Leere Fleischhaken in einem Schlachthof
Leere Fleischhaken in einem Schlachthof
Dr. Rainer Hagencord, Institut für Theologische Zoologie in Münster
Dr. Rainer Hagencord, Institut für Theologische Zoologie in Münster

04.03.2020

Theologe fordert Fleischverzicht nicht nur in der Fastenzeit Gegen Tierfabriken auf Kirchenland

Angesichts des Artensterbens und der Umweltzerstörung sind für den Direktor des Instituts für Theologische Zoologie, Rainer Hagencord, ökologische und soziale Katastrophen unvermeidbar. Trotzdem sagt er: Christen sollen vegetarisch leben.

DOMRADIO.DE: Wie ist das denn in Deutschland, welche Arten sind hier besonders bedroht?

Dr. Rainer Hagencord (Theologe und Priester und Direktor des Instituts für Theologische Zoologie in Münster): Wir sind aufmerksam geworden auf das Artensterben vor zwei Jahren, als die Insekten plötzlich im Mittelpunkt des Interesses standen. In Krefeld waren am Rande eines Naturschutzgebietes etwa 70 Prozent an Masse der Insekten verschwunden. Dann haben sich viele daran erinnert, dass man noch vor 30 Jahren regelmäßig die toten Insekten von der Windschutzscheibe entfernen musste, so viele waren das. Das ist heute nicht mehr der Fall. Da wurde sehr schnell deutlich, dass hier auch in Deutschland der Artenschwund zunimmt. Wenn die Insekten gehen, gehen irgendwann die Vögel, Reptilien, Amphibien. Irgendwann gehen wir dann auch. Dann wurden sehr schnell die Bienen in den Mittelpunkt gerückt. Das macht die Hoffnung, dass über Ökosysteme stärker nachgedacht und Verantwortung wahrgenommen wird. Das Thema ist allerdings schon seit dem Club of Rome in den 80er Jahren virulent. Und wir haben in der Kirche die Enzyklika Laudato Sí, die hat auch schon vor fünf Jahren das Thema für uns Glaubende und gottsuchende Menschen in den Mittelpunkt gestellt. Papst Franziskus sagt in seiner Enzyklika, unseretwegen könnten bereits Tausende Arten nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen oder uns noch ihre Botschaft vermitteln. Dazu hätten wir kein Recht. 

DOMRADIO.DE: In welchen Ländern und Regionen ist das Artensterben besonders gravierend?

Hagencord: Es gibt im Grunde kaum noch Regionen, die nicht durch den Einfluss des Menschen betroffen sind. Selbst in der Antarktis tummelt sich das Mikroplastik. Im letzten Jahr wurde im Zusammenhang mit dem brennenden Amazonas die globale Verantwortung gerade der Industrienationen oder des sogenannten christlichen Europas deutlich. Es wurde deutlich, dass letztlich der Fleischkonsum mit das größte Problem ist. Der Amazonas hat entweder gebrannt, weil dort Weiden für Rinder hergestellt wurden, oder um Soja-Plantagen herzustellen. Und das Soja geht zu 98 Prozent in die industrielle Tierhaltung in Europa und Amerika. Es ist eine globale Katastrophe, für die wir in den Industrienationen die Verantwortung tragen. Und es hat letztlich ganz viel mit unserem Fleischkonsum zu tun.

DOMRADIO.DE: Wie können wir dem im Alltag entgegenwirken?

Hagencord: Ich denke unendlich viel. Und der Einzelne, die Einzelne sind ja oftmals auch noch in Gemeinden unterwegs oder zumindest in Nachbarschaften. Das eine ist tatsächlich das Thema Bildung: Was geschieht in der Erstkommunionkatechese? Was passiert jetzt in den Gemeinden in der Fastenzeit? Da ist es möglich, auch eine Theologie der Schöpfung zu vermitteln. Zweitens haben Kirchengemeinden Ökosysteme in ihrem Gemeindegrund. Sie haben womöglich einen alten Friedhof, sie haben Naturschutzgebiete. Diese Orte gilt es als Orte der Gotteserfahrung zu würdigen und zu schätzen. Und wir haben die Kirchen als große Grundbesitzer. Endlich wird es Zeit zu sagen: Keine Tierfabriken mehr auf Kirchenland! 

Das Thema Vegetarismus ist auch kein Sonderthema mehr. Letztlich sind wir bei der Frage, ob wir eigentlich Tieren diese Gewalt antun dürfen. Wie kann es denn sein, dass das Christentum unmittelbar mit der Gewalt gegen Tiere verbunden ist? Für Schlachthöfe gibt es überhaupt keine Begründung mehr. Wir können hier in Europa wunderbar vegetarisch leben!

DOMRADIO.DE: Wie realistisch es das, dass sich gravierend etwas ändern wird?

Hagencord: Die Hoffnung, dass wir noch Archen bauen können, die lasse ich mir nicht nehmen. Aber ich bin kein Optimist. Ich folge Wissenschaftlern, die sagen, wir müssten einsehen, dass wir verloren haben. Die ökologische und die soziale Katastrophen werden kommen. Wir als Kirche können aber tatsächlich im guten Sinn der Bibel Archen bauen. Wir können Orte des Friedens mit den Menschen und den Tieren schaffen. Dazu gehört zum Beispiel die Lebenskultur, es gehören die Essgewohnheiten. Es gehört die neue Wertschätzung für die Lebensräume, die wir in unseren Gemeinden haben. Das können wir als Christen tun. Die Fastenzeit und dann auch das Osterfest sind doch die kalendarischen Rahmenbedingungen, um jetzt in Frieden mit der Schöpfung und den Tieren zu feiern. Und bitteschön Ostern kein Fleisch mehr. Das finde ich nicht mehr vereinbar. Gewalt gegen Tiere hat mit unserer Hoffnung auf Ostern gar nichts zu tun.

Das Interview führte Julia Reck.

(DR)

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