Welche Rolle kann die Kirche bei Alleinerziehenden spielen?
Welche Rolle kann die Kirche bei Alleinerziehenden spielen?
Gertrud Ganser, Dipl.- Psychologin
Gertrud Ganser, Dipl.- Psychologin

04.11.2018

Alleinerziehendenpastoral im Erzbistum Köln "Was man für die Eltern tut, kommt auch den Kindern zugute"

Trennen sich Vater und Mutter, stellt das die ganze Familie vor eine große Herausforderung. Denn nun muss eine neue Familienstruktur entwickelt werden. Welche Rolle der Kirche dabei zufallen kann, erläutert Diplompsychologin Gertrud Ganser.

DOMRADIO.DE: Frau Ganser, vor kurzem haben Sie zu einem Wochenende eingeladen, bei dem Alleinerziehende Ideen und Wünsche gesammelt haben, um daraus Projekte zu entwickeln, die den Alltag Alleinerziehender leichter und auch schöner machen sollen. Im Erzbistum Köln gibt es eine Alleinerziehendenpastoral seit fast fünf Jahrzehnten. Wie viele Menschen sind von diesem Thema betroffen?

Gertrud Ganser (Diözesanreferentin für Alleinerziehendenpastoral): Etwa jede fünfte Familie mit mindestens einem minderjährigen Kind ist eine Alleinerziehendenfamilie. Vor 20 Jahren gab es noch ein Viertel weniger. Nach Schätzungen ist außerdem fast jede zehnte Familie eine sogenannte Patchworkfamilie, also eine Familie, in der mindestens ein Elternteil vorher alleinerziehend war und das auch weiterhin ist, da ein Elternteil außerhalb lebt oder verstorben ist. Man geht grundsätzlich davon aus, dass – trotz der hohen Scheidungszahlen – etwa 75 Prozent der Kinder unter 18 Jahren mit beiden leiblichen Elternteilen aufwachsen.

DOMRADIO.DE: Mittlerweile spricht man ja auch eher von Getrennt-Erziehenden. Was steckt hinter dieser Begriffsdifferenzierung?

Ganser: Seit der großen Kindschaftsrechtsreform 1998, die das Wohl der Kinder in den Mittelpunkt stellte und das Recht des Kindes auf Kontakt zu beiden Elternteilen gestärkt hat, teilen sich bei einer Trennung oder Scheidung mehr als 95 Prozent der Eltern das Gemeinsame Sorgerecht für die Kinder. Eine Gesetzesänderung, die vor drei Jahren in Kraft getreten ist, erleichtert es zudem nicht-verheirateten Vätern, dieses Gemeinsame Sorgerecht zu erhalten. Und so sieht es im Alltag der meisten getrennten und gemeinsam erziehenden Väter und Mütter so aus, dass beide an der Erziehung beteiligt sind und bedeutsame Entscheidungen, beispielsweise auf welche Schule ein Kind geht oder wie es im Ernstfall medizinisch behandelt wird, von Vater und Mutter gemeinsam getroffen werden müssen. Diese Änderungen der Gesetzeslage haben bewirkt, dass eine Beteiligung der Väter nach einer Trennung selbstverständlicher geworden ist und die Mehrheit der getrennten Paare zum Wohle der Kinder kooperiert und diese paritätische Beteiligung an der Erziehung der gemeinsamen Kinder – trotz bestehender Verletzungen, auszutragender Konflikte und manchmal sehr schmerzlicher Begegnungen – auch relativ gut hinbekommt. Viele sagen nach einigen Jahren, dass sich all diese Bemühungen gelohnt haben. Denn dann hat sich meistens das Verhältnis zwischen Vater und Mutter beruhigt, und alle profitieren davon: die Kinder, denen Vater und Mutter erhalten bleiben, und die beiden Elternteile, die sich gegenseitig als Stütze erleben.

DOMRADIO.DE: Wie kam es denn dazu, dass das Erzbistum Köln hier für sich ein pastorales Feld entdeckt hat?

Ganser: Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in der kirchlichen Frauenarbeit und den damit verbundenen Mütterschulen die sogenannte Witwenarbeit. Etwa 20 Jahre später, in den 60er Jahren, kam es zu steigenden Scheidungszahlen, und so rückten die getrennt lebenden und geschiedenen Frauen mit ihrer schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Situation zunehmend in den Blick. In dieser Zeit bildeten sich in den Mütterschulen erste regionale Gruppen zur Unterstützung und zur gegenseitigen Stärkung. In den 70er Jahren bot daraufhin dann das Erzbistum Köln erstmals für Frauen nach Trennung Wochenenden an, weil man diese Mütter in finanzieller Not seelisch und spirituell stärken wollte. Noch heute gibt es solche mehrtägigen Veranstaltungen mit Kinderbetreuung für wenig Geld. Denn nach wie vor ist die Situation von Familien nach Trennung oft eine prekäre. Darüber hinaus gibt es mittlerweile auch Angebote in den Gemeinden und viele andere Initiativen bis hin zu dem vom Erzbistum unterstützten Internet-Blog www.getrenntmitkind.de, der von der Journalistin Christina Rinkl betrieben wird. Dort schreibt sie über den Alltag als Getrennt-Erziehende, über Schwieriges und über das, was gut ist. So will sie auch anderen Frauen Mut machen.

