Gefeiert: Papst Franziskus in Ecuador
Gefeiert: Papst Franziskus in Ecuador
Papst Franziskus in Quito
Papst Franziskus in Quito

07.07.2015

Franziskus stellt sich in die Tradition der Freiheitskämpfer Jesus Christus und Simon Bolivar

Dass Papst Franziskus revolutionäre Rhetorik liebt, war bekannt. Nun hat er bei einer Messe vor einer Million Gläubigen in Lateinamerika eine Nähe von Freiheitskampf und christlichem Glauben verkündet.

Bei seiner zweiten großen Messe in Ecuador hat Papst Franziskus starke politische und historische Akzente gesetzt. Den Ort für den Gottesdienst hatte er mit Bedacht gewählt: Den Park des "Bicentenario" in der Hauptstadt Ecuadors, jüngst angelegt zum Gedenken an die vor rund 200 Jahren begonnene Befreiung Lateinamerikas von der Kolonialherrschaft. Ecuador war 1809 das erste Land Südamerikas, das die Unabhängigkeit von der spanischen Krone ausrief - auch wenn sich die Kriege zu deren Verwirklichung noch bis 1822 hinzogen.

In seiner Predigt griff Franziskus den "Schrei nach Freiheit" auf, der damals die Unterdrückten einte und in den von Simon Bolivar organisierten Freiheitskampf führte. In einer theologisch wie historisch steilen These erklärte er, dass dieser Schrei nach Freiheit zusammenklinge mit dem Ruf Jesu beim Letzten Abendmahl, als er im Angesicht von Verrat, Leiden und Tod für die Einheit der Jünger betete. Er wünsche, dass heute diese beiden Schreie bei der Verkündigung des Evangeliums in Einklang seien, rief der Papst unter dem Beifall von mehr als einer Million Ecuadorianern. Unter ihnen war auch Ecuadors Präsident Raffael Correa, ein bekennender Linkskatholik und Sozialist.

"Krankheiten" der Machthaber

Correa musste sich freilich auch eine Abrechnung mit den notorischen "Krankheiten" der Machthaber des Kontinents anhören. Dass der Freiheitskampf zunächst zu weiteren Kriegen, Diktaturen und Konflikten führte, habe nicht an der mangelnden Überzeugungskraft der Freiheitsidee gelegen, so der Papst. Schuld waren aus seiner Sicht vielmehr die Machtverliebtheit der politischen Führer und ihre Neigung zu diktatorischen Herrschaftsformen. Sie hätten nicht verstanden, dass zur Freiheit auch gehört, andere Befreiungsprozesse innerhalb der befreiten Gesellschaft zuzulassen.

Indirekt kritisierte der Papst damit auch die heutigen Erben Bolivars, die in Venezuela und Bolivien neue diktatorische Tendenzen erkennen lassen. Ecuadors Präsident Correa, der seine "Bürger-Revolution" und den "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" bislang mit demokratischen Mitteln umsetzt, mag aus den Worten des Papstes eine Mahnung herausgehört haben. Es gibt Gerüchte, er wolle mit einer Verfassungsreform seine unbegrenzte Wiederwahl ermöglichen und damit das demokratische Gleichgewicht des Landes gefährden.

Tagespolitik kein Thema

Doch der Papst sprach in seiner Predigt nicht von Tagespolitik. Er betonte die großen Linien und versuchte, die Impulse des überwiegend von Freimaurern und Antiklerikalen getragenen lateinamerikanischen Unabhängigkeitskampfes mit der Botschaft Jesu zu versöhnen. Solche Versuche gab es auch schon vor 200 Jahren, als Priester aus dem niederen Klerus mit den Aufständischen sympathisierten. Und es gibt sie bis heute am linken Rand der katholischen Kirche in Lateinamerika mit einer Nähe zu revolutionären Bestrebungen.

Franziskus betonte, dass die christliche Botschaft auch ein Mittel der Einheit für die Verwirklichung von Utopien sein könne. Der Wunsch, das Evangelium der Nächstenliebe zu verkünden, sei ähnlich faszinierend und anziehend wie der Ruf nach Freiheit und Unabhängigkeit. In beiden brenne "dasselbe Feuer". Der Mensch, der sich selbst für seinen Nächsten verschenke, verwirkliche die Liebe Gottes, so der Papst. "Das heißt: das Evangelium verkünden. Das ist unsere Revolution - denn der Glaube ist immer revolutionär."

Kritik auch an konservativen Kirchenkreisen

Neben den Machthabern nahm der Papst auch konservative Kirchenkreise aufs Korn. Die Einheit, die Jesus gewollt habe, sei weit weg von diktatorischen, ideologischen oder sektenhaften Vorstellungen. Es sei nicht Sache der Kirchenoberen, die Regeln zu diktieren und jene zu bevorzugen, die sie befolgen, und die anderen auszuschließen. Der wahre Reichtum der Einheit liege vielmehr in der Verschiedenheit. Das Fundament der großen Familie, die Jesus gewollt habe, bestehe nicht in einem einheitlichen Geschmack, einheitlichen Sorgen und einheitlichen Begabungen, wie es eine gewisse "Elite-Religiosität" wolle - sondern in der Liebe Gottes für alle.

Am Ende der Messe schien sich der Papst bewusst zu sein, dass er mit seinen Ausführungen für Unruhe unter den Bischöfen Ecuadors gesorgt haben dürfte - von denen nur wenige die Rhetorik der Revolution und des Freiheitskampfes schätzen. Daher verband er seinen Schlusssegen mit einem besonderen Dank an sie und dem lebhaften Wunsch, dass "die Kirche ein Haus von Brüdern sein möge".

Ludwig Ring-Eifel
(KNA)

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