22.07.2008

Olympiapfarrer Schütt betreut die deutsche Mannschaft in Peking Balsam für Sportlerseelen

China ist sein großes Thema. Damit hat sich Olympiapfarrer Hans-Gerd Schütt im vergangenen Jahr intensiv beschäftigt. Niemand sollte zu den Olympischen Spielen in Peking reisen, ohne sich gut über die Volksrepublik informiert zu haben, findet der Sportbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz - kein Sportler, kein Journalist und eben auch kein Seelsorger.

«Wir werden in einem Land zu Gast sein, wo vieles noch nicht unseren Standards entspricht und manches im Argen liegt», so Schütt. Er wirbt für Dialog statt Boykott. Durch Chinas Öffnungspolitik seit den 1980ern habe sich einiges positiv verändert. Da müsse man ansetzen. Dennoch rät der Priester politisch ambitionierten Sportlern, sich in China sehr bedacht zu äußern. Wenn der Kampf um die Medaillen los geht und Schütt am Rande der Wettkampfbahnen Kontakt zu den Athleten sucht, werden Tibet und die Menschenrechte aber in den Hintergrund rücken. «In den Gesprächen geht es um Freundschaft, Familie und Partnerschaft, Glauben, Heimweh und Leistungsdruck», weiß der Pfarrer aus fünfjähriger Erfahrung. Gemeinsam mit seinem evangelischen Kollegen Thomas Weber besucht der braun gebrannte 50-Jährige die Sommer- und Winterspiele, Universiaden, Paralympics oder die WM der Rettungsschwimmer und Leichtathleten. Schon früher hat er gern die Kontinente bereist. Seit er Sportpfarrer und Geistlicher Beirat des DJK-Sportverbandes ist, verbringt er im Jahr noch 80 Nächte im eigenen Bett. Dass die Seelsorger Diskretion versprechen, öffnet viele Herzen. Mit Schütt und Weber besprechen die Sportler Themen, die bei Trainern oder Ärzten Tabu sind: «Viele denken über den Zeitpunkt ihres Karriereendes nach und wie es beruflich weitergehen soll», so Schütt. «Außerdem leben die Athleten oft über Monate im Ausland, das bereitet Probleme.» Auch könnten nur wenige vom Sport leben. Das bedeute Existenzdruck, sagt der Seelsorger, der an seinem Wohnort im niederrheinischen Krefeld gern zum Fitbleiben Fahrrad fährt. Leistungssport dagegen ist ihm fremd. Schon in der Schulzeit in Schleiden in der Eifel habe man ihn «immer gern an die Gegenmannschaft abgegeben». Das große Thema Doping hat noch nicht zu Beichten bei den Olympiapfarrern geführt: «Die Sportler befürchten strafrechtliche Konsequenzen», so Schütt. Das werde derzeit aber juristisch geklärt, damit betroffene Athleten, wenn sie möchten, künftig offen reden können. Denn viele leiden unter dem schlechten Image, weiß der Priester. Das hört er schon aus ganz allgemeinen Gesprächen über Doping heraus. Auch merkt der geschulte Seelsorger gerade jungen Athleten an, «wie schwer es ist, der Dopingversuchung zu widerstehen». Um es zu schaffen, bräuchten sie ein starkes Wertesystem. «Das versuchen wir als Seelsorger zu vermitteln. Aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Verständnis für den hohen Druck und die Angst vor Niederlagen.» Menschliche Fragen dieser Art finden sich auch in der Broschüre «Mittendrin» mit Gebeten und Meditationen, die die Olympiapfarrer zu Beginn der Pekinger Spiele den gut 450 deutschen Sportlern geben werden. Wer sich davon angesprochen fühlt, kann im religiösen Zentrum des Olympischen Dorfes, wo jede Weltreligion vertreten ist, einen deutschsprachigen Gottesdienst besuchen. Im Deutschen Haus ist auch eine ökumenische Andacht geplant. Für die Teilnahme am geistlichen Programm sei keine enge Kirchenbindung nötig, betont Schütt schmunzelnd. «Als Seelsorger sind wir für alle da.» Das gilt auch für die Teilnehmer der Paralympics, die sich an die Olympischen Spiele in Peking anschließen werden. «Die Behinderung spielt in unseren Seelsorgegesprächen kaum eine Rolle», berichtet Schütt von früheren Spielen für körperbehinderte Sportler. «Anders als viele denken, erwarten die Sportler kein Mitleid.» Er habe sie stets als gestandene Persönlichkeiten erlebt. Ein Problem sei nur die Infrastruktur der gastgebenden Stadt: Die Athleten im Rollstuhl seien etwa in den Turiner Bergen und in der Altstadt von Athen nur schwer vorangekommen. Peking hat da vorgebaut: Die Chinesische Mauer kann seit kurzem mit dem Rollstuhl besucht werden.

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