Nicht nur in Corona-Zeiten: Telefonieren gegen Einsamkeit
Nicht nur in Corona-Zeiten: Telefonieren gegen Einsamkeit
Birgit Kleipaß ist Teil eines 13-köpfigen Telefon-Teams und hat Zeit zum Zuhören.
Birgit Kleipaß ist Teil eines 13-köpfigen Telefon-Teams und hat Zeit zum Zuhören.
Claudia Perscheid sitzt am "Zeit für Sie"-Telefon.
Claudia Perscheid sitzt am "Zeit für Sie"-Telefon.
Domforumsleiter Rainer Tüschenbönner will den Draht zu einsamen Menschen nicht abreißen lassen.
Domforumsleiter Rainer Tüschenbönner will den Draht zu einsamen Menschen nicht abreißen lassen.
Dom- und Stadtdechant Msgr. Robert Kleine
Dom- und Stadtdechant Msgr. Robert Kleine ist Mitinitiator des Telefon-Projektes.

12.12.2020

"Zeit für Sie"-Telefon hilft bei Einsamkeit "Es geht um ernstzunehmende seelische Not"

Die besinnlichste Zeit des Jahres fällt in den zweiten Lockdown. Ausgerechnet. Denn für viele Menschen ist es seit Wochen in ihrer Corona-Isolation ohnehin wieder sehr still. Zum Glück gibt es Menschen, die ein offenes Ohr und Zeit zum Zuhören haben.

Manche würden ihre gesamte Familiengeschichte erzählen und nichts dabei auslassen, berichtet Claudia Perscheid. Andere kommen mit ihrer Rente nicht zurecht und haben finanzielle Sorgen. Und wieder anderen ist sogar durch die Leitung die Angst vor einer zermürbenden Einsamkeit deutlich anzuhören, auch wenn der Begriff selbst während des ausführlichen Telefonats nicht ein einziges Mal fällt. "Aus Scham", ist die 53-Jährige überzeugt. "Denn wer outet sich schon gerne damit, dass ihm die Decke auf den Kopf fällt, ihn kein soziales Netz in Krisenzeiten trägt und oft nur der Griff zum Telefon das Einzige ist, was vorübergehend das quälende Alleinsein lindert."

Aber es gibt auch diejenigen, die Angst haben, ihren ohnehin beschwerlichen Alltag nicht mehr meistern zu können und deren psychische Labilität Corona einmal mehr offenlegt. Oder es gibt die, die ganz regelmäßig anrufen, gewissermaßen zu den "Stammgästen" zählen und mit denen man über anfängliches Plaudern plötzlich bei lebensentscheidenden Themen von existenzieller Relevanz lande, erklärt Birgit Kleipaß. Und dann sind da noch die, die sich einfach mal Luft machen müssen, weil ihnen sonst niemand zuhört und sich so vieles aufgestaut hat. Die sich ihrer selbst vergewissern wollen, indem sie den Hörer in die Hand nehmen und am anderen Ende auf einen bereitwilligen Gesprächspartner treffen. Oder die eine gehörige Wut im Bauch haben, weil der schwerkranke Vater im Krankenhaus vor Ansteckung geschützt werden muss und sie die Vorstellung unerträglich finden, er könne angesichts geltender Besuchsverbote mutterseelenallein sterben. Und denen überhaupt die momentane Krise derart zusetzt, weil für sie das Leben seit Monaten auf dem Kopf steht und eine gewohnte Tagesstruktur mit verlässlichen Elementen weggebrochen ist.

Hemmungen, Hilfe in Anspruch zu nehmen

Claudia Perscheid und Birgit Kleipaß sind Teil eines 13-köpfigen haupt- und ehrenamtlichen Teams – darunter auch Seelsorgerinnen und Seelsorger – das am anderen Ende der Leitung ein offenes Ohr hat, wenn es um große und kleine Alltagssorgen geht. Denn zu festen Zeiten sitzen die beiden Sozialpädagoginnen und ihre Kollegen am "Zeit für Sie"-Telefon, einer gemeinsamen Initiative des Domforums und des Katholischen Stadtdekanates Köln, die auf eine Anregung Perscheids kurz nach dem Lockdown im März zurückgeht. "Die Bandbreite der Nöte derer, die anrufen, ist in Corona-Zeiten zunächst keine andere als sonst auch. Aber manche davon treten gerade jetzt mit erhöhter Dringlichkeit zutage, weil sich für viele Menschen ihre ohnehin schon schwierige Lage durch das Virus und die damit verbundene Kontaktsperre noch zusätzlich verschärft hat", stellt sie fest.

"Früher wären sie oft ‚by the way’ im Domforum vorbeigekommen, hätten geschaut, ob vielleicht gerade der ihnen vertraute Berater im Dienst ist, und auf ein aufmunterndes Schwätzchen an der Foyertheke gehofft. Aber seit wir unseren Beratungsdienst auf fernmündliche Gespräche umstellen mussten, fallen manche auch hinten über und verkapseln sich in ihrer Einsamkeit." Gerade ältere Menschen litten zudem oft an Schwerhörigkeit und würden allein deshalb schon nicht anrufen, weil sie die persönliche Begegnung brauchten und ihnen ein Telefonat zu anonym sei. Viele aber trauten sich auch einfach nicht und hätten Hemmungen, überhaupt Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Es geht nicht um eine klassische Telefonseelsorge

Trotzdem wird das "Zeit für Sie"-Telefon als Angebot der Citypastoral seit Monaten rege genutzt, auch wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die genaue Anzahl der Anrufer nicht Buch führen. Dabei ist die Dauer der Gespräche ganz unterschiedlich. "Manche brauchen nur ein freundliches Wort, um auf andere Gedanken und gut durch den Tag zu kommen. Andere haben ein unglaubliches Mitteilungsbedürfnis, weil sie sonst niemanden zum Reden haben", beobachtet Kleipaß. "Bei langen Monologen versuche ich, behutsam dazwischenzugehen, um auf die angesprochenen Themen ressourcenorientiert zu reagieren und mit dem Anrufer zusammen auf seine Stärken zu schauen – weniger auf die formulierten Defizite."

