Glaubenskommunikation im Erzbistum Köln
Glaubenskommunikation im Erzbistum Köln
Kristell Köhler
Kristell Köhler (Referentin für Glaubenskommunikation, Abteilung Erwachsenenseelsorge im Erzbistum Köln)

19.10.2019

Glaubenskommunikation: Über Gott sprechen kann man lernen "Ich will den ganzen Reichtum unseres Glaubens erlebbar machen"

Offen über den eigenen Glauben zu reden, kommt einem Tabu gleich. Das ist Privatsache, argumentieren die meisten Menschen. Ganz abgesehen davon, dass sie nicht mehr wissen, wie sie überhaupt Unsagbares ins Wort bringen sollen.

DOMRADIO.DE: Frau Köhler, noch vor wenigen Jahrzehnten standen die Menschen nach dem Sonntagsgottesdienst auf dem Kirchplatz zusammen und sprachen ganz selbstverständlich über ihren Glauben – über das, was ihnen an der Predigt gefallen hatte oder auch nicht. Oft war sogar der Pastor mit dabei. Heute gibt es für diese Art Austausch einen neuen Begriff: Glaubenskommunikation. Alter Wein in neuen Schläuchen, oder was ist darunter zu verstehen?

Kristell Köhler (Referentin für Glaubenskommunikation, Abteilung Erwachsenenseelsorge im Erzbistum Köln): Mit Glaubenskommunikation ist eigentlich etwas Uraltes und gleichzeitig doch auch ganz Frisches gemeint. Der Begriff mag modern sein, das was er umschreibt, nicht. Denn dahinter verbirgt sich im Erzbistum Köln – wie übrigens in anderen Bistümern auch – die Überlegung: Wie können wir den Glauben unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen wieder ins Gespräch bringen? Wie können wir das vermeintlich Selbstverständliche neu aussprechen, uns ihm annähern? Und diese Fragen haben die Menschen immer schon beschäftigt, auch zur Zeit Jesu.

Glaubensinhalte, Glaubensvollzüge und die Teilnahme am Gemeindeleben können in unserer Zeit nicht mehr selbstverständlich vorausgesetzt werden. Infolgedessen sprechen wir selbst oft nicht mehr davon, was uns der Glaube für das eigene Leben bedeutet. Außerdem erleben wir, dass Glaubenswissen verloren geht oder fremd wird. Hinzu kommt, dass sich die Formen unseres Zusammenlebens verändert haben. Wann sitzt eine Familie noch gemeinsam an einem Tisch, um über solche Themen zu sprechen? Es fehlt also auch an Gelegenheiten. Trotzdem sollten wir uns mehr trauen, unseren Glauben zu reflektieren und ihn zum Thema zu machen: in der Familie, unter Freunden, am Arbeitsplatz. Überall, wo sich unser Leben abspielt.

DOMRADIO.DE: Selbst aus der Komfortzone herauszukommen, um im eigenen sozialen Umfeld mit gutem Beispiel voranzugehen, beschreibt aber sicher noch nicht vollständig diesen großen Begriff, unter dem sich vieles subsumiert…

Köhler: Nein, das eigene aktive Tun ist nur ein Aspekt. Wir setzen uns natürlich auch theoretisch mit dem Thema auseinander: Wo und wann stoßen Menschen denn auf unsere Glaubensinhalte? Wo kommen sie mit kirchlichen Angeboten in Berührung? Das kann über den Schaukasten genauso geschehen wie über den Küster, die katechetischen Bereiche oder Glaubenskurse. Die Arbeit der Glaubenskommunikation ist sehr vielfältig. Wir erstellen Konzepte für Fortbildungen, veranstalten Workshops und überlegen uns neue Wege und Formate zur Vertiefung des Glaubens. Dabei sollten wir berücksichtigen, dass sich nicht nur das kirchliche Leben verändert hat, sondern auch die Gesellschaft und wir Menschen. Unsere Kommunikationsformen sind passiver geworden; wir konsumieren mehr und teilen uns über wirklich Wesentliches weniger mit. Die sozialen Medien bilden oft nur eine verkürzte Kommunikation ab. Ich kann eine Meinung teilen, muss aber nicht Stellung beziehen. Echter Dialog sieht anders aus. Diese Entwicklung fällt uns in der Kirche heute in manchen Bereichen auf die Füße. Denn wir erleben weniger Menschen, die von ihrem Glauben Zeugnis geben und offen über ihn sprechen.

DOMRADIO.DE: Haben Sie dafür eine Lösung?

Köhler: Da kann ich nur von mir selbst sprechen. In Krisenzeiten muss man aktiv werden. Glaube macht mir Spaß. Daher trete ich in Gemeinden mit Menschen in Kontakt und teste dort ganz praktisch, wie sich Glaubensthemen wieder ins Gespräch bringen lassen – beispielsweise über Fragestellungen wie „Was glaube ich?“ oder „Warum glaube ich?“ Mit einer großen Bandbreite an Gesprächsmöglichkeiten will ich den ganzen Reichtum unseres Glaubens erlebbar machen.

