Papst Franziskus und Evo Morales während einer Privataudienz am 6.9.13
Papst Franziskus und Evo Morales
Ein bolivianischer Landwirt zeigt am 30.6.05 eine Koka-Pflanze
Koka-Pflanze

08.07.2015

Theologin aus La Paz zu Papstbesuch in Bolivien "Die Bolivianer schätzen Franziskus' Einsatz für die Armen"

Bolivien ist die zweite Station der Südamerika-Reise von Papst Franziskus. Was die bolivianische Höhenlage für ihn bedeutet und wer im Papamobil mitfahren möchte, erzählt die deutsche Theologin Irene Tokarski im domradio.de-Gespräch.

domradio.de: Wie erleben Sie die Atmosphäre um sich herum - wie sehr freuen sich die Bolivianer auf Papst Franziskus? 

Irene Tokarski (Deutsche Theologin in La Paz, Bolivien): Es gibt kein anderes Gesprächsthema mehr. Egal, ob Sie mit dem Taxi fahren oder auf der Straße sind: Alle reden nur davon. Es gibt ein bisschen Sorge, weil es unglaublich kalt ist. Wir hoffen, dass es noch ein bisschen wärmer wird und der Papst nicht friert. 

domradio.de: Der indigene Präsident Evo Morales hat ein ziemlich angespanntes Verhältnis zur katholischen Kirche. Was sind die Knackpunkte?

Tokarski: Die Kirche wird von der aktuellen Regierung als kolonisierende Macht eingestuft, als Teil der Conquista (Prozess der Eroberung und Erschließung des mittel- und südamerikanischen Festlandes; Anm.d.Red.) vor 500 Jahren. Und das hängt ein bisschen über den Beziehungen. Aber man muss sagen, dass sich das durch den Papstbesuch ein bisschen entspannt hat. Vor allem Evo Morales hat den Papst ja auch immer wieder eingeladen und war über den Besuch anscheinend auch besser informiert als die Bischofskonferenz in Bolivien. Er hat viel früher die Agenda bekannt gegeben.

domradio.de: Eines eint Papst und Präsident auf jeden Fall - nämlich ihr Engagement für die Indigenen…

Tokarski: Auf jeden Fall. Die beiden haben sich ja letztes Jahr beim Treffen der Volksbewegungen in Rom gesehen. Ein zweites Treffen der Bewegungen wird jetzt in Santa Cruz in Bolivien stattfinden. Und Franziskus wird heute Abend ja Evo Morales treffen. 

domradio.de: Für Präsident Morales ist es natürlich schick, sich an der Seite von Papst Franziskus zu zeigen. Muss man befürchten, dass er den Papstbesuch politisch instrumentalisiert?  

Tokarski: Ja, natürlich. Aber das ist eigentlich nicht wahnsinnig tragisch. Es weiß ja jeder in Bolivien, dass der Papst zur katholischen Kirche gehört und nicht zur Regierung von Evo Morales. Er hatte den Antrag gestellt, mit dem Papst im Papamobil vom Flughafen runter nach La Paz zu fahren. Das lassen sie ihn offenbar nicht machen. Für die Bolivianer ist aber so oder so klar, dass der Papst zu katholischen Kirche gehört und dass sich Evo Morales mit der Kirche immer wieder mal streitet, ist auch bekannt. Die Bolivianer werden zur katholischen Kirche und zu Evo Morales halten.

domradio.de: Bis Freitagabend bleibt der Papst in Bolivien - was werden wohl die Höhepunkte sein? 

Tokarski: Morgen Vormittag wird die einzige Messe in Bolivien in Santa Cruz stattfinden. Dann ist die Begegnung mit den sozialen Bewegungen. Und Papst Franziskus wird ein Hochsicherheitsgefängnis in Santa Cruz besuchen. Das ist der abschließende Höhepunkt des Besuchs.

Der Gefängnisbesuch ist so wichtig, weil wir in Bolivien dort eine katastrophale Situation haben. Es leben ungefähr 15.000 Menschen in den Gefängnissen, die insgesamt für 5.000 Personen ausgerichtet sind. Das heißt, dass die Insassen unter katastrophalen Bedingungen leben. Über 85 Prozent von ihnen haben außerdem noch gar keine Verhandlung gehabt, sitzen also in Untersuchungshaft. Es gibt Menschen, die fünf, sechs oder sieben Jahre ohne Verhandlung im Gefängnis sitzen - und das zum Teil für Straftaten, die eine Höchststrafe von fünf Jahren haben. 

domradio.de: Franziskus kommt heute auf dem Flughafen von El Alto an - mit über 4.000 Metern einer der höchstgelegenen Flughäfen der Welt. Und Papst Franziskus hat ja nur einen Lungenflügel. Wird das eine Tortur für ihn?   

Tokarski: Wahrscheinlich schon. So eine Reise ist natürlich insgesamt sehr anstrengend. Natürlich steht man am Flughafen mit Sauerstoff bereit. Und Franziskus war ja auch schon einmal in La Paz, vor seiner Zeit als Papst. Von daher kann er das schon einigermaßen einschätzen. Das ist aber auch der Grund, warum er nur vier Stunden in La Paz bleibt und heute Abend nach Santa Cruz ins Tiefland weiterfliegt.  

domradio.de: Es hieß ja auch, dass Franziskus Koka-Blätter probieren möchte. Diese Blätter helfen ja auch gegen die Höhenkrankheit.  Was wissen Sie darüber?  

Tokarski: Das ging hier ganz groß durch die Presse. Das ist natürlich auch eine politische Position, weil die Koka immer noch als Droge diffamiert wird. Die Koka an sich ist aber keine Droge. Man kann daraus Kokain machen, braucht dafür aber noch 21 andere Elemente. Der Papst unterstützt dabei die Bolivianer in ihrem internationalen Kampf. So wahnsinnig viel gegen die Höhenkrankheit hilft die Koka aber auch nicht. 

domradio.de: Was wünschen sich die Bolivianer vom Papst? Und was Sie persönlich? 

Tokarski: Man kann ganz deutlich merken, wie sehr die Bolivianer den Papst schätzen - vor allem seinen Einsatz für die Armen. Ich glaube, viele hoffen, dass ihre Kirche auch wieder ein Stück mehr auf diesen Weg zurück findet. Die bolivianische Kirche hat das viel getan und tut es noch immer. Ich habe aber den Eindruck, dass das so ein bisschen verloren gegangen ist.

 

Das Gespräch führte Hilde Regeniter.

(dr)

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