Auf dem Friedhof soll die Erinnerung wieder lebendig werden
Eine Amsel auf einem Grabstein

30.01.2019

Was tun mit Deutschlands leeren Friedhöfen? Kaffeetrinken in der Leichenhalle

Rund 15.000 der insgesamt 35.000 Hektar Friedhofsfläche in Deutschland liegen brach. Besonders in Berlin sind die vielen historischen Friedhöfe zu groß geworden. Wohnungen, Parks, Kunstprojekte - viele werden umgenutzt.

Die Decke wird von zahlreichen steinernen Säulen gestützt. An die nackte Wand ist in schwarzen, etwas verblassten Riesenlettern ein Bibelspruch gemalt: "Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben." Hier, wo im 19. Jahrhundert die Toten des Berliner Bezirks Neukölln vor der Bestattung in ihren Särgen aufgebahrt wurden, sitzt an einem kalten Tag Ende Januar ein junger Mann auf einem Sofa und trinkt einen Espre

Das Cafe in der ehemaligen Leichenhalle des evangelischen Sankt-Thomas-Friedhofs an der Hermannstraße ist neu: Eines von zahlreichen Projekten des Evangelischen Friedhofsverbandes Berlin Stadtmitte (EVFBS), zu dem 47 Friedhöfe gehören. Vor genau zehn Jahren wurde er gegründet, um für die ungenutzten Friedhofsflächen und -gebäude der evangelischen Gemeinden der Stadt Ideen zum Erhalt und zur Umnutzung zu entwickeln.

Ein wichtiges Ziel dabei: Trotz zurückgehender Bestattungsgebühren soll kostendeckend gearbeitet werden - denn auch, wenn die Friedhöfe leerstehen, muss die Kirche für die Pflege der Flächen aufkommen. Allein in Berlin werden 40 Prozent der insgesamt etwa 200 Friedhöfe nicht mehr für Beisetzungen benötigt.

Rückläufige jährliche Sterberate

Dass viele Friedhöfe mittlerweile zu groß sind, sei ein bundesweiter Trend, betont Alexander Helbach von der Verbraucherinitiative für Bestattungskultur namens Aeternitas: "In deutschen Städten liegen rund 15.000 Hektar der insgesamt 35.000 Hektar Friedhofsfläche brach." Grund dafür seien die rückläufige jährliche Sterberate sowie das sich wandelnde Bestattungswesen. "Die Feuerbestattung liegt mittlerweile bei 80 Prozent", sagt Helbach. Urnen, zumal wenn sie in Gemeinschaftsgräbern beigesetzt würden, benötigten weniger Platz.

Eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung - von Neumünster bis München machen sich Kommunen und Kirchengemeinden seit Jahren Gedanken über die Zukunft ihrer Friedhöfe.

In Berlin sei die Entwicklung besonders prägnant zu beobachten, findet Helbach. "Hier wohnen viele Menschen mit wenig Geld - eine Feuerbestattung ist einfach günstiger." Grund für die Veränderung des Bestattungswesens sei auch die "Verdrängung des Sterbens aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung", meint der Berliner Pfarrer Jürgen Quandt, der Geschäftsführer des Friedhofsverbandes ist.

Ihm ist bei seiner Arbeit wichtig, die historischen Friedhöfe der Stadt als "einmalig kulturelles Erbe" vor dem Verfall zu bewahren. Um für die Sanierung Geld zu erwirtschaften, verkauft der Verband nicht mehr benötigte Friedhofsflächen oder verpachtet sie. Voraussetzung: Die Nutzungskonzepte müssten wirtschaftlich tragfähig sein und "einen Beitrag zur sozialen Stadtentwicklung" leisten, erklärt Quandt.

Zahlreiche Projekte hat der Verband, zu dem ein großer Teil der denkmalgeschützten Friedhöfe in der historischen Mitte Berlins gehören, bisher in der Hauptstadt angestoßen: So will etwa auf dem Jerusalemer Friedhof Nummer fünf eine Stiftung aus Süddeutschland ein Kunsthaus errichten, das sich in seinen Ausstellungen mit Nachhaltigkeit beschäftigt. Ein neu gebautes "Journalistenhaus" soll ausländischen Journalisten, in deren Ländern keine Pressefreiheit herrscht, freies Arbeiten ermöglichen. Anderswo gibt es Spielplätze, Umgestaltung in Parks, oft auch Wohnungsbau.

Ruhestätten anderen Konfessionen anbieten

Die Idee, nicht mehr genutzte Flächen muslimischen Gemeinden als Ruhestätten anzubieten, liegt ebenfalls nahe: Der Islam kenne aus Glaubensgründen keine Feuerbestattung und die Stadt Berlin sei auf der Suche nach Friedhofsflächen für verstorbene Muslime, weiß Quandt.

Konkrete Planungen in diese Richtung gebe es zur Zeit zwar nicht, aber: "Wir sind interreligiös und ökumenisch offen", betont er. Auf dem Friedhof Sankt Thomas gebe es etwa mittlerweile auch Bestattungsmöglichkeiten für die Alevitische Gemeinde.

Und was passiert, wenn bei den diversen Bauarbeiten Knochen von Verstorbenen gefunden werden? "Wir legen in jedem Kaufvertrag fest, dass Gebeine geborgen werden müssen, und sorgen für eine angemessene Nachbestattung", erzählt Quandt. Pietätsprobleme habe er damit nicht, sagt er und lächelt. "Zu allen Zeiten sind Friedhöfe entstanden und wieder verschwunden."

Nina Schmedding
(KNA)

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