Günther B. Ginzel
Günther B. Ginzel

Günther Bernd Ginzel ist ein jüdischer deutscher Journalist und Publizist. Er ist ein Pionier des Gesprächs zwischen Christen, Juden und Muslimen und ist Vorsitzender der "Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen" beim Deutschen Evangelischen Kirchentag und Mitglied im "Gesprächskreis Juden und Christen" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

Franziskus und der argentinische Rabbiner Abraham Skorka
Franziskus und der argentinische Rabbiner Abraham Skorka
Papst Franziskus besucht Yad Vashem
Papst Franziskus besucht Yad Vashem

27.05.2014

Eine Würdigung der Friedensbemühungen des Papstes im Heiligen Land "Sensationelle Gesten"

Was bleibt vom Papst-Besuch im Heiligen Land? Der jüdische Publizist Günther B. Ginzel zieht im domradio.de-Interview eine positive Bilanz und spricht dabei von "wunderbaren" Ideen und Gesten von Franziskus.

domradio.de: Was hat Papst Franziskus anders als seine Amtsvorgänger gemacht, insbesondere bei seinem Besuch der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem? Welchen Nerv hat er da bei den Menschen vor Ort getroffen?

Ginzel: Er hat im Grunde genommen den Nerv getroffen, den auch der Vor-Vorgänger, Johannes Paul II, getroffen hatte. Das Bild des polnischen Papstes mit der kranken, gebrechlichen Überlebenden aus Polen, die gemeinsam da saßen und darüber nachdachten, wie es möglich ist, was hier auf dieser Welt in dieser Zeit geschehen ist. Das war eindringlich.

Papst Franziskus hat nun zu einer anderen Geste gefunden, aber auch weil die israelischen Gastgeber das so vorbereitet hatten. Als erstes sprach er mit einer alten Dame, die als Fünfjährige gerettet wurde, weil sie in einem Kloster vor den Nazis versteckt wurde. Und diese alte Dame sagt: Meine wahre Familie - alle anderen sind umgebracht worden - sind die Nonnen. Und der Papst, tiefgebeugt vor ihr, ergreift die Hände und küsst sie. Das hat er bei den anderen vier Überlebenden und ihren schrecklichen Geschichten auch getan. Das ist mehr als alles andere, was an Worten noch auszudrücken wäre.

Darin liegt der Unterschied zu Papst Benedikt, der eben immer eine professorale Distanz gewahrt hat, was kein Qualitätsurteil sein soll, aber was eben den Unterschied ausmacht. Dieser Papst wirkt auf Katholiken und auf Nicht-Katholiken dadurch, dass man begreift, dies ist - wie man im Jüdischen sagt - ein Mensch. Ein Mensch, der auf andere Menschen zugeht, der eine Vision hat, der getrieben ist von einem tiefen Humanismus, gespeist aus seinem Gottesglauben.

domradio.de: Papst Franziskus hat während seiner Reise einige solche Gesten gezeigt, er hat unter anderem den israelischen Staatspräsidenten Peres und den Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde Abbas in den Vatikan eingeladen. Bereits nächste Woche könnte dieses Treffen stattfinden. Was ist denn von dieser Geste zu halten?

Ginzel: Dies ist ein Beispiel dafür, dass wohl noch nie eine Pilgerfahrt eines Papstes ins Heilige Land so hoch politisch war wie diese, ohne dass das jetzt demonstrativ herübergekommen wäre. Was also hat er gemacht? Er hat eine wunderbare Idee. Was fehlt in diesem Nahen Osten? Was funktioniert seit Generationen nicht? - Der Dialog. Jede Seite beharrt auf ihrem Standpunkt, sie sieht das eigene Leiden, sie verweigert die Anerkennung des Leidens der anderen. Darin unterscheiden sich Palästinenser und Israelis in keiner Weise.

Und jetzt sind da zwei große alte Männer kurz vor dem Ende ihrer politischen Karriere. Sie können sich Freiheiten erlauben und etwas tun, was andere niemals wagen würden - sie können auf dieses überraschende Angebot des Papstes eingehen. Sie können zum Abschluss ihres politischen Lebens dank des Papstes ein Zeichen setzen, zusammenkommen. Und vielleicht gelingt es ihnen - sowohl Abbas als auch Peres sind säkular, für sie ist die Religion Teil der Kultur, Teil der Emotion, aber nicht Teil der Lebenspraxis, was wiederum kein Werturteil sein soll. Und sie kommen zusammen, überwältigt von diesem katholischen Papst, und werden ein Zeichen setzen, das in der Region sicherlich wahnsinnig viele aufregen wird, wütend machen wird. Weil es genau das ist, was viele zu verhindern versuchen. Aber das ist vielleicht sogar die Botschaft dieses ganzen Heilig-Land-Trips des Papstes: Überwindet das, was euch bisher gehindert hat am Frieden. Versucht etwas Neues, und ich als Papst kann euch auch nur zu Gesten ermuntern. Und dies könnte eine Geste sein, die wiederum anderen sehr viel mehr Mut macht, über ihren Schatten zu springen und den anderen als etwas Gleichwertiges, als einen Menschen anzunehmen.

domradio.de: Welche Position nimmt der Papst denn nun im Nahost-Konflikt ein?

