Symbolbild Religionsfreiheit
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KIRCHE IN NOT / Ostpriesterhilfe Deutschland e. V.
KIRCHE IN NOT / Ostpriesterhilfe Deutschland e. V.

23.04.2021

Kirche in Not warnt: Religionsfreiheit in vielen Ländern bedroht "Die Tendenz zeigt nach unten"

Die Religionsfreiheit ist in vielen Ländern nicht vorhanden oder sehr eingeschränkt. Das zeigt der neue Report "Religionsfreiheit weltweit" des päpstlichen Hilfswerks Kirche in Not. Für Sprecher Tobias Lehner geben die aktuellen Zahlen Anlass zur Sorge.

DOMRADIO.DE: Warum besorgt Sie die Lage der Religionsfreiheit weltweit?

Tobias Lehner (Sprecher "Kirche in Not"): Mittlerweile hat Kirche in Not einen sehr guten Überblick bekommen, was die Lage der Religionsfreiheit angeht. Wir haben unseren Bericht "Religionsfreiheit weltweit" jetzt zum 15. Mal in Folge herausgegeben. Seit 1999 kommt er alle zwei Jahre raus. Leider ist dieser Bericht immer umfangreicher geworden, denn leider ist auch die Religionsfreiheit in vielen, vielen Ländern eingeschränkt. Die Tendenz zeigt leider nach unten.

Wir haben eine Rankingliste erstellt von Ländern, deren Religionsfreiheit nicht geachtet wird. Wir haben 196 Länder der Welt untersucht und dabei feststellen müssen, in einem Drittel gibt es schwere Einschränkungen der Religionsfreiheit. Das betrifft zwei Drittel der weltweiten Bevölkerung. Das muss man sich mal vorstellen. Es sind sehr bevölkerungsreiche Länder darunter. Nicht jeder, der dort lebt, ist verfolgt und bedrängt, das ist auch klar, aber kann seine Religion, seine Glaubensüberzeugungen nicht so leben, wie er oder sie das vielleicht gerne möchte. Und das betrifft im Übrigen nicht nur die Christen, sondern auch viele, viele andere Religionen und Glaubensgemeinschaften.

DOMRADIO.DE: Unter Beobachtung stehen auch Länder wie Israel oder Südafrika. Was heißt das für die Religionsfreiheit dort?

Lehner: Bei der Kategorie "unter Beobachtung" stellen wir fest, dass es einfach Eigentumsdelikte gegen Gotteshäuser, gegen Kirchen, gegen Synagogen, gegen Moscheen gibt. Denken wir an die Ausschreitungen, die wir im vergangenen Jahr aus Chile usw. gesehen haben, wo oft ein kleiner Funke ausreicht und es sofort zu Ausschreitungen kommt, die sich auch gegen religiöse Symbole, gegen religiöse Gebäude richten. Und da wollen wir einfach den Appell machen: Schaut da gut drauf, was da passiert.

Es sind oft keine religiösen Auslöser, es sind soziale Gefälle, es sind Demonstrationen, es sind bestimmte Gruppen, die sich politisch Gehör verschaffen wollen. Aber oft ist da auch eine sehr religiöse Komponente dahinter. Was mal wieder zeigt, dass Religionsfreiheit nicht ein untergeordnetes Menschenrecht ist, den Eindruck könnte man manchmal haben. Über Menschenrechte sprechen alle, über Religionsfreiheit, da wird es schon schwieriger, obwohl es wirklich den Wesenskern betrifft. Wo Religionsfreiheit eingeschränkt ist, sind eben andere Menschenrechte auch betroffen. Das beginnt in der Meinungs- und Versammlungsfreiheit und da wollen wir einfach den Appell geben: Schaut da ganz gut hin. Und da wollen wir den Blick der Öffentlichkeit, wie wir es mit unserer Pressekonferenz gemacht haben, auch darauf lenken.

DOMRADIO.DE: Auch die Corona-Pandemie hat ja die Religionsfreiheit vielfach beeinflusst, schreiben Sie in Ihrem Report. Als Beispiel führen Sie da islamistische Terrorgruppen an, die die Corona-Pandemie als Argument benutzen, um Gesellschaften zu diffamieren. Inwiefern?

