Eine als antisemitisch und rassistisch kritisierte Predigt hat für einen ehemaligen Ordensmann in Polen kein gerichtliches Nachspiel.
Die Kanzel - bald auch ein Ort für Frauen?

04.03.2016

Rottenburger Pastoralreferentin über Frauenpredigten "Die Kraft des Heiligen Geistes ist am Werk"

In Eucharistiefeiern predigen ist eigentlich allein Sache von Klerikern. Ausgerechnet eine Verlautbarung aus dem Vatikan hat nun eine Debatte über Frauen auf der Kanzel ausgelöst. Birgit Droesser, Pastoralreferentin a.D. aus Rottenburg, betreut schon seit einigen Jahren ein Internetportal für Frauenpredigten.

domradio.de: Wer in einem Gottesdienst predigen oder eine Ansprache halten darf – dazu gibt es Regelungen – wie sieht die Praxis in der Diözese Rottenburg-Stuttgart aus?

Droesser: Natürlich predigen auch hier Laien, Frauen und Männer in vielen Andachten, Wortgottesfeiern, bei Familiengottesdiensten usw. Aber wenn es sich um die Eucharistiefeier handelt, da gibt es die strikte Regel, dass die Predigt nur dem geweihten Mann, dem Priester oder Diakon vorbehalten ist. In den 70er Jahren kamen dann Laien in die Gemeindeberufe: Gemeindereferenten und Pastoralreferenten. Und dann kam 1988 das Predigtverbot für Laien. Der Grund: Es hatte sich die Praxis entwickelt, dass Laien auch in der Eucharistiefeier predigten.

domradio.de: Sie betreuen die Internetseite kath-Frauenpredigten.de – Finden Sie, dass Frauen predigen sollten?

Droesser: Auf jeden Fall. Durch das Abschneiden, das Verbot der Laienpredigt in der Eucharistiefeier, kam es dazu, dass jetzt gar keine Frauenpredigt mehr in der Eucharistiefeier zu hören ist. Denn Priester sind Männer, Diakone auch, und die Frauen kommen so überhaupt nicht mehr zu Wort. Auf unserer Seite gibt es ja nur einen kleinen Geschmack von Predigt, man kann sie nur lesen. Im Grunde gehört ja dazu auch, dass man sie hören kann, die Person auch sieht. Das ist aber in der Diözese Rottenburg Stuttgart nur in außerordentlichen Situationen möglich.

domradio.de: Und dieser Zustand hat Sie auch auf die Idee mit der Seite für Frauenpredigten gebracht?

Droesser: Ja. Ich war 30 Jahre lang als Pastoralreferentin im Dienst und habe es erlebt, dass manche Priester diese so genannten „außerordentlichen Situationen“ so deuten, dass sie mich und andere Kolleginnen auch zulassen zur Predigt. Und andere Priester eben nicht. Also war das etwas willkürlich.

Bei uns hatte der Diözesanrat das so entschieden, dass jeder Priester für sich entscheiden kann, ob er sich psychisch oder physisch überfordert fühlt, und aus diesem Grund mit seiner riesigen Seelsorgeeinheit mit seinen vielen Verpflichtungen auch die Laien in gewissen Abständen zur Predigt in der Eucharistiefeier zulässt. Und da hängt es eben immer davon ab, wie ein Kirchengemeinderat, wie ein Priester, ein leitender Pfarrer, in der Seelsorgeeinheit sich dazu stellt. So gibt es große Unterschiede. In manchen Seelsorgeeinheiten predigen die Laien regelmäßig, aber auch das komplette Gegenteil gibt es.

Diese Abhängigkeit hat mich immer sehr gestört und gedemütigt - deswegen hab ich, nachdem ich dann im Ruhestand war, mit anderen Kolleginnen zusammen diesen Blog, diese Predigtseiten ins Leben gerufen. Wir wollen da eben nicht nur zu besonderen Themen Stellung nehmen, sondern wirklich jeden Sonn- und Feiertag auch die ganz normale Verkündigung leisten.

domradio.de: Gibt es also keine typischen Themen, auf die Frauenpredigten sich beziehen?

Droesser: Nein. Wir wollen das ganz reguläre liturgische Programm ernst nehmen. Aber man merkt eben schon deutlich, dass Frauen anderes predigen. Ich möchte nicht behaupten, besser, aber anders. Insofern als die Predigten oft lebenspraktischer sind, dass sie andere Beispiele wählen und auch öfter mal Mut zur Lücke haben, nicht immer das ganze theologische Programm entfalten, sondern einfach mal Akzente setzen.

domradio.de: Pfingsten 2011 haben Sie begonnen und wollten einen Beitrag leisten zum angestoßenen Dialogprozess?

Droesser: Der Prozess hat ja das Ziel, die Kirche voranzubringen und diese Missstände zu beheben. Vor allem war da ja der Missbrauchsskandal, da ist die Ungleichbehandlung und Diskriminierung der Frauen in der Kirche - denn es ist ja nicht nur so, dass die Frauenpredigten fehlen. Frauen haben auch Begabungen, die nicht abgerufen werden und die sich nicht entfalten können. Da sind auch Berufungen, die von der Kirche einfach nicht in Anspruch genommen werden. Das ist ein Missstand, und ich denke das muss in diesem Dialog auch weiter behandelt und bearbeitet werden.

domradio.de: Wäre es ein Traum für Sie, dass in 5-10 Jahren zum Beispiel eine Frau die Predigt in einer Heiligen Messe hält, der Pfarrer, der die Feier leitet, hört in dem Moment einfach nur zu?

Droesser: Noch besser wäre es, wenn  Frauen zur Diakonin geweiht werden könnten und eines Tages auch zur Priesterin. Das wäre mein Traum. Und wer weiß: Die Kraft des Heiligen Geistes ist am Werk, und niemand weiß, wohin die Reise eines Tages geht.

Das Interview führte Tommy Millhome.

(DR)

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