2010 wurden Missbrauchsfälle am Berliner Canisiuskolleg öffentlich
2010 wurden Missbrauchsfälle am Berliner Canisiuskolleg öffentlich

26.01.2015

Wie das Canisius-Kolleg auf den Missbrauchsskandal reagiert hat "Das Trauma ist noch spürbar"

Ende Januar 2010 wurde am Berliner Canisius-Kolleg der sexuelle Missbrauch an Schülern bekannt. Der Skandal löste eine Präventionsdebatte und Reformen aus. Am Jesuiten-Gymnasium ist bis heute von einem Trauma die Rede.

"Das Trauma ist im Haus noch spürbar", sagt Pater Tobias Zimmermann. Der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs weiß, dass das renommierte Jesuitengymnasium auch mit dem Stigma "Missbrauch" leben muss. Es hat ein umfassendes Präventionskonzept erarbeitet, um solche Fälle zu verhindern.

Zimmermanns Vorgänger Klaus Mertes hatte die sexuellen Übergriffe mehrerer Patres, die bis in die 80er Jahre geschahen, vor fünf Jahren  öffentlich eingeräumt. Damit löste er eine Welle weiterer Enthüllungen in kirchlichen Einrichtungen, aber auch an der reformorientierten "Odenwaldschule" und anderen Einrichtungen aus.

Sexueller Missbrauch ist seither ein Dauerthema in Politik und Gesellschaft. Im Alltag der rund 800 Kinder und Jugendlichen am Canisius-Kolleg ist das allerdings nicht so. "Da war doch so ein Medien-Hype", erinnert sich eine 16-jährige Schülerin eher belustigt. Fünf Jahre sind lange her für einen Teenager, der sich mit Notenstress und Beziehungsknatsch herumschlägt. Für die Canisius-Pädagogen hat die Zeit dagegen nicht gereicht, um einen Verhaltenskodex für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter zu beschließen.

Präventionskonzept liegt bislang nur als Entwurf vor

"Wird derzeit noch erarbeitet", heißt es im Präventionskonzept, das auf der Internetseite des Gymnasiums abrufbar ist. Ein Entwurf liegt aber bereits vor, wie Zimmermann betont, der im Auftrag der Jesuiten an der Spitze des Canisius-Kollegs steht. Es ist nach seinen Worten manchmal nicht leicht, festzuschreiben, bei welchem Witz oder welcher Berührung Lehrer Grenzen verletzen. Für die Pädagogen des Gymnasiums ist das "Trauma" durchaus präsent, auch wenn nur noch wenige bereits in der Zeit der Missbrauchsfälle hier unterrichteten.

In aller Detailfülle in Kraft gesetzt sind jedoch die anderen Bereiche des Konzepts. Es führt unter anderem Schülerrechte und Schülerpflichten auf, schreibt besondere "Informationstage" für die fünften und achten Klassen vor und benennt Missbrauch als Thema auch des Religions- und Biologieunterrichts. Zugleich hat das Konzept auch Drogen und Mobbing im Blick.

Doch im Kern geht es vor allem um sexuellen Missbrauch. Um ihn auch unter den Schülern selbst zu verhindern, setzt das Konzept schon im Grundsätzlichen an, wie Schulleiterin Gabriele Hüdepohl betont. Die Begriffe "Würde" und "Selbstbestimmung" ziehen sich als Leitmotive durch den rund 40-seitigen Text. "Ich-starke Jugendliche lassen sich nicht missbrauchen", erläutert die Schulleiterin. Auch die begleitende Jugendarbeit des Kollegs, an der die meisten Schüler teilnehmen, soll dabei helfen, etwa durch Rollenspiele für die eigenen Grenzen sensibel zu werden.

Seelsorger und Vertrauenslehrer

Das Canisius-Kolleg setzt überdies auf ein weiteres Standbein. Bei Verdacht auf sexualisierte Gewalt sind die einzelnen "Verfahrensschritte" zur Aufklärung akribisch festgeschrieben, schon um falsche Beschuldigungen frühzeitig zu erkennen. Eingebunden sind besonders Schulseelsorger und Vertrauenslehrer. Auch eine Kooperation mit externen Einrichtungen soll verhindern, dass wie früher "die Institution wegschaut", wie es Pater Zimmermann formuliert.

So arbeitet das Gymnasium mit den Anlaufstellen "Kind im Zentrum", "Wildwasser" und "Tauwetter" zusammen, die Missbrauchsopfern helfen.

Wenn die Schüler an den Informationstagen dort zu Gast sind, "müssen die Lehrer draußen bleiben", erklärt die Präventionsbeauftragte des Canisius-Kollegs, Susanne Dinkelborg. Dort sollen sie überdies Vertrauenspersonen und Orte persönlich kennenlernen, an die sie oder ihre Eltern sich im Fall des Falles wenden können.

Pater Zimmermann ist sich bewusst, dass kein Konzept Missbrauch absolut verhindern kann. "Täter gehen zumeist strategisch vor, sie verletzen die Grenzen in kleinen Schritten", begründet er den aufwändigen Maßnahmenkatalog.

Der Attraktivität der "Elite-Schule" haben die Ereignisse jedenfalls nicht geschadet. Die Zahl der Anmeldungen übertrifft nach wie vor bei weitem die Zahl der Plätze. Auch geben Lehrer unter anderem das Präventionskonzept als ein Motiv ihrer Stellenbewerbung an, wie der Jesuit berichtet. Vor allem aber gab es in den vergangenen Jahren keinen Verdacht auf Missbrauch durch Pädagogen.

Gregor Krumpholz
(KNA)

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