Kinder in der Ukraine
Kinder in der Ukraine
Erzbischof Heiner Koch
Erzbischof Heiner Koch

14.09.2017

Erzbischof Koch zum Konflikt in der Ukraine "Sehr, sehr viel Not"

Fünf Tage lang war der Berliner Erzbischof Heiner Koch mit dem Hilfswerk Renovabis in der Ukraine. Im domradio.de-Interview berichtet er von Krieg, wirtschaftlicher und seelischer Not.

domradio.de: Wie ist denn Ihr persönlicher Eindruck des Ukraine-Konflikts? Was haben Sie in den vergangenen Tagen mitbekommen?

Erzbischof Heiner Koch (Erzbischof von Berlin): Der Konflikt ist sehr prägend, denn man trifft viele Menschen, die in irgendeiner Weise davon betroffen sind. Sei es, dass sie Tote oder Verletzte in ihrer Familie zu beklagen haben, sei es, dass ihre wirtschaftliche Lage schlecht ist, sei es, dass die Angst da ist, Russland werde weiter über die Grenze gehen. Und dann spürt man die Sorge, dass die Staaten, die eigentlich der Ukraine ihre Unterstützung zugesagt haben, sie wieder in der Not alleinlassen würden.

Das erschreckendste, was ich gehört habe, war, dass jemand sagte: "Das schlimmste war, dass wir die Atomwaffen abgegeben haben und darauf gebaut haben, dass die anderen uns schützen. Nichts ist geschehen.". 

domradio.de: Was tut ein Hilfswerk wie Renovabis ganz konkret in diesem Konflikt?

Koch: Wir sind zum einen dafür da, dass wir die Caritas dort unterstützen. Die bemühen sich wirklich! An das besetzte Gebiet kommen sie allerdings kaum ran. In das Grenzgebiet, in die Sperrzone, schon. Und vor allen Dingen engagieren sie sich sehr stark für große Zahl der Flüchtlinge.

In der Ukraine gibt es sehr, sehr viel Not. Es ist schon furchtbar, wenn man sieht, was dort in den Caritas-Heimen geschieht - wie viele Kinder dort als Waisen, als Sozialwaisen in Heimen leben. Wie sich weit über die Kriegsnot hinaus die wirtschaftliche und die seelische Not dort ausgebreitet hat. 

domradio.de: Wie stehen denn die zum Teil leider zerstrittenen Kirchen vor Ort zu dem Konflikt? Können die irgendwas tun für die Menschen und vor allem für die Binnenflüchtlinge? 

Koch: Die tun sehr viel! Zunächst einmal darf man sich das streiten nicht so vorstellen, dass die Kirchen gegeneinander kämpfen. Was mich schon besorgt macht, ist, dass die Kirchen auch im katholischen Raum eher nebeneinander als miteinander stehen.

Das hat natürlich auch wieder geschichtliche Gründe, auch da spielt der Krieg eine Rolle. Die russisch-orthodoxe Kirche wird mit allem in Verbindung gebracht, was russisch ist, und damit ist sie negativ besetzt.

Aber alle sind bemüht, sich wirklich um die Flüchtlinge und um die Familien zu kümmern. Die Kirchen engagieren sich mit ganz bescheidenen Mitteln. Sie müssen es aus eigenen Kräften tun, weil der Staat ihre Maßnahmen nicht unterstützt. 

domradio.de: Sie haben ja auf Ihrer Reise eine Unterstützung der Sozial- und Bildungseinrichtungen der Kirchen angeregt. Glauben Sie, dass irgendwann eine Kooperation zwischen Staat und Kirche funktionieren kann?

Koch: Sie wächst deutlich - das ist auf jeden Fall zu sehen. Allerdings ist natürlich die Anspannung wegen des Krieges und die Verwendung der Mittel für Waffen so hoch, dass der Staat für andere Bereiche keine Finanzmittel mehr frei hat.

Man muss auch sehen, dass es in der Ukraine sehr viele Reiche gibt. Bei denen wird man sicherlich mal kritisch anfragen müssen, ob sie genug für ihr eigenes Volk tun.

Das Interview führte Tobias Fricke. 

(dr)

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