DOMRADIO.DE: Wo sehen Sie denn das größte Problem, mit dem Alleinerziehende zu tun haben?

Ganser: Hinter dem Begriff „Alleinerziehende“ verbirgt sich eine große Heterogenität. Dennoch kann man grundsätzlich sagen, dass die Gruppe der Alleinerziehenden im Vergleich zu anderen Lebensformen am stärksten von Armut betroffen ist. Zahlen aus dem Jahr 2017 zeigen, dass das Pro-Kopf-Einkommen in Alleinerziehendenfamilien um 20 Prozent niedriger ist als in Haushalten, in denen zwei Erwachsene mit Kindern leben. Viele geraten in Not, wenn unerwartete Ausgaben nötig werden, und können sich oft jahrelang keinen Urlaub leisten. Mehr als jede dritte Alleinerziehende ist auf staatliche Unterstützung angewiesen. Darunter befindet sich ein Drittel Alleinerziehender, die trotz Erwerbstätigkeit kein ausreichendes Einkommen haben. Das ist katastrophal. Wenn eine Mutter Teilzeit arbeitet, hat sie oft – trotz Unterhaltszahlungen des Vaters für die Kinder – nicht ausreichend Geld zur Verfügung. Und eine Vollzeitstelle ist für viele nicht mit der Kinderbetreuung zu vereinbaren oder schlichtweg auf dem Arbeitsmarkt nicht zu bekommen. Diese Menschen brauchen ganz besonders unsere Aufmerksamkeit, weil sie mit jedem Euro rechnen müssen und sich zwischendurch keinerlei Auszeit oder mal einen Babysitter leisten können. Hier sind aus meiner Sicht staatliche Stellen dringend in der Pflicht, die finanzielle Situation Alleinerziehender zu verbessern, zum Beispiel durch ein bedarfsgerechtes Kindergeld, wie es viele Sozialverbände seit langem fordern.

DOMRADIO.DE: Haben Getrennt-Lebende und Alleinerziehende denn ihren Platz in der Kirche?

Ganser: Es gibt bei erschreckend vielen die Vorstellung: Nach einer Trennung vom Ehepartner gehöre ich nicht mehr dazu, da brauche ich mich gar nicht erst an eine kirchliche Einrichtung zu wenden. Was so aber ja gar nicht stimmt! Entsprechend sind wir gefordert, ein pastorales Klima zu schaffen, dass Menschen, die den Lebensentwurf Ehe nicht mehr leben können, Kirche als offen und unterstützend erleben: mit gezielten gemeindlichen Initiativen für Alleinerziehende, beispielsweise einem Sonntagsbrunch oder Gesprächskreisen, mit der Einladung an alle Väter und Mütter bei Familienangeboten und dann gerade mit großer Achtsamkeit bei der Gestaltung der Erstkommunionvorbereitung. Menschen, die sich schon früher zur Gemeinde zugehörig fühlten, spüren meist, dass sie auch als Getrennt-Lebende willkommen sind. Diejenigen aber, die keine kirchliche Bindung haben, wenden sich in ihrer Not eben gar nicht erst an die Kirchengemeinde. Dabei sind wir gerade hier ganz besonders gefordert zu zeigen: Wir sind für Menschen in Trennungssituationen da. Wir wollen mehr von Euch erfahren, von Euch lernen, und wir können Euch in Notsituationen auch unterstützen. Ihr habt einen wichtigen Beitrag zu unserer Gemeinschaft zu leisten und seid willkommen. Diese Haltung muss noch deutlicher zum Ausdruck kommen. Außerdem ist es so, dass – neben der Inanspruchnahme regionaler Aktivitäten in den Gemeinden – auch viele durch Katholische Beratungsstellen und die kirchlichen Sozialverbände in Kontakt mit Kirche kommen.

DOMRADIO.DE: Welchen Beitrag konnte denn dieses Werkstatt-Wochenende für Alleinerziehende neulich leisten?