DOMRADIO.DE: Welche Voraussetzungen sind denn notwendigerweise mit Glaubenskommunikation verbunden, will ich von etwas sprechen, das mich bewegt?

Köhler: In meinem Herzen muss etwas brennen. Das ist wie beim Verliebtsein. Wovon das Herz voll ist, davon läuft der Mund über. Wichtig ist, dass jemand begeistert ist, eine positive Erfahrung gemacht hat. Das stärkt die eigene Bereitschaft, darüber dann auch zu sprechen. Außerdem ist wichtig, dass Menschen erleben, Glaube und Glaubensinhalte haben mit dem eigenen Leben zu tun. Das muss authentisch und analog erlebt werden können. Und dann kann der Glaube Feuer fangen.

DOMRADIO.DE: Können Sie das näher erklären?

Köhler: Glaubenserfahrungen müssen für den Alltag Bedeutung haben. Zu Themen wie Freude und Glück, aber auch Misserfolg und Scheitern hat uns die Bibel jede Menge zu sagen. Für die Jünger Jesu beispielsweise schien die Mission ihres Meisters am Karfreitag vordergründig auch erst einmal gescheitert zu sein. Aber die Erfahrung der Auferstehung eröffnete ihnen einen neuen Blick auf das Geschehene – denken wir nur ganz konkret an die Emmauserzählung. Und dann ist noch ganz wichtig, welche Bilder man gebraucht, wenn von Gott die Rede ist. Theologische Themen benötigen eine lebensrelevante Präsentation und Sprache. Die zehn Gebote, Sünde, Gnade – das sind große Begriffe aus dem Insidervokabular. Aber sie sind heutzutage erklärungsbedürftig. Daher lasse ich Menschen in Workshops zunächst einmal selbst Glaubensbegriffe erklären und umschreiben. Mir geht es um die Fähigkeit, solche Begriffe mit Erfahrungen aus dem eigenen Leben zu füllen und zu erklären.

DOMRADIO.DE: Warum macht es Sinn, sich über das Reden von Gott überhaupt Gedanken zu machen?

Köhler: Wir stellen fest, dass uns Äußerungen über unseren Glauben nicht leicht über die Lippen kommen. Religion und Politik sind zu Tabu-Themen geworden. Viele ziehen sich auf die Position, das sei Privatsache und gehe niemanden etwas an, zurück. Dabei sollten wir wieder mutig über Gott, der in unserer Welt zuhause ist, sprechen. Denn er hat für uns Lebensrelevanz. Wir leben in einer Welt, in der die Menschen zwischen vielen Angeboten frei wählen können. Und da entscheiden sich leider viele gegen den Gottesdienst oder andere kirchliche Angebote. Also sollten wir neue Situationen schaffen und fördern, in denen über Gott gesprochen werden kann und versucht wird, etwas Unsagbares wie Gottes Größe und seine Allmacht in Worte zu fassen, ohne dass es peinlich wird. Was uns früher über die vielen biblischen Geschichten möglich war, weil eine größere Vertrautheit mit ihnen bestand und auch das Abstraktionsvermögen größer war, müssen wir heute über andere Zugänge erreichen. Und beim Lesen der Bibel benötigen viele mittlerweile Übersetzungshilfen, obwohl die Themen in der Bibel eigentlich die Themen unseres Alltags sind.

DOMRADIO.DE: An welche denken Sie da konkret?

Köhler: Der Umgang mit Krankheit und Gebrechen, die Suche nach Heimat, Sehnsucht nach jemandem, der uns Sicherheit schenkt. Zu allen Themen, die in unserer Gesellschaft verankert sind, finden wir entsprechende Texte und Hinweise in der Bibel. Nun gilt es, neu darüber nachzudenken, wie wir sie übersetzen. Denn wenn wir Menschen von Gott begeistern wollen, müssen wir darüber sprechen. Das ist mein Credo. Sprache ist unser Medium. Wollen wir eine Neuevangelisierung, ist es notwendig, zunächst von dem zu sprechen, was uns erfüllt.

DOMRADIO.DE: Lässt sich das denn üben?

Köhler: Es ist ja nicht so, dass wir nicht kommunizieren. Schon wie ich über Gott spreche, ist eine Form von Kommunikation. Oder welche Haltung ich dabei einnehme, wie ich dabei aussehe, ob unerlöst oder mit Freude…Ich kann lernen, Inhalt und Form des Sprechens überein zu bringen. Das ist ja genau das, was momentan die Kirche in große Schwierigkeiten bringt. Wenn wir uns als „Geschwister im Glauben“ verstehen, aber streiten und in der Sache uneins sind, macht das die Kirche nach außen nicht gerade attraktiv. Die Form erzählt bereits viel über den Inhalt. Außerdem muss Kommunikation auf Augenhöhe stattfinden, wenn die Botschaft ankommen soll. Es geht weniger ums Belehren als um ein zweckfreies Erzählen von Gott. Wer authentisch sein will, muss Lebendigkeit beim Reden ausstrahlen und überzeugt von seiner Botschaft sein. Wir sind eine Institution mit einem hohen moralischen Appell – da fällt es auf uns zurück, wenn wir ausgerechnet unserem eigenen Anspruch nicht gerecht werden und das nicht leben. Die großen Dinge können wir selbst vielleicht nicht ändern. Aber Friedfertigkeit, Barmherzigkeit – das sind schon Ziele, die zu erreichen ich bei mir selbst anfangen kann.

