Wohin mit dem Atommüll?
Wohin mit dem Atommüll?

25.04.2019

Breiter gewordenes Bündnis gegen Atomtransporte "Wir hinterlassen ein Erbe, das nicht ohne ist"

Wo wird der deutsche Atommüll am Ende gelagert? Die Frage ist nicht geklärt. Am Mittwochabend starteten Infoveranstaltungen zur Endlagersuche. Pfarrer Heinrich Plaßmann erlebt seit Jahren die Debatte über Atomtransporte in Ahaus.

DOMRADIO.DE: Einige katholische Gruppen, wie die KFD oder die KAB, aber auch ökumenische Initiativen protestieren seit Jahren gegen Atomkraft und Atommüll, auch in Ahaus. Sie sind jetzt seit elf Jahren Pfarrer in Ahaus und sind auch Präses der KAB St. Paulus dort. Wie hat sich denn die Haltung der Christen bei dem Thema verändert?

Heinrich Plaßmann (Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Mariä Himmelfahrt in Ahaus): Der auch christliche Widerstand ist im Prinzip so alt wie die Pläne für das Zwischenlager und frühzeitig haben sich auch Christen ganz bewusst gegen die Nutzung der Atomenergie und gegen ein Zwischenlager in Ahaus ausgesprochen. Das hat sich dann vor 20 Jahren zugespitzt, als die ersten Castor-Transporte nach Ahaus kamen. Ahaus ist damals im Belagerungszustand gewesen. Das hat Spuren hinterlassen, diese Erfahrung sozusagen im großen Polizeikessel zu sein.

Wir sind inzwischen aus drei Gemeinden fusioniert. Eine der drei Gemeinden hat damals eine klar ablehnende Haltung gegen Atomenergie und gegen das Zwischenlager eingenommen, was damals auch zu einem großen Riss in der Gemeinde geführt hat. Auf der anderen Seite haben immer wieder Christen aus ihrem Glauben heraus diesen Widerstand durchgetragen. Spätestens nach Fukushima hat sich der Wind nochmal wieder gedreht und es gibt inzwischen ein breites Bündnis gegen weitere Castor-Transporte nach Ahaus.

DOMRADIO.DE: Es war nicht immer ein geeinter Protest gegen Atomkraft und Atommüll?

Plaßmann: Das war für die Gemeinde eine große Zerreißprobe, weil sich natürlich auch im Gottesdienst die einen begegneten, die entschieden gegen Atomkraft und Zwischenlager waren, und die anderen, die auch politisch das Ganze befürwortet hatten – zum Wohle der Stadt, weil der Stadt durch die Einnahmen auch etwas möglich wurde. Das war damals für die Kirchengemeinde eine schwere Zeit mit vielen Verletzungen und tiefen Verwundungen. Das hat dann auch lange dazu geführt, dass, als es dann ruhiger wurde, man über das Thema am liebsten gar nicht mehr groß gesprochen hat.

DOMRADIO.DE: Wie sieht das christliche Engagement beim Thema Atommüll und Endlagersuche heute in Ihrer Region aus?

Plaßmann: Es gibt seit über zehn Jahren eine monatliche Aktion des KFD-Dekanatsdienstes. Immer am dritten Sonntag im Monat findet in der Ammelner Kapelle in unmittelbarer Nachbarschaft des Zwischenlagers ein Gottesdienst statt, sonntags um 13.30 Uhr. Vor diesem Engagement ziehe ich meinen Hut, weil das seit elf Jahren jeden Monat gemacht wird. Ich selber bin da manchmal auch zu Gast. Das sind immer schön vorbereitete Wortgottesdienste. Und das so lange durchzuziehen, davor habe ich hohen Respekt.

Und seit Fukushima gibt es jährlich auch eine Mahnwache an der Marienkirche in der Innenstadt, der dann eine Kundgebung der Bürgerinitiative folgt. Es gibt ganz starke ökumenische Initiativen und auch die evangelische Kirchengemeinde hat sich noch einmal offiziell gegen weitere Atomtransporte ausgesprochen. Unser Pfarreirat hat sich inzwischen auch dieser Petition angeschlossen. Das Bündnis wird jetzt wieder breiter. Dazu hat auch Fukushima beigetragen.

DOMRADIO.DE: Ahaus drohen noch in diesem Jahr neue Castor-Transporte aus dem Forschungsreaktor in Garching bei München und aus dem stillgelegten Versuchskernkraftwerk in Jülich. Die Anti-Atom-Bewegung warnt davor. Inwieweit ist das gerade Thema auch in den Kirchengemeinden?

Plaßmann: Interessanterweise ist es jetzt ein Thema, dass zunehmend politische Gemeinden im Umfeld von Ahaus aktiv werden. Bei kirchlichen Gemeinden habe ich weniger das Gefühl, dass die über Ahaus hinaus aktiv werden. Das ist auch seltsam, weil es ja nicht auf Ahaus beschränkt bleibt, wenn hier etwas passiert. Manchmal denke ich schon: Warum fühlen sich so wenige davon angesprochen oder werden so wenige aktiv? Manchmal habe ich das Gefühl: Es ist nicht auf unserem Gemeindegrund, also ist es nicht unser Thema oder es ist Privatsache der Menschen.

Dennoch: Der Widerstand wird insgesamt schon breiter. Es gab vor Kurzem auch eine große Demo mit knapp über tausend Menschen, jüngere und ältere, die da waren, um nochmal ein deutliches Zeichen zu setzen: Wir wollen keine weiteren Atomtransporte.

DOMRADIO.DE: Muss man denn als Christ vor dem Hintergrund der Bewahrung der Schöpfung gegen Atomkraft sein?

Plaßmann: Das möchte ich nicht entscheiden. Das maße ich mir nicht an. Wichtig ist natürlich: Wir laden uns da etwas auf an Altlasten, mit denen wir der Zukunft ein Erbe hinterlassen, bei dem wir noch gar nicht richtig wissen: Wo bleibt dieser Müll? Der muss ja auch wirklich an einen sicheren Ort. Gibt es so einen sicheren Ort und wo ist dieser sichere Ort?

Wir hinterlassen den kommenden Generationen ein Erbe, das nicht ohne ist. Ich habe andererseits nach Fukushima auch Stimmen von Naturwissenschaftlern wahrgenommen, die sagten: Atomenergie ist nach wie vor für uns unverzichtbar, es gibt keine bessere Alternative. Da maße ich mir jetzt kein Urteil an, aber ich sehe schon auch: Wenn was passiert, dann passiert immer etwas ganz Schlimmes. Und wir Menschen können nie für uns in Anspruch nehmen, die Technik völlig im Griff zu haben.

DOMRADIO.DE: Was ist Ihre persönliche Hoffnung, wenn Sie an die Endlagersuche denken?

Plaßmann: Wenn ich das aus Ahauser Sicht sehe: Die Hoffnung, dass Politik nicht den Weg des geringsten Widerstandes geht und man die Dinge dahin abwälzt, wo der geringste Widerstand zu erwarten ist. Sondern dass man wirklich die Karte ausrollt und sagt: Wir müssen alles in den Blick nehmen können und es kann nicht sein, dass Bundesländer oder Verursacher wie Jülich oder Garching sagen: Wir brauchen weiterhin Atomenergie, um als Forschungseinrichtungen wichtig zu sein, aber bitte nicht den Atommüll bei uns lagern. Da wünsche ich mir einfach ein gerechtes Verfahren, ein sehr offenes Verfahren, ohne dass da einige sagen: Bitte nicht in unserer schönen Landschaft.

(DR)

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