Figurengruppe in der Basilika in Emmaus, Qubeibeh
Figurengruppe in der Basilika in Emmaus, Qubeibeh

17.04.2017

Vom langen Versuch, das biblische Emmaus zu finden Einmal in der Bibel, dreimal auf der Landkarte

60 Stadien, gute 11 Kilometer, gingen zwei Jünger an Ostern nach Emmaus. In welche Richtung sie gingen, ist dabei heute alles andere als klar: Eine Reihe von Orten rund um Jerusalem nennt sich Emmaus.

Kaum entdeckten die Frauen das leere Grab Jesu, berichteten sie den Aposteln davon, so der Evangelist Lukas. Doch statt dorthin (wie in derselben Erzählung des Paulus) machten sich zwei der Jünger begriffsstutzig und ungläubig auf nach Emmaus. Aber wohin gingen sie genau? Nimmt man die verschiedenen Traditionen zusammen, findet sich jenes Örtchen, das ein einziges Mal in der Bibel vorkommt, mindestens dreimal auf der Landkarte.

60 Stadien sei Emmaus von Jerusalem entfernt, gibt Lukas dem Leser als einziges mit auf den Weg. Aus dem Römischen umgerechnet: 60 mal 185,22 Meter, oder 11,1132 Kilometer. Andere Zeugnisse, darunter zwei frühe Landkarten sowie Bibelhandschriften sprechen von 160 Stadien, grob gerundet sind das 30 Kilometer, und damit fast dreimal soweit.

Eine doppelte Verortung heiliger Stätten ist nicht ungewöhnlich im Heiligen Land. Blickt man aber auf Emmaus, den ersten wichtigen Ort nach dem Osterereignis, möchte man sagen: Er ist Legion. Reduziert auf die ernstzunehmenderen Kandidaten bleibt etwa Abu Gosch, das arabische Örtchen an der Autobahn Tel Aviv - Jerusalem.

Favourit auf palästinensischem Gebiet

Etwas weiter, immer noch im Einzugsbereich der wichtigsten Ost-West-Verkehrsachse nahe Latrun, liegt "Emmaus Nikopolis" oder auch Amwas. Der dritte Kandidat und Favorit der Franziskaner als Hüter der katholischen heiligen Stätten, liegt jenseits der grünen Linie und ist damit der einzige auf palästinensisch verwaltetem Grund: Emmaus-Qubeibeh steht seit 700 Jahren und bis zum heutigen Tag in dem Ruf, das biblische Emmaus zu sein.

Zu den 160-Stadien-Kandidaten zählt Nikopolis, in dem Grabungen Bebauungsreste diverser Jahrhunderte zutage förderten: Befestigungsanlagen aus der Zeit der Hasmonäer, jüdische Gräber aus dem 1. Jahrhundert sowie Badehaus, Ölpressen und Gräber samt allerlei Beiwerk wie Keramiken und Schmuck aus römisch-byzantinischer Zeit.

Allen voran Kirchenväter wie Origines und Eusebius identifizierten Nikopolis mit dem biblischen Emmaus, entsprechend zählt eine byzantinische Kirche zu den Funden des heutigen israelischen Nationalparks - an deren Apsismauern auch Überreste einer Kirche aus Kreuzfahrerzeit gefunden wurden. 

Doch die Kreuzfahrer suchten auch nach einer passenderen, sprich: 60-Stadien-Lösung für die Emmausfrage. Sie fanden Abu Gosch und bauten eine bis heute erhaltene Kirche. Richtig durchsetzen konnte sich Emmaus-Abu Gosch jedoch nicht, und so ist der Ort heute vor allem für seine Hummus-Restaurants bekannt. Auch Qubeibeh ist als "Castellum Emmaus" eine Kreuzfahrerentdeckung. Entfernung und topographische Lage an einer der Straßen hinauf nach Jerusalem passten zum biblischen Bericht und so adoptierten die Franziskaner im 14. Jahrhundert den Ort als das biblische Emmaus. Bis heute pilgern jedes Jahr am Ostermontag Christen von Jerusalem zum Franziskanerheiligtum - die einheimischen in Bussen, vor allem deutschsprachige Bewohner und Gäste des heiligen Landes gern auch zu Fuß.

Frage bleibt ungeklärt

Keinen rechten Stand in der Reihe der Emmausorte scheint hingegen das von manchen zeitgenössischen Forschern favorisierte Örtchen Motza zu haben: Mit 5,5 Kilometern liegt es gerade mal knappe 30 Stadien westlich von Jerusalem, und auch Überreste christlicher Verehrung suchte man bisher an der vom jüdischen Historiker Josephus Flavius als "Ammaous" bezeichneten und später als Colonia bekannten Stätte vergebens. Die Entfernung wird auf der Suche nach dem wahren Emmaus immer wieder ins Spiel gebracht: Schließlich machten sich die Jünger bei Lukas, kaum hatten sie, in Emmaus angekommen, Jesus an der Geste des Brotbrechens erkannt, auch schon wieder auf den Rückweg bergauf nach Jerusalem.

Viel spricht für eine 60-Stadien-Strecke; unmöglich scheint aber auch ein Tagesmarsch von 30 Kilometern weder für heute noch für die Zeit Jesu. Endgültig lösen lassen wird sich die Emmausfrage nach gegenwärtigem Forschungsstand nicht. Da die meisten Pilger heute ohnehin nicht zu Fuß nach Emmaus ziehen, können sie es gelassen angehen - und mit kurzen Wegstrecken gleich mehrere mögliche Orte besuchen, wo vielleicht einst das biblische Emmaus stand.

Andrea Krogmann
(KNA)

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