Erntedank hat eine lange Tradition
Erntedank hat eine lange Tradition
Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti
Manfred Becker-Huberti

04.10.2020

Brauchtumsexperte über Erntedank "Menschen sind Teil der Natur"

Die Tradition von Erntedank ist aus vorgeschichtlicher Zeit bekannt. Doch die Bedeutung des Festes hat sich über die Jahre hinweg verändert. "Der alte Gedanke der Dankbarkeit ging verloren", erklärt Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti.

DOMRADIO.DE: Erntedank ist ein tolles Thema für den Kindergottesdienst. Aber wie sieht es sonst aus? Dieses Fest wurde schon mal größer gefeiert, oder?

Manfred Becker-Huberti (Theologe und Brauchtumsexperte): Ja, es wurde mal größer gefeiert, aber ursprünglich nur auf den Bauernhöfen. Man feierte, dass man die Ernte eingebracht hatte und die Feldarbeit nun aufhörte. Aber das wurde nach 1800, als die alte Herrlichkeit unterging und man sich neu strukturieren musste, zu einem Fest, das quantitativ die Erfolge feierte. Also die Größe der Ernte, die Schnelligkeit und so weiter. Das heißt der alte Gedanke der Dankbarkeit ging verloren.

DOMRADIO.DE: Seit wann ist denn diese Tradition von Erntedank bekannt?

Becker-Huberti: Bekannt ist sie schon aus vorgeschichtlicher Zeit. Denn es ist etwas, was eigentlich mit der Natur des Menschen verbunden ist. Das Wissen darum, sich verdanken zu müssen. Es gibt zwei schöne Zeitfenster, die uns zeigen, wie das früher mal gewesen ist. Das eine im Alten Testament, im Buch Genesis, wo Abel und Kain nach der Ernte ihre Opfer darbringen. Der eine von den Früchten des Feldes, der andere aus seinen Herden. Es war üblich, dass die Erstlinge immer Gott gehörten. Dass der Mensch aber davon auch betroffen war, zeigt uns das Neue Testament. Der neugeborene Messias, Jesus, musste als Erstgeborener auch ausgelöst werden. Denn jede Erstgeburt, auch unter den Menschen, gehörte Gott.

Die Vorstellung, dass der Mensch außerhalb der Natur lebt, ist etwas, was erst bei uns im 18. bis 19. Jahrhundert aufkommt. Und erst vor etwa 30 Jahren scheinen wir, zumindest anfänglich, begriffen zu haben, dass selbst wir, die in die Natur eingreifen, Teil der Natur sind. Insofern hat sich der Charakter von Erntedank verändert. Es ist nicht mehr ein Fest, an dem man sich für die Kappes-Köpfe bedankt, die man geerntet hat. Es ist eigentlich ein Fest, das nicht die Erfolgsbilanz feiert, sondern das begreift, dass der Mensch eben seinen Machbarkeitswahn eingrenzen muss. Der Mensch muss dieses Fest nehmen als Gradmesser für das Bewusstsein des Geschaffenseins. Wir Menschen sind Teil der Natur. Das begreifen wir eigentlich an solchen Festtagen, wenn wir es denn wollen.

DOMRADIO.DE: Also ist der ökologische Gedanke etwa 30 Jahre alt. Wir assoziieren offenbar mit Erntedank immer das, was von den Bauern kommt und vergessen die Bodenschätze. Die gehören aber auch dazu, oder?

Becker-Huberti: Auf jeden Fall. Es gibt eine wunderbare Erzählung, die der Humanist Paul Schneevogel vor etwa fünfhundert Jahren veröffentlicht hat. Das Buch heißt "Das Urteil des Jupiters". Er berichtet, dass die Erde vor Gericht erscheinen muss und dass der Mensch angeklagt wird. Die Erde kommt mit Kopfwunden, bleich, mit zerrissenem Gewand. Der Mensch kommt begleitet von Zwergen, die die Attribute der Bergarbeit mit sich bringen. Er wird angeklagt, dass er hemmungslos die Erde zerstört und ausbeutet. Der Mensch verteidigt sich und sagt, er sei kein Muttermörder, höchstens ein Stiefmuttermörder. Denn die Erde verberge die Schätze, die alle nur für ihn geschaffen seien. Das Urteil des Gerichtes ist, dass der Mensch die Natur ausbeuten darf. Aber wenn er das tut, muss er damit rechnen, dass er schließlich von der Erde verschlungen wird, erstickt wird durch böse Wetter, vergiftet vom Wein, befallen vom Hunger und dergleichen mehr. Das heißt, diese Doppelbödigkeit des Umgangs mit der Natur wird in diesem Beispiel sehr deutlich.

DOMRADIO.DE: Der ökologische Gedanke ist also vielleicht schon über fünfhundert Jahre alt. Wie sehr dürfen wir denn eigentlich zugreifen bei Gottes Schöpfung?

Becker-Huberti: Ich glaube, das müssen wir immer wieder neu ausmessen. Wir sind im Augenblick in der Situation zu begreifen, dass wir mit der intensiven Landwirtschaft verhindern, dass die Insekten Nahrung finden und ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen können, das heißt die Bestäubung nicht mehr durchführen können. Damit schneiden wir uns in die Finger. Wir müssen begreifen, dass wir das eine tun müssen, um zu überleben, das andere aber nicht aus dem Blick verlieren. Das heißt, wir dürfen nicht hemmungslos ausbeuten.

DOMRADIO.DE: Erntedank in der Gegenwart: Was bedeutet für Sie das Fest heute?

Becker-Huberti: Für mich ist das Fest ein Gradmesser für das Bewusstsein, geschaffen zu sein und eine Möglichkeit anzuhalten, einzuhalten und nicht quantitativ unsere Umwelt zu betrachten, sondern qualitativ. 

Das Interview führte Tobias Fricke.

(DR)

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