Greta Thunberg bei einer Klimademonstration
Greta Thunberg bei einer Klimademonstration

27.09.2019

Warum Greta Thunberg so stark polarisiert Zwischen Hass und Bewunderung

Sie polarisiert. Das steht außer Frage. Die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg begeistert die Massen und zieht gleichzeitig den Hass auf sich, vor allem im Internet. Eine Einschätzung zum "Phänomen Greta" vom Kapuziner-Bruder Paulus Terwitte.

DOMRADIO.DE: Die Kommentare sind teils frauenfeindlich, stellen Greta als manipuliertes Kind dar, das sowieso nicht weiß, was es will. Andere Kommentare beziehen sich auf ihre Behinderung, das Asperger-Syndrom. Im Prinzip ist das der Tenor, dass man ihr das Recht absprechen will, überhaupt ernstgenommen zu werden. Woher kommt das?

Bruder Paulus Terwitte (Kapuziner im Kloster Liebfrauen, Frankfurt): Getroffene Hunde bellen. Sie macht auf ein Thema aufmerksam, das wir alle kennen. Gerade der Weltklimarat hat ja in den vergangenen Tagen ein desaströses Bild gezeichnet, wie sich das Klima entwickelt. Und Greta Thunberg ist mit ihrer Art darauf aufmerksam zu machen so in den Mittelpunkt gerückt, dass das Thema jetzt präsent ist. Das ärgert viele. Und dann wird eben der "Botschafter" angegriffen. Und der Botschaft wird nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt, was sehr schade ist.

DOMRADIO.DE: Gerade jetzt nach der UN-Rede hat sich das nochmal intensiviert. Interessant ist dabei, dass die Kritik hauptsächlich aus der rechten Ecke zu kommen scheint. Dabei ist der Klimawandel eigentlich kein politisches Thema…

Bruder Paulus: In der rechten Ecke des Meinungsspektrum sind natürlich Menschen, die sagen, alles, was sich verändert, ist gefährlich: Der Fremde ist gefährlich. Und wenn die Erde uns jetzt auch fremd vorkommt, weil sie sich wandelt, macht das natürlich Angst. Da ist das Eindreschen auf Personen und Menschen aus dieser Angst heraus zu begründen. Und das ist gefährlich.

Leute aus der rechten Ecke sind fundamentalistisch, haben selber aber kein Fundament und sind verunsichert. Und das ist gefährlich. Und wir brauchen als Kirche gerade auch überzeugende Menschen, die sagen, dass Gott uns in dieser Welt die rettende Hand hinhält und von ihm aus wir dann auch anfangen müssen zu verzichten, uns zu verändern und die Botschaft der Natur zu hören.

DOMRADIO.DE: Neben den ganzen Beleidigungen und Morddrohungen gibt es auch Verschwörungstheorien, die gar nicht zu belegen sind. So heißt es, große Konzerne ständen hinter Greta. Es sind aber teilweise auch berechtigte Punkte, zum Beispiel Punkte, die sich auf die Organisationsstruktur von "Fridays for Future" beziehen. Auch Angela Merkel hat inzwischen die Kritik geäußert, dass Greta den Klimaschutz zu vereinfachend darstellt. Wie kriegt man das hin, berechtigte Kritik zu äußern ohne dass man automatisch in diese rechte Ecke geschubst wird?

Bruder Paulus: Ich glaube, dass es wichtig ist, sich sachkundig zu machen. Der "Club of Rome" hat schon vor über 20 Jahren deutlich gemacht, dass die Erde sich verändert und dass das Klima sich verändert, wenn wir sie weiter so ausbeuten. Papst Franziskus hat mit der Enzyklika "Laudato si" deutliche Worte gesagt und auch Analysen geliefert. Darauf muss fachlich eingegangen werden.

Der Gebrauch der Vernunft ist eine christliche Tugend und da muss alles gesagt werden dürfen und nicht sofort eine "Motivations-Verdächtigung" ausgesprochen werden. Das ist, glaube ich, in dieser Diskussion der wichtige Punkt, dass wir sagen, das Motiv, das wir haben, ganz deutlich ist: Der Mensch kann Dinge tun, die er nicht tun darf. Er hat ethische Grenzen, die von den Werten her bestimmt sind.