Einfühlsame Empfehlungen sollen ihm Mut machen und vielleicht auch einen Ausweg aus seiner oft als deprimierend empfundenen Situation ermöglichen. "Ich will herausspüren, über welche Kanäle ich helfen kann: vielleicht über Musik oder Spiritualität oder primär den Kontakt zu anderen?" Trotzdem stehe die Beratung nicht im Vordergrund, und es gehe auch nicht um eine klassische Telefonseelsorge, obwohl alle Mitarbeiter für diesen Dienst entsprechend geschult sind und einschlägige Berufserfahrungen mitbringen.

Einsamkeit lähmt das alltägliche Leben

"Zunächst einmal haben wir Zeit zuzuhören. Das ist für die meisten Anrufer auch ganz entscheidend: zu spüren, dass da erst einmal jemand ist – und das völlig absichtslos", sagt die 59-jährige Domforum-Mitarbeiterin, die seit acht Jahren als Fachfrau in der Beratung tätig ist. "Aktives Zuhören ermöglicht uns, auf versteckte Belange entsprechend zu reagieren." Trotzdem bestimme der Anrufer das Thema, die Intensität und auch die Vorgehensweise. "Manche haben auch sehr konkrete Fragen; das Problem der Einsamkeit ist den Wenigsten dabei oft selbst bewusst."

Aber sie existiert, lähmt das alltägliche Leben – und in Pandemie-Zeiten mehr noch als zuvor. Auch wenn sie oft im Verborgenen bleibt und nur vereinzelt Schlaglichter auf die Nöte – vor allem älterer Menschen – wirft. Das wissen die beiden Expertinnen nur allzu gut. Und wo sich Einsamkeit ganz offensichtlich zeigt, zieht sie mitunter den Boden unter den Füßen weg und wirft die Menschen schneller aus der Bahn als vor Corona. Natürlich sei das vor allem eine Hypothek für die ältere Generation, sagen sie. Aber nicht nur. Auch ein Student, dem unterstellt wird, in einem Netz an Beziehungen zu leben, kann sich subjektiv einsam fühlen, weil er seit Monaten isoliert in seinem Zimmer sitzt, um Online-Vorlesungen zu hören, und kaum noch Gelegenheit hat, Kommilitonen zu treffen.

Seit 25 Jahren Beratungs- und Gesprächsangebot im Domforum

"Auch wenn es anfangs so ausgesehen hat, als richte sich diese Kampagne nur an ältere Menschen, sind wir für jeden da, dem danach ist, ein Gespräch zu führen", unterstreicht Claudia Perscheid. "Wir machen kein Geheimnis daraus, dass wir sehr lebensbejahend sind und an Gott glauben. Mit einem Gespräch verknüpfen wir in allererster Linie den Wunsch, dass es entlastet, für ein Stück mehr Klarheit beim anderen sorgt, es ihm anschließend besser als vorher geht oder vielleicht sogar ein Selbstheilungsprozess angestoßen wird." Dazu gehöre auch, viel von dem akuten Leidensdruck zu nehmen oder Bewältigungsstrategien in Gang zu setzen.

Seit 25 Jahren hält das Domforum ein Beratungs- und Gesprächsangebot vor, das eine der Säulen der Kölner Citypastoral bildet und seit acht Jahren unter der Überschrift "Einfach so – Zeit für Sie" läuft. In der Corona-Krise habe man das Konzept kurzerhand auf das Telefon übertragen, um den Draht zu den Menschen, die allein seien, nicht abreißen zu lassen, erklärt dessen Leiter, Rainer Tüschenbönner. "Es ist wichtig, dass Menschen, die Angst haben, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, nicht mehr in den Supermarkt oder Gottesdienst gehen können und daher kaum noch rauskommen, einfach mal mit jemandem sprechen können und eine Stimme hören, die nicht nur aus dem Fernsehen oder Radio kommt."

Der Blick auf das eigene Ich richtet auf

Nie gehe es nur um Gespräche "am Rande", erläutert Kleipaß, sondern inhaltlich um ernstzunehmende seelische Not. Zumal in Zeiten, in denen für viele das soziale Leben zum Stillstand gekommen sei. "Da ist es wichtig", ergänzt Kollegin Perscheid, "dass diese Menschen gesehen werden und wir auf sie eingehen." Viele seien nach einem Telefonat dankbar für dieses Stück geschenkter Zeit, andere erleichtert, dass es für sie weitergehe, und würden geradezu "wachsen", wie die Sozialpädagogin das nennt. "Manchmal steht zu Beginn eines Gesprächs ein gebrochener Mensch vor mir. Doch im Verlauf unserer Unterhaltung kehrt seine Würde zurück. Dann ist es mitunter der Blick auf das eigene Ich, der ihn aufrichtet."

Beatrice Tomasetti
(DR)

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