Ganser: Es ging darum, Frauen dazu zu motivieren, einmal selbst eine Projektidee im eigenen Umfeld auf die Beine zu stellen, die auch anderen Alleinerziehenden den Alltag erleichtert: einen Stammtisch etwa, einen Frühstückstreff, eine Freizeitbörse oder einen Notdienst für plötzliche Krankheitsfälle. Werkstatt bedeutet, etwas zu entwickeln und auszuprobieren. Wir laden also zu einem Prozess ein und sind neugierig auf das, was entstehen wird. Im Frühjahr soll es dann eine Präsentation aller Projekte geben. Manche Aktivitäten enden vielleicht frühzeitig, andere bleiben bestehen oder gehen erst richtig los. Wir werden sehen…

DOMRADIO.DE: Welche Ansätze gibt es in der Alleinerziehendenpastoral?

Ganser: Neben unseren bistumsweiten Angeboten – übrigens auch für Großeltern, die unter der Trennung oder Scheidung ihrer Kinder oft gleichermaßen leiden und Sorge um ihre Enkelkinder haben – wollen wir besonders die regionale Arbeit ausbauen, indem wir bestehende Initiativen unterstützen, neue anzustoßen, sie begleiten und Fortbildungen anbieten. Die Ideenwerkstatt ist ein Beitrag dazu. Denn Alleinerziehende brauchen zielgerichtete Angebote – auch die Verwitweten unter ihnen. Es geht darum, auf diese Menschen bewusst zuzugehen, sie mit ihren Fragen einzuladen, so dass sie erfahren können, von Gott getragen zu sein und an einem „Leben in Fülle“ teilzuhaben. Ich erlebe immer wieder, dass es gerade auch unter den Kirchenfernstehenden eine große Offenheit für Sinnfragen, spirituelle Angebote und Glaubensthemen gibt. Es ist bereichernd zu erleben, wie sich manche in persönlichen Begegnungen öffnen, ihre Sehnsucht nach gelingendem Leben in Verbindung mit dem christlichen Glauben bringen und diese tragenden Erfahrungen in ihren Alltag mitnehmen können.

DOMRADIO.DE: Erfahrungsgemäß sind es ja eher die Frauen, die sich von solchen Angeboten ansprechen lassen…

Ganser: In der Tat, der Großteil unserer Kursteilnehmer besteht aus Frauen. Bei Männern ziehen eher die erlebnispädagogischen Angebote wie zum Beispiel das Vater-Kind-Zelten. Unter dem Label „Alleinerziehende“ können wir Väter – wenn überhaupt – nur so erreichen. Interessant für beide ist da schon eher der Kurs „Kinder im Blick“, der sich – wie vieles von uns – gleichermaßen an Mütter und Väter in Trennungssituationen richtet, aber die Besonderheit hat, dass Vater und Mutter zwar denselben Kurs besuchen, aber in zwei unterschiedlichen Gruppen sitzen, also getrennt voneinander dieselben Themen bearbeiten. Sie erlernen und trainieren das gleiche, nur eben zu anderen Zeiten oder an verschiedenen Orten. Hier richtet sich der Fokus auf das Kind; was es in der Trennungssituation braucht, was Vater und Mutter für sich tun und wie beide für eine gelingende Kommunikation miteinander sorgen können. Denn auch Väter sind oft in großer Not – das wird manchmal gar nicht gesehen – weil sie in der Regel weniger im Alltag Kontakt zu ihren Kindern haben, aber fürchten, den wenigen Kontakt vielleicht noch ganz zu verlieren.

DOMRADIO.DE: Wie erleben Sie die Menschen, mit denen Sie arbeiten?

Ganser: Menschen, die sich trennen, sind in einer Krisen- und Umbruchsituation. Sie trauern um den Verlust eines Menschen, um den Verlust der Liebe, die sie mit einem Menschen verbunden hat, und um den Verlust eines Lebensentwurfs. Mein Anliegen ist, dass Alleinerziehende im Austausch miteinander Unterstützung und Solidarität erleben, Wertschätzung erfahren, Anstöße für die Gestaltung ihrer Zukunft erhalten und positive Erfahrungen mit Glauben und Kirche machen. So können Hoffnung und Zuversicht wachsen, und ihr Leben wird an „Fülle“ gewinnen.

Seitdem ich mit Alleinerziehenden arbeite, habe ich einen großen Respekt davor entwickelt, was Mütter und Väter nach einer Trennung leisten. Es ist anstrengend, die vielfältigen Anforderungen des Alltags zu meistern. Darüber hinaus nehmen sie es auf sich, zum Wohle ihrer Kinder als Vater und Mutter in Kontakt zu bleiben – trotz meist starker Gefühle, wie Ohnmacht, Wut und Trauer. Es ist übrigens auch eine Form der Trauerarbeit, damit umgehen zu müssen, sich nicht gemeinsam an den richtig schönen Momenten – den ersten Schritten oder Worten eines Kindes – erfreuen zu können. Unser Augenmerk liegt auf der Stärkung beider Eltern. Und wir machen die Erfahrung: Alles, was man für die Eltern tut, kommt auch den Kindern zugute.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

(DR)

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