Lehner: Wir haben beobachtet, dass zum Beispiel in afrikanischen Ländern sehr, sehr viel natürlich auch im Internet gearbeitet wird, wo in einigen Ländern, gerade in den Ländern südlich Subsahara-Afrika, also in den Gebieten der Sahelzone, junge Menschen rekrutiert werden, wo islamistische, dschihadistische Gruppen, sollte man wohl besser sagen, Postings veröffentlicht haben: "Corona ist die Strafe Gottes für die Dekadenz des Westens. Wir wollen dagegen vorgehen." So werden junge Männer, vor allem Jugendliche, rekrutiert. Und das ist natürlich schon Anlass zur Sorge.

Wir haben auch in Pakistan, wo die Christen ja eine minimale Minderheit sind, festgestellt, dass die bei der Verteilung von Hilfsgütern benachteiligt worden sind. Wir haben aber auch das Gegenteil erlebt, auch oft in denselben Ländern. Das gehört auch dazu, dass nämlich Christen und Muslime eng zusammenrücken. Mir ist eine Erzählung von einem pakistanischen Geistlichen im Ohr, der gesagt hat, es hat sofort ein reicher Muslim, ein Nachbar einer Kirche gesagt, ich unterstütze, ich helfe euch, damit ihr eure Gläubigen versorgen könnt, die ja von heute auf morgen wegen Corona, wegen des Lockdowns ohne Einkommen dagestanden sind und eben auch von den Gemeinden versorgt wurden.

Es zeigt diese Tendenz, es liegt sehr oft beieinander. Also, die alte Brunnenvergifter-Legende, es waren die Christen, es waren die Juden, die solche Pandemien ausgelöst haben - völliger Unsinn. Rekrutierung von jungen Menschen, die solchen Verschwörungstheorien hinterherlaufen, aber auch die Tendenzen, wir stehen zusammen, wir halten zusammen, uns ist auch wichtig, nicht nur die Schattenseiten, auch wenn die größer sind, zu dokumentieren, sondern auch die Lichtblicke. Und die gibt es, Gott sei Dank, auch noch.

DOMRADIO.DE: Was muss denn geschehen? Welche Forderungen haben Sie an die Politiker, die sich doch noch mehr für das globale Recht auf Religionsfreiheit einsetzen könnten?

Lehner: Keine und doch ganz viele. Vielleicht implizit keine. Wir sind keine politische Organisation. Unsere Mission ist natürlich bedrängten, verfolgten Christen in erster Linie zu helfen. Mit "Religionsfreiheit weltweit" machen wir den Blick, auch weil wir natürlich in den 140 Ländern, in denen wir tätig sind, sehen, es geht nicht nur die Christen an. Es geht auch andere religiöse Minderheiten an, oft sogar Mehrheiten.

Unsere erste Aufgabe ist zu informieren und den Blick darauf zu lenken. Wir haben mit "Religionsfreiheit weltweit", der Gesamtbericht ist im Internet veröffentlicht, 196 Länderporträts. Jeder und jede Interessierte kann sich einen Überblick verschaffen, was dort in den letzten beiden Jahren passiert ist, welche Vorfälle es im Hinblick auf Religionsfreiheit gab, wie die Perspektiven auch für dieses Land sind. Das ist das Erste. Wenn sich da Politik und Öffentlichkeit bedienen, ist uns schon viel geholfen.

Wenn sie in einem zweiten Schritt auch an diese Menschen denken, und jetzt kommt natürlich der christliche Aspekt, auch für sie beten. Darum bitten nämlich auch Projektpartner immer wieder. Wenn sie in einem dritten Schritt auch helfen. Das betrifft natürlich Entwicklungshilfe. Da sind wir jetzt bei politischen Vorstellungen, wo wir uns vorstellen können, dass zum Beispiel der Status der Religionsfreiheit in entwicklungspolitische Entscheidungen noch stärker als bisher eingebunden wird. Dann ist natürlich ein Schritt getan. In Deutschland haben wir die Situation, wir haben einen Beauftragten der Bundesregierung für Religionsfreiheit. Das ist wunderbar. Es geht wirklich ums Wahrnehmen, ums Dokumentieren und von dort aus einfach zusammenzustehen und hier in dieser Menschenrechtsdebatte vorwärtszubringen und diese Komponente Religionsfreiheit einzubringen.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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