Pater Klaus Mertes
Pater Klaus Mertes

26.10.2021

Mertes ordnet Frage nach Notwendigkeit des Priesteramtes ein "Dann können wir uns die Zukunftsdebatte sparen"

Im Rahmen des Reformprozesses"Synodaler Weg" ist eine Debatte über die Notwendigkeit des Priesteramtes angestoßen worden. Der Jesuit Pater Klaus Mertes sagt, das Priestertum ist eine unverzichtbare, grundsätzliche katholische Kategorie.

DOMRADIO.DE: Fangen wir bei Jesus an. Der war doch auch kein Priester. Im Gegenteil, er entfernte sich von der Tempelpriesterschaft und suchte die Nähe zu Johannes, der weit entfernt vom religiösen Zentrum taufte.

Pater Klaus Mertes (ehemaliger Leiter des Berliner Canisius Kollegs): Ja, Jesus war kein Tempelpriester, sondern gehörte aller Wahrscheinlichkeit nach zur Schule der Pharisäer und ist zu Johannes an den Jordan gegangen. Aber das bedeutet ja nicht, dass er nicht priesterlich tätig war. Das heißt, dass er nicht gesegnet hätte, dass er nicht stellvertretend für andere gebetet hätte, dass er nicht Sünden vergeben hätte. Und das sind ja alles wiederum priesterliche Tätigkeiten, aber nicht kultische Handlungen im Tempel.

DOMRADIO.DE: Sie haben einen Aufsatz in der "Herder Korrespondenz" zu dem Thema geschrieben. Sie sagen: Die Kirche wird durch ihre Rituale lebendig, durch die Feier der Eucharistie. Sie ist eine zentrale Erinnerung an das katholische Geheimnis des Glaubens und damit auch in der Liturgie, der Eucharistie, dem alltäglichen privaten Handeln enthoben. Genau deshalb muss die Eucharistie auch von einem Menschen in einer besonderen, speziellen Funktion, hier von einem Priester, gefeiert werden. Ist das so richtig zusammengefasst?

Mertes: Ungefähr. Es fängt ja damit an, dass wir in unserer Tradition sagen, dass das christliche Volk ein priesterliches Volk ist. Wir müssen jetzt erst mal klären, was es denn bedeutet , wenn wir von "allen" Getauften sagen, sie seien priesterlich tätig? Also der Begriff des Priesters muss geklärt werden. Und ich glaube, dass der Priester oder die Priesterin, eine unverzichtbare Kategorie ist, um grundlegende Handlungen im religiösen Zusammenhang ausführen zu können.

Ich nenne ein Beispiel: Eine Freundin, die nicht glaubt, ruft mich an und fragt mich: Kannst du bitte für mich beten? Ich bin an Krebs erkrankt, ich kann selbst nicht beten. Auf diese Frage kann ich ja nur mit "ja" antworten, wenn ich tatsächlich glaube, dass es so etwas wie eine Stellvertretung anderer vor Gott geben kann.

Ähnliches gilt dann für den Vorgang der Segnung. Das Ritual hat die Funktion, das Volk daran zu erinnern, dass es ein priesterliches Volk ist. Dass es eine Vermittlungsfunktion hat, und das Ritual ist natürlich gerade deswegen enthoben, weil es ein Ritual ist. Nur das Ritual macht es möglich, dass die Erinnerung daran, zu was wir als Christen berufen sind, wirklich vertieft wird. Rituale sind entscheidend für die Erinnerungskultur.

DOMRADIO.DE: Trotzdem will ich noch mal auf das Segnen zurückkommen oder auch das füreinander Beten. Ich bin doch als katholisch Getaufter segensbevollmächtigt, kann also selber segnen?

Mertes: Selbstverständlich. Das ist aber priesterliches Handeln. Wenn im "Synodalen Weg" die Frage gestellt wird, ob wir überhaupt Priester brauchen, muss zuvor geklärt werden, was priesterlich ist.

Dann gibt es aber den durch die Weihe noch mal in besonderer Weise herausgehobenen Priester, dessen Aufgabe darin besteht, im Ritual, in der Eucharistiefeier, als dem Schlüssel des katholischen Selbstverständnisses und vor allem auch der kirchlichen Selbstvergewisserung, das christliche Volk daran zu erinnern, wozu es berufen ist. Also das ist das Gegenüber zum Volk in der Kirche, um diesen Erinnerungsvorgang zu ermöglichen.

Ich habe das in dem Aufsatz an diesem schönen Beispiel deutlich zu machen versucht: Josua geht durch den Jordan und die Priester haben die Funktion, die Bundeslade hinzuhalten, um dem Volk, das durch den Jordan geht, zu sagen – erinnert euch, was in den 40 Jahren gewesen ist. Das ist die Funktion des Priesters.

Also ich habe ein funktionales Priesterverständnis, halte das aber dann auch für ein unverzichtbares, wenn wir eine Erinnerungskultur haben wollen.

DOMRADIO.DE: Also Sie sprechen von einem funktionalen Priesterverständnis. Sie sagen damit ja nicht, wer alles Priester werden kann. Also können zum Beispiel auch Frauen Priesterinnen werden, oder der Priester muss nicht unbedingt zölibatär leben?

Mertes: Die Frage "wer kann Priester werden" ist davon zu unterscheiden. Aber der "Synodale Weg" hat ja, was ich interessant finde, die Frage gestellt "braucht es überhaupt Priester?". Denn wenn wir der Meinung sind, dass es überhaupt keine Priester braucht, dann können wir uns auch die ganze Zukunftsdebatte sparen.

DOMRADIO.DE: Die Liturgie der Eucharistie wird also durch die Person des Priesters oder des priesterlichen Dienstes strukturiert, der sie damit auch zu etwas Besonderem, dem Alltag Enthobenem macht.