Ginzel: Es geht ihm darum, das individuelle Leiden, das subjektive Gefühl, Opfer zu sein, das die Menschen auf allen Seiten haben, zu respektieren, sich vor diesen Opfern und Opferwegen, egal aus welchen Gründen, zu verneigen. Mitgefühl zu zeigen. Das ist keine Show. Natürlich ist es in den Palästinensergebieten sehr gut angekommen, als er an der Mauer Station gemacht hat und mit seiner Geste gegen die Mauer protestierte. Gleichzeitig rief er aber auch die Palästinenser zu Gewaltlosigkeit auf, das wiederum werden die nicht gern gehört haben. Denn Franziskus zeigte auch: Diese Mauer wäre nicht da, hätte es nicht vorher die Gewalt gegen Unschuldige gegeben. Die Mauer ist ein Symbol dafür, wenn auf Gewalt mit Gewalt geantwortet wird.

domradio.de: Der Papst hat auch das Grab von Staatsgründer Herzl besucht.

Ginzel: Das ist hier ja kaum wahrgenommen worden, das war der sichtbare Bruch mit einer antijudaistischen Theologie, die zwangsläufig seit der Begründung des Zionismus auch in einer antiisraelischen Haltung eingemündet ist. Pius X. hatte ja damals Herzl brüsk abgewiesen, als dieser um Unterstützung des Vatikans bat. Mit diesen "Gottesmördern" wollte der damalige Papst nicht zu tun haben. Er sah Israel als Staat der Juden als eine Gefahr für die katholische Kirche. Das war der Grund, weshalb es auch lange nicht zu diplomatischen Beziehungen zwischen Vatikan und Israel gekommen war. Das begann erst unter Johannes Paul II. Und nun geht Franziskus diesen Schritt weiter und besucht das Grab Herzls. Das war auch eine Versöhnungsgeste gegenüber dem Staat Israel, dem er auf der einen Seite immer wieder eingebläut hat, Frieden und Sicherheit für Israel müssen sein, anerkannte Grenzen und Anerkennung der jüdischen Tradition müssen sein, Kontinuität von Moses an bis heute. Aber es gibt auch ein Recht der Palästinenser auf einen Staat. Die Zukunft kann nur in einer Zweistaatlichkeit im Heiligen Land liegen, ein freies Israel und ein freies Palästina. Dafür müssen wir beten, ein bisschen mehr als nur beten.

domradio.de: Was bleibt von der Papstreise?

Ginzel: Ein großer Impuls, das Mutmachen, differenziert auf alle Seiten zu schauen und zu überlegen, was auch die Außerstehenden tun können, um den Dialog zwischen Islam und Juden in Gang zu bringen. Dann die sensationelle Geste, als Franziskus auf den Tempelberg ging. Der Papst kommt dorthin, zieht die Schuhe aus und zeigt seine Demutsgeste. Und er mahnt dabei an: Wir sind Kinder Abrahams, lasst uns gemeinsam sein. Aber gleichzeitig sagt er auch hier Dinge, die man nicht hören will: Es gibt keine Gewalt im Namen Gottes. Lasst ab von der Gewalt gegen andere Menschen im Namen der Religion. Dann geht er zur Klagemauer, links und rechts neben ihm ein jüdischer Freund und ein muslimischer Freund, in der Mitte der Papst. Das sind Dinge, die es in der Geschichte der Kirche noch nie gegeben hat! Und sie stehen vor dem Tempelberg, der für Christen, Muslime und Juden eine der heiligsten Stätten ist. Und der Papst umarmt beide, und so stehen die Kinder Abrahams dort umarmt. Wissen Sie, etwas Pathos gehört mit dazu. Das sind Bilder, die bleiben. Das ist die Vision für die Zukunft, gegen alle Fundamentalisten, gegen alle, die Religion und Nationalismus miteinander verbinden, die aus der Religion die Legitimation schöpfen, den jeweils anderen zu unterdrücken oder zu bekämpfen. Das ist eine ganz phantastische Geste, die bleiben wird. Mit Sicherheit wird auch die große Unruhe bleiben unter all den Gruppierungen auf der christlichen, jüdischen und christlichen Seite, die eben nur eine einzige Wahrheit kennen wollen, nämlich die jeweils eigene. Und jene, die durch diese Friedenssymbole ihren eigenen Machtanspruch unterminiert sehen. Wir werden mit erheblichen Diskussion vor Ort zu tun haben, und ich bin sicher, der Papst wollte das mit anstoßen.

Das Interview führte Christian Schlegel.

(DR)

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