Theologe Hoping kritisiert Forderungskatalog an Kardinal Marx

Instrumentalisierung des Missbrauchsskandals?

Der Theologe Helmut Hoping wirft den Unterzeichnern eines offenen Briefes mit Forderungen an Kardinal Marx vor, den Missbrauchsskandal für eine Reform-Agenda zu instrumentalisieren. Im Interview erklärt er, was ihn an dem Vorgang so stört.

Priester in weißen Alben / © Corinne Simon (KNA)
Priester in weißen Alben / © Corinne Simon ( KNA )

DOMRADIO.DE: Sie werfen den Unterzeichnern dieses Briefes vor, den Missbrauchsskandal für ihre Reform-Agenda zu instrumentalisieren. 

Prof. Dr. Helmut Hoping (Professor für Dogmatik an der Universität Freiburg im Breisgau): Die Reform-Agenda ist seit langem bekannt. Seit den 80er Jahren werden die Reformen gefordert. Der offene Brief an Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, enthält die Forderung, die sogenannte "vormoderne Ordnung" der Kirche zu überwinden. Das ist eine Agenda, die mit dem Missbrauchsskandal und seiner skandalösen Vertuschung zunächst einmal gar nichts zu tun hat.

DOMRADIO.DE: Das Ergebnis der letzten Missbrauchsstudie hat aber doch gezeigt, dass der Umgang mit dem Zölibat und auch mit der Sexualmoral durchaus in einem Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch steht.

Hoping: Die Studie besagt, dass es keine direkte Ursächlichkeit von Zölibat und Homosexualität (natürlich auch nicht von Heterosexualität) und sexuellem Missbrauch gibt. Es müssen weitere Faktoren hinzukommen, etwa unreife Sexualität. Bei bis 20 Prozent handelt es sich wahrscheinlich um Pädophilie - also ein pathologisches Phänomen. Weil es also hier keine direkte Kausalität gibt, sollte man auch zunächst einmal das Programm des Treffens der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen Ende Februar in Rom ernstnehmen: Rechenschaft ablegen, Verantwortung übernehmen und Transparenz schaffen. Zu erwarten, dass bei dem Treffen Fragen wie Frauenpriestertum, Aufhebung des Verbots der Weihe von homosexuellen Männern oder gar Aufhebung des Zölibats thematisiert werden, ist reichlich illusorisch.

Man muss auch sehen, dass der Papst erst vor kurzem auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Panama gesagt hat, dass für ihn ein optionaler Zölibat nicht in Frage komme, wie ihn die Unterzeichner des Briefes vorschlagen. Beim optionalen Zölibat ist zudem zu fragen, was man darunter versteht: Ist damit eine völlige Entkoppelung der Lebensform vom Priesteramt gemeint – also eine Entscheidung des Priesters vor oder nach der Weihe, welche Lebensform er für sich am geeignetsten hält? Das würde einen grundsätzlichen Traditionsbruch im Verständnis des Amtes fordern. Man könnte nämlich auch an die Übernahme des Modells der orthodoxen Kirchen denken, wo die Weltpriester, bevor sie geweiht werden, geheiratet haben müssen, während die Mönchspriester zölibatär leben. Derzeit fordern einige Leiter von Priesterseminaren und auch zwei, drei Bischöfe, das Verbot der Weihe von homosexuellen Männern zu Priestern zu ignorieren bzw. aufzuheben – bei Beibehaltung des Zölibats. Das wird zu nichts anderem führen als zu einer weiteren Homosexualisierung des Priesterklerus.

DOMRADIO.DE: Das heißt, auch da gibt es wieder eine Vermischung zwischen Zölibat und Homosexualität, die eigentlich diesem Thema nicht ansteht?

Hoping: Wir wissen ja, dass der Anteil von Homosexuellen im Priesterklerus überproportional hoch ist im Vergleich zur Gesamtgesellschaft. Das hat vor kurzem auch Bischof Jung aus Würzburg in einem Interview offen zugegeben und gleichzeitig für die Beibehaltung des Zölibats plädiert. Wenn aber der Zölibat beibehalten und das Priesteramt zu einem Nischenberuf für homosexuell orientierte Männer wird, würde auf Dauer der Preis, den man für den Zölibat zu zahlen hat, sehr hoch. Denn die Entwicklung wäre für die katholische Kirche nicht gesund. Dann müsste man in der Tat über andere Formen des Priesteramtes sprechen, zugleich aber darüber, inwieweit zum Priesteramt eine der Schrift gemäße Lebensform gehört.

DOMRADIO.DE: Lassen Sie uns noch einmal über diesen Brief an Kardinal Marx sprechen. Angesichts dieser stark ansteigenden Kirchenaustritte kann man ja nicht wirklich leugnen, dass die meisten Katholiken ähnlich zu denken scheinen wie die Unterzeichner dieses Briefes.

Hoping: Das ist zunächst einmal eine Präsumtion, denn viele von denen, die austreten, sind schon über Jahre der Kirche entfremdet; und da ist der Austritt am Ende der letzte Schritt. Wir befinden uns in einer Weltkirche. Es mag sein, dass viele in der katholischen Kirche hierzulande mit bestimmten Strukturen und auch kirchenrechtlichen Regelungen nicht mehr einverstanden sind. Aber man kann zum Beispiel bezüglich der Lockerung der Zölibatsverpflichtung auch im Hinblick auf den grassierenden Priestermangel und die Verdunstung der sakramentalen Struktur der Kirche argumentieren und das nicht in Verbindung bringen mit dem Missbrauchsskandal.

Was ich übrigens in dem offenen Brief vermisse: Es wird dort nichts gesagt zu den Sanktionen für die Täter und die verantwortlichen Bischöfe. Man hätte im Vorfeld des Treffens der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen ja auch fordern können, den Straftatbestand des sexuellen Missbrauchs ins Kirchenrecht aufzunehmen. Derzeit ist es so, dass ein Priester, der versucht zu heiraten, schwerer bestraft wird als ein Missbrauchspriester. Ich glaube, dass man so weit kommen muss, dass Priester, die sich des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht haben, laisiert und exkommuniziert werden. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Priester, der sich an Kindern vergangen hat, weiterhin in persona Christi am Altar der Eucharistie vorstehen kann. Das ist für mich schlechterdings nicht vorstellbar.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.


Prof. Helmut Hoping / © Universität Freiburg
Prof. Helmut Hoping / © Universität Freiburg
Quelle:
DR