Gratulation zum Karlspreis für Franziskus vom Präsidenten des Europäischen Parlamentes, Martin Schulz
Gratulation zum Karlspreis für Franziskus vom Präsidenten des Europäischen Parlamentes, Martin Schulz
Papst Franziskus (l) erhält aus den Händen des Oberbürgermeisters der Stadt Aachen, Marcel Philipp, den Karlspreis
Papst Franziskus (l) erhält aus den Händen des Oberbürgermeisters der Stadt Aachen, Marcel Philipp, den Karlspreis
EU-Ratspräsident Donald Tusk gratuliert Franziskus
EU-Ratspräsident Donald Tusk gratuliert Franziskus
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker mit Papst Franziskus
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker mit Papst Franziskus

06.05.2016

Papst Franziskus empfängt Internationalen Karlspreis Auszeichnung für europäisches Engagement

Papst Franziskus hat am Freitag den Karlspreis entgegengenommen. EU-Parlamentspräsident Schulz, EU-Kommissionpräsident Juncker und weitere Spitzen der Politik würdigten dabei die Verdienste des Papstes um Europa.

Das Karlspreisdirektorium würdigte laut der Verleihungsurkunde das "herausragende Engagement für Frieden, Verständigung und Barmherzigkeit in einer europäischen Gesellschaft der Werte" von Papst Franziskus. (hier zur offiziellen Begründung)

"Franziskus gibt Mut und Zuversicht"

Der Vorsitzende des Karlspreis-Direktoriums, Jürgen Linden, sagte bei der Verlesung der Urkunde in der Sala Regia des Apostolischen Palastes, Franziskus gebe "Mut und Zuversicht, Europa wieder zu dem Traum zu machen, den wir seit mehr als 60 Jahren zu träumen gewagt haben". Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp beklagte eine Erosion des kulturellen und moralischen Fundaments in Europa. Es sei ein "großes Glück", dass Franziskus ohne einen "Wohlstandsschleier" auf den in Widersprüche verzerrten Kontinent schaue.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz sagte in einem Grußwort, Europa durchlebe eine "Solidaritätskrise". Der Kontinent laufe Gefahr, das Erbe von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zu verspielen. "Nationale Egoismen, Renationalisierung, Kleinstaaterei sind auf dem Vormarsch."

Jenen, die "25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder Mauern und Zäune in Europa errichten" wollten, warf Schulz Geschichtsvergessenheit und Realitätsverweigerung vor. Damit gefährdeten sie "eine unserer größten europäischen Errungenschaften - die Freizügigkeit". Die gemeinsame Wertebasis gerate ins Wanken, so der Parlamentspräsident. "Jetzt ist es an der Zeit, für Europa zu kämpfen."

Schulz: Papst erteilt Lektion in gelebter Solidarität

Franziskus mache dafür Hoffnung und erteile jenen Regierungschefs eine Lektion in gelebter Solidarität, "die sich weigern, muslimische Flüchtlinge aufzunehmen mit der Begründung, man sei ein christliches Land", sagte Schulz in Anspielung auf die Aufnahme muslimischer Familien im Vatikan.

EU-Kommissionpräsident Jean-Claude Juncker sagte, mit zwölf Flüchtlingen aus Lesbos habe der Vatikan gemessen an seiner Einwohnerzahl "mehr Menschen als jedes EU-Land" aufgenommen. Er appellierte an die Regierenden in Europa, zum Mut ihrer Vorgänger zurückzufinden. "Ein Rückzug in unsere eigene Behaglichkeitszone ist keine Lösung", so Juncker.

Juncker: "Franziskus gibt frischen Mut"

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sagte, mit seiner Aufnahme von Flüchtlingen aus Lesbos gebe Franziskus "frischen Mut". Junker rief die europäischen Regierenden zu neuer Entschlossenheit auf. "Wir können noch besser werden als wir sind; wir können eigentlich nur noch besser werden", sagte er.

"Ein Rückzug in unsere eigene Behaglichkeitszone ist keine Lösung", so Juncker. Franziskus erinnere daran, "dass wir unsere Verantwortung und unser gewaltiges Potenzial besser ausschöpfen können und müssen", auch für Flüchtlinge, "vor denen wir keine Angst haben müssen".

EU-Ratspräsident Donald Tusk lenkte den Blick auf das Kirchenprofil unter Papst Franziskus. Das letzte Ziel von Politik und Religion sei nicht Macht, sondern "die Linderung von Leid und Unheil". Gläubige wie Nichtglaubende brauchten eine Kirche, die niemanden ausschließe; "eine Kirche, die auf Prunk verzichtet, um den Armen zu helfen; eine Kirche, in ihrer Liebe radikal ist und das Urteilen Gott überlässt".

Lesen Sie hier die Berichterstattung über die Dankesrede von Papst Franziskus.

Messe im Petersdom

Vor der Verleihung des Karlspreises hatten die Feierlichkeiten mit einer Messe im Petersdom begonnen. Den Gottesdienst zelebrierte der emeritierte deutsche Kurienkardinal Walter Kasper gemeinsam mit dem Aachener Altbischof Heinrich Mussinghoff und Weihbischof Karl Borsch, der das Bistum übergangsweise leitet.

Kardinal Kasper plädierte in seiner Predigt für ein offenes Europa. Fremdenfeindlichkeit sei mit dem Christentum unvereinbar, Fremdenhass eine "Todsünde", sagte er. Europa brauche "nicht Mauern, sondern Brücken". Dabei gehe es nicht darum, Unterschiede zu nivellieren, sondern sich gegenseitig zu respektieren. In jeder Krise stecke auch eine Chance, so Kasper weiter. Nötig sei in Europa eine Rückbesinnung auf christliche Werte. Den Kontinent habe stets eine "offene Kultur" ausgezeichnet, betonte der Kardinal.

Unter den Ehrengästen war auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die anschließend von Franziskus in Privataudienz empfangen wurde. An der Feier nahmen auch die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und die deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Annette Schavan, teil. Der Aachener Domchor gestaltete den Gottesdienst im Petersdom.

(KNA, DR)

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