Trauer nach der Amokfahrt von Nizza
Trauer nach der Amokfahrt von Nizza
Bianca Biwer
Bianca Biwer

21.07.2016

Der Weiße Ring zu den Terroranschlägen von Nizza und Würzburg "Opfer spielen nur eine Nebenrolle"

Die Opferschutzorganisation Weißer Ring ruft dazu auf, Opfern von Terroranschlägen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Der Focus der Berichterstattung liege immer mehr auf dem Täter, sagt Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer im Interview.

KNA: Nach der Attacke von Würzburg reden alle vom jugendlichen Täter, aber kaum jemand von den Opfern. Kommen die Opfer zu wenig vor?

Bianca Biwer (Bundesgeschäftsführerin der Opferschutzorganisation Weißer Ring): In der Tat beobachten wir immer wieder, dass Opfer in der Berichterstattung und in der öffentlichen Wahrnehmung keine große Rolle spielen. Der Fokus liegt immer auf dem Täter - seinem Aussehen, seinen Motiven, seinen Gedankengängen. Das Opfer spielt dagegen eine Nebenrolle. Seine Nöte, Belange und Bedürfnisse werden gern ausgeklammert. Die Berichterstattung zu den Terroranschlägen ist wieder ein aktuelles Beispiel dafür. Neu ist das Phänomen aber nicht.

KNA: Kümmert sich in Deutschland jemand gezielt und längerfristig um die Opfer von Nizza oder Würzburg?

Biwer: Aus genau diesem Grund hat sich der Weiße Ring vor 40 Jahren gegründet: Wir wollen allen Opfern von Straftaten eine Stimme geben. Hinter jedem Fall steht ein eigenes Schicksal. Familie und soziales Umfeld sind oft erste Hilfeinstanzen.

Durch unsere bundesweit 420 Außenstellen und unser kostenloses Opfer-Telefon mit der Rufnummer 116 006 können wir flächendeckend Hilfe leisten für Menschen, die in Deutschland oder als Deutsche im Ausland zum Opfer einer Straftat geworden sind. Unsere 3.200 ehrenamtlichen, professionell ausgebildeten Mitarbeiter geben unter anderem Trost und Beistand und begleiten bei Gängen zu Behörden und zur Polizei. Sie vermitteln aber auch finanzielle und weiterführende Hilfen. Auch der Staat stellt für Opfer extremistischer Übergriffe finanzielle Hilfen bereit.

KNA: Wie sehen die genau aus?

Biwer: Wer als Deutscher oder Ausländer, der sich berechtigt im Bundesgebiet aufhält, Opfer eines extremistischen Übergriffs wird, kann sogenannte Härteleistungen vom Staat erhalten. Auch Hinterbliebene von Opfern können entsprechende Anträge stellen. Diese freiwillige Leistung bietet der Staat Betroffenen seit 2001 an. Die Härteleistungen für Opfer extremistischer Übergriffe werden vom Bundesamt für Justiz als staatlicher Akt der Solidarität definiert und sollen als Soforthilfen - also ohne große bürokratische Hürden - Betroffene schnell unterstützen. Außerdem sind sie ein deutliches Zeichen dafür, dass der Staat derartige Übergriffe ächtet.

Insbesondere nach dem Bekanntwerden der Straftaten des Nationalsozialistischen Untergrunds haben sich der Weiße Ring, aber auch das Bundesamt für Justiz, darum bemüht, das Angebot bei Betroffenen und Opferhelfern bekannter zu machen. Ein weiterer Weg ist auch das Opferentschädigungsgesetz, das nicht nur bei Taten im Inland, sondern auch in sogenannten grenzüberschreitenden Fällen Leistungsansprüche für von Straftaten Geschädigte regelt. Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang auch die von der Bundesregierung eingerichtete Koordinierungsstelle NOAH, die kurz- und längerfristige Hilfen für Opfer von Anschlägen im Ausland und deren Angehörige koordiniert.

KNA: Wie verarbeitet man als Opfer solche Terroranschläge?

Biwer: Jeder Mensch verarbeitet massivste Eingriffe in seine Lebensgestaltung auf seine Weise. Wir unterstützen ihn dabei - je nachdem, was er braucht. Häufig sind Opfer durch die Tat psychisch sehr stark belastet. Dann helfen wir natürlich dabei, dass sie kurzfristig eine psychotraumatologische Unterstützung bekommen. Dazu haben unsere Mitarbeiter vor Ort entsprechende Netzwerke aufgebaut.

Gleiches gilt auch für juristische Unterstützung und finanzielle Hilfen. Aus unserer Erfahrung können wir sagen, dass ein Unterschied zwischen Opfern eines Terroraktes und Opfern individueller Gewalt pauschal kaum zu benennen ist.

KNA: Die Terroranschläge verbreiten Angst bei vielen Menschen. Wie soll man - als Tourist auf Flughäfen oder als Besucher öffentlicher Veranstaltungen - am besten reagieren?

Biwer: Es gibt keinen hundertprozentigen Schutz vor Straftaten wie extremistischen Anschlägen. Das sagen Terrorexperten immer wieder - und das ist auch aus unserer Sicht eine Tatsache, die wir akzeptieren müssen. Es ist daher schlicht unmöglich, Richtlinien und Muster-Empfehlungen aufzustellen, wie sich Gefahr - und Opferwerdung - minimieren oder gar verhindern lassen. Fest steht: Wir müssen lernen, mit der Gefahr zu leben. Fest steht aber auch: Das Sicherheitsniveau in Deutschland ist hoch.

Und so lange es keine konkreten Warnungen gibt, wird dazu geraten, das eigene Leben nicht einzuschränken. Das schließt eben auch ein, weiterhin öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen oder öffentliche Orte und Veranstaltungen aufzusuchen. Natürlich gibt es generelle Verhaltenstipps, wie sich Reisende oder Festival-Besucher verhalten sollten, um sicherer unterwegs zu sein: in der Gruppe bleiben und aufeinander aufpassen, wachsam bleiben, im Zweifel das Sicherheitspersonal verständigen, im Notfall die Polizei rufen, auf das eigene Bauchgefühl hören.

Dies sind aber, wie gesagt, generelle Tipps, um beispielsweise die Gefahr zu minimieren, ausgeraubt oder körperlich angegriffen zu werden. Auf einen Terroranschlag gut vorbereiten oder ihn sogar gänzlich verhindern können diese Tipps natürlich nicht.

Das Interview führte Christoph Arens.

(KNA)

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