Papst Franziskus
Papst Franziskus

27.07.2015

Das Gebetsanliegen des Papstes für den August Wer gibt, wird auch bekommen

In seinem Gebetsanliegen für den Monat August bittet Papst Franziskus um Solidarität mit ausgegrenzten Menschen. Prälat Bertram Meier sagt: Die nicht abebbenden Flüchtlingsströme zeigen, wie aktuell sein Anliegen ist.

Mitten im Sommer weise ich auf etwas hin, was uns von Weihnachten her vertraut ist. Sie steht sowohl in der Obdachlosenunterkunft als auch in der feudalen Villa: die Krippe. Reiche wie Arme sind ebenso berührt vom Anblick der einfachen oder kunstvollen Figuren, die auf die Weihnachtsgeschichte verweisen.

Jedes Jahr werden deren Inhalte in vielen Facetten nacherzählt: Zum Zweck der Steuerschätzung findet eine Volkszählung statt. Ein Paar auf dem Weg, die Frau hochschwanger, findet keinen Platz in der Herberge eines kleinen Ortes. Trotzdem gibt es eine glückliche Geburt: Das Kind wird in Windeln gewickelt und in eine Krippe gelegt, draußen in einem Stall.

Die meisten Menschen haben keine feste Bleibe

Dieses menschliche Schicksal war damals nicht ungewöhnlich - und so ist es bis heute geblieben. Darauf will uns auch der Papst hinweisen, wenn er für die Ausgegrenzten betet, und dass wir «zu Nachbarn der am Rande Lebenden werden» mögen. Ein mehr als aktueller Appell, denn für die Mehrheit der Erdenbürger ist es alltägliche Erfahrung, keine feste Bleibe zu finden und in ärmliche Verhältnisse hineingeboren zu werden. Wie sich deren Lage allzu oft als blinder Fleck unserer Aufmerksamkeit entzieht, so wäre auch die Geburt Jesu im toten Winkel der Kleinstadt Bethlehem verschwunden, wenn es den Paukenschlag einer anderen Deutung nicht gäbe: "Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt" (Joh 1,14).

Weihnachten - obwohl Teil unseres (oft allzu) menschlichen Terminkalenders - ist zugleich der berühmte Punkt jenseits der Erde, von dem der alte griechische Mathematiker Archimedes meinte, dass von ihm aus die Welt bewegt werden könne. Weihnachten ist kein selbst gemachtes irdisches Fest; Gott selbst hat sich ins Spiel gebracht als Mensch. "Die Menschlichkeit Gottes ist erschienen" (vgl. Tit 3,4).

"Nur die Krippe meines Nächsten ist seine Krippe"

An diese tiefe Einsicht hat der 1994 verstorbene Bischof Klaus Hemmerle erinnert. Die Krippe bleibe ein harmloses Spielzeug oder ein Kulturgegenstand, wenn man von der Anschauung der Krippe nicht zu der des eigenen Mitmenschen kommt: «Nur so verstehen wir die befremdliche und ungeheuerliche Botschaft von der Menschwerdung Gottes. Er will nicht nur der Gott über uns sein, der Gott ganz am Anfang und dann einmal am Ende. Er will sein: Gott mit uns, Gott für uns, Gott dort, wo wir sind. In Jesus ist Gott selber mein Nächster geworden, und ich kann ihn nicht finden, ihm nicht begegnen, nicht mit ihm reden, wenn ich nicht aufbreche zu meinem Nächsten, nicht Nächster meiner Nächsten werde. Nur die Krippe meines Nächsten ist seine Krippe». Daher sind die Krippen gemalte und geschnitzte Ausrufezeichen unserer Situation.

Denn nach ärmlichen und erbarmungswürdigen Lebenslagen brauchen wir heute nicht lange zu suchen. Zwar hat die soziale Frage eine andere Form als vor zwei Jahrtausenden oder vor hundert Jahren. Doch dem aufmerksamen Beobachter entgeht es nicht, wie morsch und marode unser heutiges Sozialsystem ist. Gerade in den Diskussionen um Gesundheits-, Steuer- und Rentenreform steht zu hoffen, dass nicht immer mehr Menschen durch die immer weiter werdenden Maschen des sozialen Netzes fallen. Die Armutsuntersuchungen sprechen eine deutliche Sprache: Zunehmend bildet sich eine neue Schicht deklassierter und ghettoisierter, das heißt sozial höchst gefährdeter Menschen heraus. Der Armutsforscher Christoph Butterwegge spricht von einem "sozialen Scheidewasser", das die Bevölkerung in Gewinner und Verlierer aufteilt.

Spaßgesellschaft stößt an ihre Grenzen

Doch gleichzeitig zeichnet sich noch ein anderer, gegenläufiger Trend ab. Es gibt nicht nur den skurrilen Tanz um die Statussymbole und die Sicht der Welt als endloses Buffet, an dem man sich hemmungslos bedient, womöglich auf Kosten anderer. Die kaufwütige Spaßgesellschaft ist an ihre Grenzen gestoßen. Es gibt nicht nur Besitztrunkenheit und Zuwachsraten-Erwartung. Die Fronten zwischen Arm und Reich geraten in Bewegung. Wer ist wirklich reich?

Mit seiner Menschwerdung hat Gott neu definiert, was Reichtum ist. Oft denken wir: Reiche können Arme mitversorgen, solange sie selbst reich bleiben. Nach dieser Logik unserer Wirtschaft kann auch der «ewigreiche Gott» nur helfen, solange er selbst reich bleibt. Gelegentlich lässt er ein Gnadengeschenk herunterfallen - von oben herab, versteht sich. Doch Gott geht es um mehr. Seine Logik folgt nicht der menschlichen Bitte: "Komm doch mal runter, und schau dir die Bescherung an!"

Durch Armut reich werden

Bei ihm geht es an die Substanz: "Er, der reich war, wurde euretwegen arm" (2 Kor 8,9). Er verlässt den Himmel und wird Mensch auf Erden. Aber er verliert dabei nichts. Äußerlich ein armer Mensch, bezeugt er die göttliche Logik der Liebe: Der Gewinn liegt im Geben. Die sind wirklich reich, die sich für eine neue Priorität entscheiden: Vom Haben zum Sein.

Unsere Welt wird nicht reich, indem sie den Spielplatz für mehr als sechs Milliarden kleine Herrgötter eröffnet, sondern dadurch, dass Gott ins Spiel kommt, "um uns durch seine Armut reich zu machen" (vgl. 2 Kor 8,9). Denn von der Krippe bis zum Kreuz ist Gott uns gerade darin meilenweit voraus, was wir wie selbstverständlich für uns beanspruchen: in der Menschlichkeit.

Von Prälat Bertram Meier
(KNA)

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