Weinkultur und Kirche - eine fruchtbare Kombination

Das "göttliche Getränk"

Wein galt in vielen Kulturen als "göttliches Getränk" und spielt auch im Christentum eine besondere Rolle. Jahrhundertelang hat die Kirche Weinkultur geprägt - und etwa gepanschtem Wein ein Ende gesetzt.

Autor/in:
Anna Fries
Weinlese / © Patrick Seeger (dpa)
Weinlese / © Patrick Seeger ( dpa )

Ob rot oder weiß, trocken, feinherb oder süß, bio oder koscher: Wein ist facettenreich und wurde von vielen Kulturen als "göttliches Getränk" verehrt. Die ältesten Spuren von Weinbau finden sich rund 6.000 Jahre vor Christus in Georgien. Auch im Christentum spielte Wein von jeher eine zentrale Rolle. Jahrhundertelang hat die Kirche Weinkultur beeinflusst und etwa dazu beigetragen, dass wir heute "reinen Wein" trinken.

Was im Mittelalter als Wein getrunken wurde, ließe sich heute wohl nur als Kuriosität auf Mittelalterfesten vermarkten. "Es wurde endlos viel gepanscht", sagt der Kirchenhistoriker und Präsident der Gesellschaft für Geschichte des Weines, Hans Reinhard Seeliger. Reiner Traubenwein war selten und nur für Wohlhabende erschwinglich. Oft streckten Winzer Traubenwein mit Apfelwein. Einfache Bauern oder auch die Winzer selbst tranken Tresterwein, ein Nebenprodukt, das aus Rückständen bei der Weinherstellung gewonnen wurde.

Strenge Vorschriften für Messwein

Die Kirche hingegen stellte strenge Vorschriften für Messwein auf, der ausschließlich aus Trauben hergestellt werden darf. "Diese Regeln sind quasi das älteste Weinrecht", betont Seeliger. Das Konzept setzte sich auch außerhalb des Kirchenraums durch - und dem Mischen mit der Zeit ein Ende.

Je nach Region wurden - zunächst nur für Gottesdienste - besondere Trauben gezüchtet. In Italien bauten Winzer etwa die rote Sorte Sagrantino an, die "geheiligte Sorte" oder kelterten Vino Santo, "heiligen Wein".

"Wein wirkt bewusstseinserweiternd"

Aber wie kommt es zu der besonderen Verbundenheit von Wein und Religion? "Wein hat in antiken Kulten - und das Christentum ist im Kern ein antiker Kult - eine große Rolle gespielt. Es handelt sich dabei ja um ein alkoholisches Getränk, das bewusstseinserweiternd wirkt", sagt Seeliger.

Die Römer ehrten Bacchus, die Griechen Dionysos als Gott des Weines. Alkoholrausch, Ekstase und Entgrenzung zeichneten den Dionysoskult einerseits aus - andererseits galt Dionysos als Gott der Kultur und der Schönen Künste. "Das Christentum hat das domestiziert und den Weingenuss im kultischen Zusammenhang auf einen kleinen Schluck reduziert", sagt Seeliger.

Weinherstellung auch Thema in der Bibel

In katholischen Messen ist bis heute Wein vorgeschrieben; andere Konfessionen weichen auch mal auf Traubensaft aus. Bis ins Mittelalter nutzten Katholiken zudem Rotwein - was angesichts der bei der Wandlung gesprochenen Worte "das ist mein Blut" logisch klingt. Warum also die Änderung zu Weißwein? Theologe Seeliger vermutet eine bewusste Abkehr vom nahe liegenden Bild. Es sollte gerade keine "einfache Gleichung im Sinne von Rotwein gleich Blut" sein. "Man muss jetzt einen weiteren gedanklichen Weg vollziehen. Das ist abstrakter und geheimnisvoller", sagt er.

Nicht immer geht es um den Wein an sich. Zahlreiche Erzählungen in der Bibel thematisieren die agrarische und die kulturelle Leistung der Weinherstellung. Und auch die Trauben selbst waren vor 2.000 Jahren sehr begehrt: Als Süßigkeit; denn abgesehen von Honig gab es damals wenig Süßes.

Kirche hat Weinbau gefördert

Ein Blick in die Weinberge an der Mosel, in der Pfalz, Rheinhessen oder Baden zeigt, dass das kirchliche Wein-Engagement bis heute Spuren hinterlassen hat. Lagennamen weisen auf - zumeist frühere - Besitzverhältnisse oder fromme Wünsche hin, etwa "Deidesheimer Herrgottsacker", "Sausenheimer Klostergarten", "Zeltinger Himmelreich" - aber auch: "Roxheimer Höllenpfad".

Die Kirche hat den Weinbau vielfach befördert. So startete im 18. Jahrhundert der Trierer Kurfürst und Erzbischof Clemens Wenzeslaus in puncto Wein eine "Qualitätsoffensive" und verbannte den "gemischten Satz" aus den Weinbergen. Wurden vorher verschiedenste Rebsorten nebeneinander angebaut, zusammen geerntet und zu einem Wein verarbeitet, sollte nun einzig Riesling kultiviert werden. Alles andere musste aus dem Weinberg entfernt werden.

Außer ihm verewigte sich auch der Fürstabt von Fulda, Konstantin von Buttlar, in der Weingeschichte. Sein Kellermeister entdeckte per Zufall die Spätlese - worauf der Abt die Erzeugung solcher Weine förderte. "Und zwar nicht aus religiösen Gründen, sondern weil er selbst besondere Weine trinken wollte", betont Seeliger.


Quelle:
KNA