01.04.2013

Wettstreit mit historischen Wurzeln Ei, wo laufen sie denn?

Es ist ein einmaliges Spektakel, das sich am Ostermontag in Remlingen bietet: Zwei junge Männer treten beim Eierlauf gegeneinander an. Der Wettstreit hat historische Wurzeln. Er geht auf den Verzicht von Gräfin Castell auf den Eierzehnten zurück.

Beinahe hätten deutsche Behörden einem jahrhundertealten Brauch in Remlingen den Garaus gemacht. Aber nur beinahe. Seit Jahrhunderten treffen sich in dem 1.500-Seelen-Dorf im Landkreis Würzburg die jungen, unverheirateten und nicht vorbestraften Burschen am Ostermontag zum Eierlauf. Ein nicht ganz ernstgemeinter Wettstreit, bei dem es nur um die Ehre geht. Zum festlichen Treiben gehört auch die Eiermaß: ein Liter Bier mit vier verquirlten Eiern. Im vergangenen Jahr galt dieses Getränk plötzlich als "Salmonellenschleuder". Dank moderner Technik wird es die Eiermaß auch diesmal wieder geben - zum 275. Jubiläum des Eierlaufs.

Der traditionsreiche Remlinger Eierlauf geht auf eine großzügige Geste von Gräfin Dorothea Renata von Castell-Remlingen im Jahr 1738 zurück. Die Adelige verzichtete damals dauerhaft auf den zehnten Teil der Eier - wenn die Remlinger ihr zu Ehren jährlich am Ostermontag ein Volksfest samt Wettstreit organisieren. "So ist der Remlinger Eierlauf entstanden", erklärt Eierlauf-Bürgermeister Micha-Patric Haus, der das Spektakel seit Jahren mitorganisiert.

Seitdem hat sich am Brauch nichts verändert - ausgefallen ist er nur während der Weltkriege: "Lassen wir ihn einmal unbegründet ausfallen, darf er nie wieder stattfinden."

"Hasen" müssen Eier einsammeln

Am Ostermontagmorgen ziehen die Burschen durch die fünf Remlinger Ortsviertel, die jüngsten Teilnehmer sind jeweils die Konfirmanden des Vorjahres. Die "Hasen" müssen an jeder Haustüre klingeln und mit dem Spruch "Hat der Has' scho' gelecht?" Eier einsammeln. "Gekocht, bunt, aus Plastik, Styropor und Schokolade - es ist alles mögliche dabei", sagt Eierlauf-Bürgermeister Haus. Am liebsten seien den Burschen aber rohe Eier. Denn mit ihrer Ausbeute gehen die inzwischen durch den ein oder anderen Schnaps ziemlich angeschickerten jungen Männer ins Gasthaus und lassen sich dort vom Wirt ihre Eier als Mittagessen ausbraten.

Zwei von ihnen haben die Stärkung auch besonders nötig - nur wer, das steht zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest. Erst gegen 14 Uhr, wenn sich die Burschen mit den geflochtenen Birkenruten in der Ortsmitte treffen, entscheidet sich, welche beiden dieses Jahr die Hauptrollen bekommen. Jeder Bursche zieht ein Los - wer Glück hat, bekommt ein blankes Stück Papier. Einer aber wird so zum "Läufer", ein anderer zum "Sammler". Die zwei treten kurz später in einem illustren Wettstreit gegeneinander an, der deutschlandweit einmalig ist: Während der Sammler 75 Eier aufheben muss, steht dem Läufer ein langer Sprint bevor.

75 Eier warten auf den Sammler

Unter lautem Gebrüll und Gejohle ziehen die Burschen an den Festplatz zum Zentberg - der seinen Namen vom Zehnten hat, auf den die Gräfin einst verzichtete. Dort warten auf den Sammler die 75 Eier, alle im Abstand von je zwei Fuß gelegt. Diese Eier muss der junge Mann nun einsammeln - angefangen beim weitest entfernten - und in den Korb am Startpunkt legen. Derweil rennt der Läufer zum 2.130 Meter entfernten Eierlaufstein, in den Händen hält er zwei rohe Eier.

Eines der zwei Eier muss er am Stein zerschlagen. Gelingt ihm das nicht, weil er sie bereits auf dem Weg dorthin fallen lässt und zerdeppert, hat er verloren.

"Das klingt zunächst mal alles recht einfach", sagt Eierlauf-Bürgermeister Micha-Patric Haus. Aber die Männer seien in der Regel «alles andere als nüchtern». Außerdem sei das ständige Losrennen und Anhalten für den Sammler körperlich anstrengend, während der Läufer "ziemlich einsam" die mehr als vier Kilometer hinter sich bringen muss. Der Sammler indes wird vom Gejohle der Zuschauer an der Eier-Geraden angefeuert. Dass eine der beiden Aufgaben einfacher zu handhaben sei, "kann man nicht sagen", erläutert Haus. In den vergangenen 20 Jahren hätten sich die Siege unter Läufern und Sammlern ziemlich ausgewogen verteilt.

Allen Anstrengungen für die beiden Hauptakteure zum Trotz: Jedes Jahr beteiligen sich aufs Neue um die 50 junge Männer am Eierlauf.

Allein an der Siegprämie kann es nicht liegen. Neben der Ehre winkt dem Sieger erst einmal eine Eiermaß - und anschließend ein zechfreier Nachmittag und Abend. Außerdem dürfen beide Wettkämpfer je einen Ehrentanz mit der Dame ihrer Wahl absolvieren.

Daniel Staffen-Quandt
(epd)

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