Aus guten Tagen: Papst Franziskus (l.) mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller
Papst Franziskus (l.) mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller

08.11.2017

Kardinal Müller nimmt Papst in Schutz Keine Häresie

Papst Franziskus sieht sich nach wie vor Häresievorwürfen ausgesetzt. Unterstützung kommt nun von nicht unbedingt erwarteter Seite: Der frühere Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, nimmt den Papst in Schutz.

"Von Häresie kann nur die Rede sein, wenn ein Katholik hartnäckig eine geoffenbarte und von der Kirche verbindlich vorgetragene Glaubenswahrheit leugnet", sagte Müller der "Passauer Neuen Presse". Auf Päpste und Bischöfe träfe dies zu, wenn sie den Gläubigen eine Lehre mit höchstverbindlicher Autorität zu glauben vorlegten, die dem Wort Gottes in der Heiligen Schrift, der Apostolischen Tradition und den bisherigen dogmatischen Entscheidungen der ökumenischen Konzilien widersprächen.

Das sei ohne jeden Zweifel in den wenigen kontrovers ausgelegten Passagen des Schreibens "Amoris laetitia" nicht der Fall, betonte der Kardinal. Mit Rückgriff auf die verbindlichen Interpretationsprinzipien lehramtlicher Texte habe er dies sogar detailliert nachzuweisen versucht. Nachzulesen sei dies in der Einleitung zu Rocco Buttiglione neuestem Buch "Risposte amichevoli ai critici di Amoris Laetitia".

Müller warnt vor "sträflichem Leichtsinn"

Franziskus habe nie an den Fundamenten des katholischen Glaubens rütteln oder die Lehre Christi modernisieren wollen, so als ob sie veraltet wäre, sagte Müller. Vielmehr gehe es darum, wie man pastoral Menschen in sehr schwierigen ehelichen und oft tragischen familiären Verhältnissen beistehen könne. An dessen Ende könne auch die volle Versöhnung mit Gott und der Kirche im Bußsakrament und dann auch die Teilnahme an der Kommunion stehen. Hier mit Schlagworten zu hantieren, wäre ein "sträflicher Leichtsinn" gegenüber dem Seelenheil der Betroffenen, warnte der Kardinal.

Bei den Krankheiten des Leibes würden die größten Aufwendungen gemacht, erinnerte Müller. Doch wenn es die Leiden der Seele betreffe, solle alles im Hauruck-Verfahren gehen. Der größte Schaden entstehe aber immer, wenn man in der Kirche die Glaubenslehre und das Leben aus dem Glauben voneinander trenne oder gegeneinander ausspiele. Der Kardinal plädierte dafür, dass prominente Vertreter zusammenkommen und nach den Regeln eines wissenschaftlichen Gesprächs versuchen sollten, die Anliegen der anderen Seite wahrzunehmen und nach einer einheitlichen pastoralen Richtlinie zu suchen.

Mit Blick auf 500 Jahre Reformation riet der Kardinal, nicht den Vorfahren Vorwürfe zu machen, sondern aus dem Unglück der Trennung zu lernen. So komme es nicht darauf an, wie in der Politik eine persönliche Agenda mit allen Mittel durchzusetzen. Lagerdenken und parteiliche Urteilsbildung offenbarten nicht nur die Abwesenheit des göttlichen Geistes, "sondern auch der menschlichen Vernunft der Protagonisten". Die Einheit der Kirche werde nicht erreicht, indem ein Lager das andere ausschalte, sondern indem sich die Lager auflösten.

Übersetzung liturgischer Texte

Kurienkardinal Müller hält allerdings nichts davon, dass Papst Franziskus bei der Übersetzung liturgischer Texte den nationalen Bischofskonferenzen mehr Freiheit einräumen will. Die Liturgie vereine und dürfe nicht trennen, sagte der frühere Präfekt der Glaubenskongregation. So müsse bei der Übersetzung auf inhaltliche Genauigkeit und Treue sowie auf die wirkliche Umsetzung in Geist und Kultur der Zielsprache geachtet werden. Vor allem aber machte der Dogmatiker deutlich: "Die letzte Autorität im Zweifelsfall kann nicht bei den Bischofskonferenzen liegen."

Ansonsten sei zu befürchten, dass die Einheit der katholischen Kirche in Glauben, Bekenntnis und Gebet zerstört würde, so Müller. Die politisierenden Kategorien von Zentralismus und Dezentralismus könnten hier nicht ins Spiel gebracht werden, denn das Gesetz des Glaubens sei das Gesetz des Betens. Zugleich verwies der Kardinal auf Erfahrungen, wonach die von Bischöfen herangezogenen Übersetzer oftmals die biblischen Texte unter dem Vorwand einer besseren Verständlichkeit verwässert hätten.

Als Beispiele nannte Müller "hoch anspruchsvolle Lehren" wie den stellvertretenden Sühnetod Jesu, die Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria, die leibliche Auferstehung Jesu oder die Gabe seines wahren Fleisches und Blutes unter Gestalt von Brot und Wein. In manchen Ländern seien diese und andere Wahrheiten auf ethische Appelle heruntergebrochen und so ihres katholischen Heilsrealismus entkleidet worden.

Auseinandersetzung von Franziskus mit Kardinal Sarah

Hintergrund der Ausführungen ist eine Auseinandersetzung von Franziskus mit dem Leiter der Gottesdienstkongregation, Kardinal Robert Sarah. Mit dem Papsterlass "Magnum principium" (Das wichtige Prinzip) will Franziskus die Bischofskonferenzen stärken, ihnen mehr Verantwortung bei der Übersetzung liturgischer Texte geben.

Als Reaktion auf einen kritischen Kommentar im Internet, der Sarah zugeschrieben wird, widersprach der Papst dessen Äußerungen per Brief. Müller sagte, er bedauere sehr, dass bei der Frage der richtigen und treuen Übersetzung der originalen lateinischen Liturgiesprache des römischen Ritus solche Reibungen entstanden seien.

Die Frage, ob die Harmonie zwischen Franziskus und seinem Vorgänger Benedikt XVI. nun dahin sei, weil letzterer im Vorwort eines Buches geschrieben hatte, die Liturgie sei bei Sarah in guten Händen, wollte Müller nicht beantworten. "Mich zum Verhältnis des Papstes zu Benedikt XVI. öffentlich zu äußern, überschreitet meine Kompetenz."

Er erinnerte jedoch daran, dass Sarah in seiner Heimat Guinea unter Lebensgefahr seinen Glauben bezeugt und einem kommunistischen Regime die Stirn geboten habe. Das sei eine tiefe spirituelle Voraussetzung, in der Liturgie wirklich die Anbetung und Verehrung Gottes existenziell und spirituell zu vollziehen.

(KNA)

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