Volkskrankheit Demenz
Zum Lachen oder Weinen?

06.09.2016

Demenz-Expertin wünscht sich mehr medikamentöse Möglichkeiten Opfer für die Gemeinschaft?

Gesundheitsminister Gröhe will die Forschung an schwer Demenzkranken erlauben. Dazu wäre eine Gesetzesänderung nötig. Über die Bedenken spricht Ärztin Ursula Sottong. Sie leitet das Malteser Demenz Kompetenzzentrum in Köln.

domradio.de: Demenzkranke kann man nicht mehr fragen, ob sie einverstanden sind. Sind solche Tests dann überhaupt ethisch vertretbar?

Dr. Ursula Sottong (Leiterin des Malteser Demenz Kompetenzzentrums in Köln): Das ist eine ganz schwierige Frage, die man weder mit Ja noch mit Nein beantworten kann. Medikamententests sind ja grundsätzlich notwendig, damit wir zu dem Zeitpunkt des Verkaufs in den Apotheken überhaupt wissen, ob es überhaupt die Wirkung hat, die wir erwarten und möglichst wenige Wirkungen hat, die wir nicht wollen. Kein Medikament ist ohne Wirkung und ohne Nebenwirkung. Wir haben es bis vor 20 Jahren erlebt, dass neue Medikamente aus mehreren Gründen in der Regel an jungen Männern getestet wurden. Erstens haben die noch keine anderen Erkrankungen, die so einen Test stören würden. Zweitens können sie auch nicht schwanger werden. Vor 20 Jahren ist dann die Regelung eingeführt worden, dass Medikamente, wenn sie denn an Frauen Verwendung finden, auch an Frauen getestet werden. An der Stelle wird es schon schwierig.

Jetzt haben wir die Situation, dass ein Demenzkranker - davon nehme ich einmal die früh beginnende Demenz raus - in der Regel für sich selber eigentlich nicht mehr überblicken kann, ob er oder sie mögliche Nebenwirkungen in Kauf nimmt. Da im Zweifelsfall eine betreuende Person über diesen Menschen entscheiden muss, macht es die Sache auch noch schwieriger. Wir warten auf Medikamente für Demenzkranke. Wir haben aber vor einigen Monaten in Frankreich auch erlebt, dass ein Medikamentenversuch bei zwei jungen Männern zu schweren Erkrankungen und sogar zu einem Todesfall geführt hat.

domradio.de: Haben die Demenzkranken eventuell in einer Patientenverfügung vorher solchen Tests zugestimmt oder geht man völlig über ihren Willen hinweg?

Sottong: Die Frage, die sich stellt, ist doch, ob man ohne eine Demenz zu haben, überblicken kann, was in 30 Jahren mit einem passiert und welche Medikamente dann auf dem Markt sind und ob man Risiken auf sich nimmt, die damit verbunden sind. Darüber kann man heute noch nicht aufklären. Man gibt quasi eine pauschale Erlaubnis, an einem selbst zu testen. Es wird aber in jedem Fall eine Risikoaufklärung erfolgen müssen. Dann kann möglicherweise jemand sagen, dass man nicht weiß, ob irgendetwas Unvorhergesehenes passiert.

Demenzerkrankte Menschen reagieren - auch in ihrem Gehirn - anders, als wir das bei Nicht-Demenzerkrankten erwarten. Wir wissen, dass sich unter Narkosen, unter bestimmten Medikamenten die Demenz per se verschlechtert. Das bedeutet, dass unabhängig von der Frage, ob ein Medikament unerwünschte Nebenwirkungen hat, immer noch die Frage hinzukommt, ob wir das Ergebnis nicht neben allem anderen verschlechtern. Das ist sehr, sehr schwierig zu entscheiden.

Im Bundestag wurde diese Debatte immer wieder verschoben. Es gab den Wunsch, den Fraktionszwang aufzuheben. Im Grunde genommen kann niemand von uns klar Ja oder Nein sagen, sondern nur für sich entscheiden, ob man sich das wünscht oder nicht. Wenn ich mir vorstelle, ich würde eines Tages eine Demenz bekommen und bin eigentlich ganz gut unterwegs, dann warte ich halt auf Medikamente und möchte bestimmte Risiken nicht eingehen. Dann schließt sich direkt die Frage an, ob das jemand gewährleisten kann oder nicht.

domradio.de: Gibt es aus christlicher Warte eine Position zu dem Thema?

Sottong: Die große Frage ist immer nach dem Lebensschutz des einzelnen Menschen. Es geht immer darum, kann oder soll der einzelne für die Gemeinschaft ein Opfer bringen, und dann geht es darum, ob er in diesem Moment in der Lage ist, dieses Opfer für sich selber einzuschätzen und zu entscheiden.

Wir haben zurzeit einige wenige Medikamente für Menschen mit Demenz, von denen wir wissen, dass sie zumindest Stabilität ermöglichen und so die Teilhabe am sozialen Leben unterstützen. Das sind Medikamente, die natürlich auch getestet worden sind. Es ist sehr schwierig, das gut zu finden, gleichzeitig aber keine Tests an sich selbst oder Verwandten zu wollen. Als Ärztin würde ich mir wünschen, dass wir mehr medikamentöse Möglichkeiten haben.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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