DOMRADIO.DE: Welche Unterstützungsangebote gibt es dazu?

Köhler: Zum einen beraten wir Gemeinden zu Angeboten der Glaubensvertiefung. Da gibt es sehr unterschiedliche Varianten von Glaubensgesprächen und -kursen, die wir dann bedarfsgerecht und in Abstimmung mit der jeweiligen Gemeinde auswählen, Das kann ein Kurskonzept sein oder eben auch das Angebot eines einzelnen Abends. Ich schaue, welche Methode zu den Menschen passt, die erreicht werden sollen. Es macht einen Unterschied, ob es sich um „Fortgeschrittene“ in Sachen Glaubensarbeit handelt oder um einen Erstkontakt. Und zum anderen kann Glaubenskommunikation auch über Workshops, Schulungen und Fortbildungen laufen.

DOMRADIO.DE: Wie sieht das denn in den Gemeinden selber aus, wo sich das eigentliche Reden von, über und mit Gott abspielt? Gibt es da schon mal besondere Initiativen?

Köhler: Viele gute Ideen kommen in der Tat von der Basis selbst. So hat sich beispielsweise neulich eine Gemeinde ein klassisches missionarisches Projekt ausgedacht und am Bahnhof den Pendlern einen Reisesegen mit in die Ferien gegeben. Oder es gibt die Initiative „Himmelsleuchten“ in Düsseldorf, die sich zum Ziel gesetzt hat, auf Menschen zuzugehen und auf Kirche und den Glauben in der Stadt aufmerksam zu machen. Das sind gute Beispiele dafür, dass Menschen den Mut haben, den eigenen Glauben wieder ins Gespräch zu bringen. Mit welcher Haltung bin ich unterwegs? Was glaube ich? Wie werde ich sprachfähig? Das sind auch Fragen, die einen Pfarrgemeinderat beschäftigen können. Dann gehe ich in solche Gremien und gebe Hilfestellung dabei, Menschen von ihren eigenen Erfahrungen berichten zu lassen. Das sind spannende, mitunter sehr berührende Momente, die die Arbeit miteinander, aber auch das Leben der Menschen am Ort noch einmal völlig verändern können. Ich frage dann: Wer hat Dir von Gott erzählt? Welche biblische Figur fasziniert Dich? Natürlich brauchen Kita-Eltern da eine andere Ansprache als Senioren oder engagierte Frauen aus der kfd. Manches muss man auch einfach nur neu denken: Zum Beispiel kann es hilfreich sein, die unterschiedlichen Katechetenkreise, die auf Taufe, Kommunion oder Firmung vorbereiten, gemeinsam in den Blick zu nehmen. In größerer Runde über den Glauben ins Gespräch zu kommen, stärkt das Gruppengefühl, motiviert. Und wir können voneinander und miteinander lernen.

DOMRADIO.DE: Was fördert oder verhindert denn gelingende Kommunikation?

Köhler: Authentisches Auftreten ist der Schlüssel zu einer guten Kommunikation. Mir geht es darum zu vermitteln: Der Glaube ist ein Geschenk. Das heißt, es geht um ein Angebot, das meinem innersten Bedürfnis entspricht. Dazu gehört auch, den anderen ernst zu nehmen, wenn er dieses Angebot ablehnt, und ihn so zu lassen, wie er ist. Ganz wichtig: Ich will eine Begegnung auf Augenhöhe und keineswegs belehren oder partout etwas verkaufen. Aber natürlich hoffe ich, dass der andere sich diesem Angebot nicht verschließt.

Eine Kommunikation scheitert hingegen, wenn ich auf die Fragen und Zweifel des anderen nicht eingehe, wenn keine wirkliche Bereitschaft zu einem ehrlichen Dialog besteht oder ich nur Worthülsen nutze, die ich nicht mit Leben fülle. Positiv formuliert: Kommunikation gelingt nur dann, wenn sie lebensnah ist. Man muss sein Gegenüber da erreichen, wo es aktuell steht, und darf nicht das eigene Programm abspulen. Vielleicht hat mein Gesprächspartner auch nur den Kontakt zum Glauben verloren, dann kann man vielleicht wieder etwas wach kitzeln und Neugierde wecken. Wichtig ist: Wenn ich meinen Glauben zum Thema mache, muss ich ganz genau wissen, wovon ich spreche.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

(DR)

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