vorwürfen Glauben schenken. Solche Spaltungen zunächst mal anzunehmen, ist wichtig. Und dann ist wichtig, damit gut umzugehen. Und das geht nur, indem ich differenziert schaue und Emotionen würdige.

DOMRADIO.DE: Wie kann man diese Spaltungen denn vielleicht auf lange Sicht wieder überwinden?

Stollenwerk: Brücken kann man nur bauen, indem man diese Menschen in ihrer Sichtweise zu verstehen versucht. Das meine ich mit Emotionen würdigen. Ja, ich kann verstehen, dass jemand, der den Pfarrer sehr verehrt, das überhaupt nicht ertragen kann, dass jemand anderes diese furchtbaren Vorwürfe macht. Das kann ich verstehen. Ich kann genauso verstehen, dass jemand, der den Betroffenen Glauben schenkt, sagt: Deren Schutz ist das Wichtigste.

Wir bemühen uns darum, den Betroffenen zu verstehen und Glauben zu schenken und zu schauen: Was wird jetzt daraus? Das steht an allererster Stelle. Doch selbstverständlich spielt hier bis zu Erweis des Gegenteils auch die Unschuldsvermutung eine Rolle. Mal angenommen, der Vorwurf erweist sich als nicht stichhaltig, nicht gerechtfertigt. Wie kann dann eine Rehabilitation passieren? Das muss auch mitgedacht werden. Und dabei unterstützen wir die Gemeinden in diesem Prozess, der mit Sicherheit ein sehr, sehr schwieriger ist, mit Expertise im Thema, mit einem Blick von außen und mit Kommunikations-Kompetenz, damit die Gemeinde möglichst konstruktiv mit der Situation umgehen kann.

DOMRADIO.DE: Wie kann denn dann eine Gemeinde zurück zum normalen Gemeindeleben finden?

Stollenwerk: Es ist vielleicht ähnlich wie nach einer schweren Verletzung. Wenn ich eine schwere Verletzung habe, dann gibt es Narben, mit denen ich mein Leben leben werde. Ich muss damit rechnen, dass das eine nachhaltige Verunsicherung ist. Diese Realität muss ich anerkennen, erst mal als Leitungsperson in der Gemeinde. Die müssen das wirklich realisieren. Nur wenn das realisiert ist, können die anderen Menschen das auch realisieren. Und das ist die Grundvoraussetzung zu einer Form von Heilung. Wobei ich immer davon ausgehen muss, es wird nachher nie mehr so sein, wie es vorher war. Und das ist auch gut so. Denn das stärkt die Sensibilität, dass darauf geachtet wird, dass sowas nicht wieder vorkommen kann.

DOMRADIO.DE: Emotionen ernst nehmen und Zuhören. Kann man das so zusammenfassen?

Stollenwerk: Ergänzen möchte ich: und erklären und einordnen der Dynamiken, die erlebt werden. Und gegenseitig ernst nehmen beinhaltet immer auch miteinander sprechen, nicht übereinander. Sich nicht verurteilen, selbst wenn ich vielleicht die Position meines Gegenübers nicht teile. Wir müssen trotzdem in Kontakt bleiben und versuchen, zu verstehen.

Das Gespräch führte Johannes Schröer.

(DR)

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