Mertes: Nicht die Person des Priesters, sondern die Feier, die Liturgie ist von ihrem Wesen her etwas dem Alltag Enthobenes. Aber natürlich ist nicht der Priester dem Alltag enthoben. Das wäre ja eine Sakralisierung, eine Überhöhung der Person des Priesters. Der Priester wird dazu geweiht, bestimmte Handlungen zu vollziehen, liturgische Handlungen oder sagen Sie von mir aus auch "heilige Handlungen", also sakrale Handlungen. Die sind aber von ihrem Wesen her enthoben, so wie schon im säkularen Raum eine Feier vom Alltag enthoben ist.

DOMRADIO.DE: Sie sprechen davon, dass dieses Ritual vom Alltag enthoben ist und dass es deswegen jemanden braucht, der in seiner Funktion als geweiht auftritt, der das dann zu einem heiligen Akt macht. Aber sind wir da nicht wieder schnell beim Klerikalismus, weil der diese Person zu etwas Besonderem macht?

Mertes: Nein, nicht der Priester macht das zu einem heiligen Akt, sondern der Priester wird bestellt, um eine vorgegebene Struktur oder Ordnung oder Liturgie zu feiern. Und daran hat er eine bestimmte Funktion. Das finde ich auch vollkommen okay. Das hat überhaupt nichts mit einer Sakralisierung der Person zu tun.

DOMRADIO.DE: Und was unterscheidet das jetzt vom evangelischen Pfarrer?

Mertes: Dadurch, dass überhaupt die Unterscheidung zwischen einer sakralen und einer profanen Sphäre markiert wird. Ich möchte jetzt nicht definitiv über evangelische Theologie urteilen. Wenn ich das aber richtig verstehe, wird durch die Aufhebung der Priesterweihe im evangelischen Raum die Handlung selbst gar nicht mehr als eine sakrale Handlung verstanden. Inwieweit dann die Wort-Verkündigung selbst etwas Sakrales ist, weiß ich nicht.

DOMRADIO.DE: Wir Katholiken haben ja die Sakramente. Dazu gehört nicht nur die Eucharistie, die Taufe, auch die Eheschließung, das sind sakrale Rituale. Dann müsste aber auch nicht möglich sein, so wie der Bischof von Chur es sich vorstellt, dass einfache Laien die Taufe spenden oder die Eheschließung vornehmen.

Mertes: Ja, selbstverständlich muss das unter bestimmten Zulassungsbedingungen möglich sein, dass so etwas wie eine vorhergehende Instruktion stattfindet, dass bestimmte Qualifikationen da sein müssen.

Der Bischof von Chur denkt daran, dass er das auch Laien ermöglicht. Das ist ja in beiden Fällen auch nicht so schwer, denn erstens einmal spendet ja bei der Ehe gar nicht der Priester das Sakrament, sondern der Mann und die Frau spenden einander das Sakrament und der Priester hat nur eine Zeugenfunktion. Die Handlung wird nicht dadurch sakramental, dass ein Priester anwesend ist, sondern dass sich im Rahmen einer Feier Mann und Frau als Laien das Sakrament spenden. Also die Sakramentenspendung ist nicht grundsätzlich von der Priesterweihe abhängig.

Dasselbe gilt für die Taufe. Schon jetzt kann jeder Christ taufen, wenn zum Beispiel eine Notsituation da ist. So gesehen ist das jetzt auch gar nicht so revolutionär, was der Bischof von Chur sagt.

DOMRADIO.DE: Aber für die Eucharistie gilt das dann nicht, oder?

Mertes: Das muss man sehen. Indem der Priester in der Eucharistiefeier sagt "das ist mein Leib" und damit das Brot reicht, spricht er nicht von seinem eigenen Leib, sondern vom Leib Christi oder vom Leben Christi, von der Lebenshingabe Christi. Und in dieser Funktion hat er eine ganz bestimmte Rolle. Ich finde es richtig, für diese Rolle in einer ganz besonderen Weise geweiht zu werden, um zu zeigen, dass die Eucharistie in herausragender Weise eine repräsentative Funktion des Heiligen in der Feier hat.

DOMRADIO.DE: Also Sie sagen, wir müssen nicht grundsätzlich das Priesterdasein infrage stellen, das zur grundlegenden Konstitution der katholischen Kirche in seiner Funktion dazugehört. Aber über das Priesterbild sollten wir schon nachdenken?

Mertes: Ja, selbstverständlich müssen wir über das Priesterbild nachdenken, aber ich finde es sehr gut, dass der "Synodale Weg" diese Frage gestellt hat, denn jetzt wir müssen die Frage, ob wir Priester brauchen, auch beantworten. Und ich sage es nochmal, es fängt damit an, dass wir uns mal Gedanken über die Aussage machen müssen, was wir eigentlich meinen, wenn wir sagen "wir sind alle Priester".

DOMRADIO.DE: Einerseits brauchen wir Priester, ja, aber wer alles kann priesterliche Funktionen ausüben?

Mertes: Schon durch die Taufe können alle die genannten priesterlichen Funktionen ausüben. Und dann ist die Frage: Wie hat im Rahmen dieses gemeinsamen Priestertums aller Gläubiger das besondere, hervorgehobene Priestertum eine besondere Funktion?

Es hat die Funktion, das Volk, das selbst priesterlich ist, daran zu erinnern, dass es eben ein priesterliches Volk ist. Das tut es in der Liturgie, in der das Grundgeschehen und das Urgeschehen, welches die Kirche gegründet hat, nämlich die Lebenshingabe Christi an sein Volk, vergegenwärtigt wird.

Das Interview führte Johannes Schröer.

(DR)

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