Und wenn wir diese Grundlagen immer wieder äußern, dann müssen auch die Kritikpunkte genannt werden. Da müssen wir eine große Allianz im Sinne von "Wir wollen uns verändern, wir möchten verzichten, wir möchten nicht mehr alles tun, was möglich ist" bilden. Das ist immer eine unbequeme Botschaft gewesen.

DOMRADIO.DE: Der in der Deutschen Bischofskonferenz für Umweltfragen zuständige Münsteraner Weihbischof Rolf Lohmann sagt, dass Greta im Gegensatz zum Papst an ganz andere Menschen herankommt, andere Leute bewegt. Was ist das Geheimnis dahinter?

Bruder Paulus: Ich glaube, dass junge Menschen einen prophetischen Geist haben. Benedikt von Nursia hat damals schon gesagt, der Abt sollte immer auf die Jüngsten des Konvents hören. Dafür brauchen wir jetzt auch eine neue Aufmerksamkeit, wie junge Leute sich Sorgen machen und dass diese Sorgen berechtigt sind.

Wir haben als Erwachsene jungen Menschen zu sagen: Ja, wir achten auf diese Erde, auf das, was euch bevorsteht. Ihr seid die Zukunft, so wie Johannes Paul II. das immer wieder gesagt hat. Und wenn ihr die Zukunft seid, dann ist das für uns auch eine starke Begründung und ein starkes Motiv, unser Handeln heute zu überprüfen. Junge Menschen sind in dieser Hinsicht diejenigen, die vielleicht auch mit einem Geist ausgestattet sind, einem frischen Wind, den verkrustete Strukturen unbedingt brauchen.

DOMRADIO.DE: Die Fakten sind ja nicht neu. Dass es beim Klimawandel drängt, wissen wir ja schon seit langem. Braucht es dafür vielleicht einfach ein Gesicht? Aus der Psychologie ist bekannt, dass uns das Schicksal von Freunden oder Bekannten immer mehr überzeugt als Fakten und Zahlen.

Bruder Paulus: Geschichten, die Einzelne erleben, sind natürlich immer berührender. Darum ist Gott in Jesus Christus Mensch geworden, um uns ein Gesicht zu zeigen und zu sagen: "Ich bin die Liebe. Und schaut mal, wie ihr mit der Liebe umgeht, wie ihr mit der Einladung zu einem tiefen Nachdenken über eure Traditionen umgeht." Jesus hat dafür das Kreuz am Ende bekommen, weil er aufgetreten ist als junger Mann und gesagt hat: "Von Gott her sind die Dinge anders gedacht". Von daher ist es, glaube ich, notwendig, so ein Gesicht zu haben. Wenn wir sehen, wie ein Schwein leidet, dann verändert es das Denken mehr, als wenn wir irgendwas über überfüllte Ställe hören.

DOMRADIO.DE: Kann man denn da schon Parallelen zur Religion ziehen oder ist es zu sehr um die Ecke gedacht?

Bruder Paulus: Das Klima ist ja ein allumfassendes, alle betreffendes Thema. Wir müssen alle atmen, wir wollen alle sauberes Wasser trinken. Wir wollen alle die Natur erleben. Und wenn wir sehen, wie die Natur leidet, dann sind alle betroffen.

Religion sagt ja, dass es im Menschen etwas Gemeinsames gibt. Alle Menschen sind Gottes Ebenbild und alle haben natürlich die Möglichkeit, Böses zu tun, eigensüchtig zu handeln und zu sagen: "Was geht mich eigentlich jetzt die Welt von morgen an?".

Aber wir haben auch die Möglichkeit, dass wir kommunitär leben. Das heißt, "ja" zur Verbundenheit mit allem zu sagen; und wenn ich etwas tue, hat es Konsequenzen für alle. Das ist auch meine franziskanische Grundhaltung. Wir sind Verbundene und das ist nicht schlimm, sondern das ist eigentlich sehr schön, muss aber auch persönliche Konsequenzen haben zu einem einfachen, gehorsamen Leben, zu einem Leben, das sich nicht einfach nach Lust und Laune abspielt.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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