15.02.2018

Theologe und Psychiater Manfred Lütz über eine "gute Sterbestunde" "Man muss dafür beten"

"Ich bete jeden Tag für eine gute Sterbestunde für mich und meinen Bruder." Mit diesem Worten hat der Bruder von Benedikt XVI., Georg Ratzinger, diese Woche aufhorchen lassen. Kann man denn sagen, was eine gute Sterbestunde auszeichnet?

DOMRADIO.DE: Wenn man an die Sterbestunde denkt, dann haben viele Menschen oft Angst davor. Man fragt sich: Wie wird es mir dann gehen und was wird passieren. Wie berechtigt sind diese Ängste?

Dr. Manfred Lütz (Psychiater und Theologe): Man hört immer wieder, dass die Menschen nicht so sehr vor dem Tod Angst haben, sondern davor, mit Schmerzen oder einsam sterben zu müssen. Da gibt es heutzutage die Hospizbewegung, die gerade das bekämpft. Ihr Ansinnen ist es, dass man im Hospiz würdevoll und selbstbestimmt sterben kann. Das äußert sich darin, dass man die Ärzte bitten kann, einen noch möglichst lange am Leben zu lassen, um beispielsweise noch die Tochter aus Australien zu erleben. Andererseits gibt es auch diejenigen, die Krebs haben, mit ihrem Leben abgeschlossen haben und eigentlich sterben wollen und deshalb die Ärzte bitten, nicht noch einmal eine Lungenentzündung zu behandeln. Selbstbestimmtes und möglichst schmerzfreies Sterben gibt es heute im Hospiz. Das sind die Ängste, die die Menschen haben. Darauf braucht man auch Antworten.

DOMRADIO.DE: Andererseits sehen viele auch mit Hoffnung ihrem Ende entgegen, wie Georg Ratzinger. Er betet für eine gute Sterbestunde. Ist dieses Gebet schon eine Art gedankliche Vorbereitung?

Lütz: Ich finde Georg Ratzinger ja ganz toll. Ich kann mich daran erinnern, als damals Papst Benedikt XVI. gewählt wurde, da wurde er von einer jungen Journalistin interviewt und gefragt, ob er sich freuen würde, dass der Bruder zum Papst gewählt wurde. Daraufhin hat Georg Ratzinger geantwortet, dass er sich eigentlich nicht wirklich freuen würde. Der arme Bruder habe jetzt so viel mehr zu tun. Aber, ob er denn stolz sei, hakte die Journalistin nach. Aber auch Stolz sei keine Kategorie für ihn, antwortete Georg Ratzinger dann. Das war sehr lieb, aber auch menschlich und normal.

Und so wirkt auch der emeritierte Papst Benedikt auf mich. Das heißt, mit einer gewissen Gelassenheit auf die Sterbestunde zuzugehen, ist etwas, was man vielleicht von diesen Menschen lernen kann. Wobei man ja selber nicht weiß, ob man nicht gleich sterben könnte. Wir verdrängen das ja eher.

Im Grunde gehen wir alle auf das Sterben zu. Wenn man das "Ave Maria" betet, dann betet man dauernd für eine gute Sterbestunde. In der berühmten Bitte Papst Alexanders VI. heißt es: "Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen." Wenn man das nicht einfach runterleiert, sondern ganz bewusst sagt, "Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns in der Stunde unseres Todes", dann beten wir auch für eine gute Sterbestunde. Denn das sind die beiden wichtigsten Momente des Lebens: Was man jetzt tut und die Stunde des Todes.

DOMRADIO.DE: Das Ende des Lebens kündigt sich nicht immer an, manchmal aber schon. Die Muskelkraft bei Benedikt beispielsweise lässt nach, man sieht und hört oft nicht mehr so gut, die Welt verlangsamt sich. Viele erschreckt dieser körperliche Abbau. Aber kann darin auch etwas Positives liegen?

Lütz: Daran kann man sicherlich auch etwas Positives finden. Aber man sollte das auch nicht glorifizieren. Natürlich ist es lästig, dass einem etwas weh tut und dass man nicht mehr so viel kann wie früher. Aber da ist die Frage, ob man wirklich eine fundierte, auch religiöse Haltung hat. Das stellt sich dann, ob man kirchlich nur einfach so bei Veranstaltungen mitgeschwommen ist oder ob es wirklich tiefer geht. Das habe ich bei Papst Benedikt immer erlebt. Er ist jemand, der mit einer großen Gelassenheit, einer großen Ruhe und sehr wach diesen existentiellen Fragen gegenübersteht.

DOMRADIO.DE: Was er dazu gesagt hat, rührt einen schon fast. Er hat gesagt: "Langsam schwinden die physischen Kräfte, innerlich bin ich auf der Wallfahrt nach Hause". Die christliche Hoffnung spielt dabei auch eine große Rolle, oder?

Lütz: Ja. Benedikt XVI. hat aber auch Humor. Vor zwei Jahren habe ich ihn einmal besucht. Ich habe ihn damals gefragt, wo ich mich denn hinsetzen könne und er hat darauf geantwortet, ich solle mich doch an diesen bestimmten Platz setzen, weil er auf einem Ohr nicht so gut höre. Dann habe ich erwidert, dass es bei mir auch Schwierigkeiten mit dem Hören gebe. Woraufhin Benedikt wiederum entgegnete, das beginne nicht mit 60 Jahren, sondern erst mit 80 Jahren.

Er und Georg Ratzinger sind keine Menschen, die dramatisch sagen, man solle an die Sterbestunde denken, sondern die das mit einem tiefen Glauben und einer tiefen inneren Gelassenheit und Gewissheit hinnehmen. Wir stehen da nie drüber. Man muss dafür beten. Das heißt, jeden Tag sind wir immer wieder gefährdet, rein oberflächlich zu leben.

Ich trete ja auch im Kabarett auf und sage den Leuten dann auch, wenn ich ihnen jetzt mitteilen könnte, wann sie sterben, also das genaue Datum, dann bin ich sicher, dass sie morgen schon anders leben werden, weil ihnen klar ist, dass ein es unwiederholbarer Tag weniger auf der Rechnung ist. Den bekommt man nie wieder. Nun ist es aber so, dass wir alle sterben und dass auch der morgige Tag ein unwiederholbarer Tag weniger auf der Rechnung ist. Nichts kann man wiederholen.

Wenn man sich klar macht, dass man beispielsweise in zwei Wochen sterben würde, dann würde man doch nicht vor dem Fernseher abhängen oder irgendwelchen oberflächlichen Quatsch machen. Dann würde man doch Menschen besuchen, die einem wichtig waren, mit den Kindern reden, mit den Feinden versöhnen. Warum fangen wir nicht jetzt schon damit an? Der Aschermittwoch und die Fastenzeit erinnern daran, dass wir sterbliche Menschen sind und dass es jederzeit passieren kann. Damit kann man sofort anfangen.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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