23.11.2014

Am Dienstag spricht Papst Franziskus vor dem EU-Parlament Von den Rändern Europas ins Zentrum

Am Dienstag blickt das politische Europa nach Straßburg und auf den Papst aus Rom. Franziskus' Reden vor dem EU-Parlament und dem Europarat erwarten schon deshalb viele mit Spannung, weil erstmals ein nichteuropäischer Papst eingeladen ist.

Welches Bild hat das katholische Kirchenoberhaupt aus Argentinien von Europa? Einige Länder hat er früher einmal bereits bereist. Anfang der 70er Jahre studierte er in Spanien, später auch einige Monate in Deutschland, und er besuchte Österreich.

Doch mit expliziten Aussagen zur Lage in Europa hielt sich Franziskus bislang zurück; er nähert sich dem Kontinent sozusagen - programmatisch - von der Peripherie. Seine erste Reise als Papst unternahm er auf die Flüchtlingsinsel Lampedusa und mahnte dort die reiche Welt zu mehr Aufnahmebereitschaft gegenüber Migranten. Die erste Europareise außerhalb Italiens führte ihn nach Albanien, das muslimisch geprägt und kein EU-Mitglied ist. Orte in Italien selbst, dem Land seiner Vorfahren, dessen Sprache er gut spricht, standen indes schon sieben Mal auf dem Routenplan.

Mit seinem Besuch am italienischen Weltkriegsmahnmal Redipuglia begab er sich im September erstmals an einen Brennpunkt der europäischen Geschichte, auch um die Gefallenen seiner eigenen Familie zu betrauern, wie er hervorhob. Franziskus' Rede kreiste aber nicht um die europäische Tragödie 1914 bis 1945 - aus der das Projekt der Einigung überhaupt erst hervorging -, sondern wurde zu einem Friedensappell an die ganze Welt.

Frage nach der Zukunft der Familie

Dass dieser Papst europäische Wurzeln mit der Perspektive eines anderen Erdteils verbindet, dürfte bei seiner Wahl im Konklave 2013 auch eine Rolle gespielt haben. In Straßburg spricht er als Vertreter einer Weltkirche, die die Globalisierung deshalb vor allem als Chance für sich sieht, vor den Repräsentanten eines alternden Kontinents, dem im Global Village laut vielen Prognosen die Gefahr eines Abstiegs droht. Dabei dürften besonders jene Themen zur Sprache kommen, die Franziskus seit Beginn seines Pontifikates akzentuiert hat: dezidiert europäische Themen wie die Flüchtlingsproblematik und die Frage nach der Zukunft der Familie bei wachsenden Scheidungsraten und sinkenden Geburtenzahlen. Auch der Lebensschutz gehört in diesen Bereich.

Außerdem hat Franziskus immer wieder die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa kritisiert und ein Gesellschaftsmodell, das alles dem Profit unterordnet. In Straßburg könnte er erneut eine "Kultur des Abfalls" anprangern, in der jeder zweitrangig wird, der nicht ökonomischen Zwecken dient: Kinder, Jugendliche, Alte und Kranke.

Sorge um Arme und Benachteiligte

Inwieweit Franziskus, der Lateinamerikaner, dabei womöglich die spezifisch europäische Idee des Sozialstaats ausdifferenziert, könnte interessant werden. Sein Vorgänger Johannes Paul II. (1978-2005) hat 1988, weniger als ein Jahr vor dem Mauerfall, in seinen Reden vor Europaparlament und Europarat die politische Vision eines vereinigten Kontinents bis zum Ural betont. Franziskus wird voraussichtlich stärker eine soziale Vision und den ureuropäischen Wert der Menschenrechte betonen.

Seltener und weniger vehement als der Papst aus Polen und vor allem Benedikt XVI. (2005-2013) hat Franziskus bislang vor einem spirituellen Verfall in den Gesellschaften Europas gewarnt. Die Sorge vor einer Verdrängung der Religion aus der modernen Welt stand bei ihm nie so im Vordergrund wie die Sorge um Arme und Benachteiligte.

Zwar schreitet auch in Lateinamerika die Säkularisierung voran. Aber die Entchristlichung weiter Bevölkerungsteile ist wohl nirgendwo stärker als in Europa. Inzwischen dürfte dem Papst aus Buenos Aires diese Situation vertrauter sein. Auch weil der deutsche Kardinal Reinhard Marx einer seiner engsten Berater und gleichzeitig Vorsitzender der EU-Bischofskommission COMECE, ist, die in Brüssel für die katholischen Belange wirbt.

Christoph Schmidt
(KNA)

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