Gedenken an Sinti und Roma
Gedenken an Sinti und Roma
Letzte Beratung vor Asylantrag
Roma-Jugendliche beantragt Asyl: Noch immer gibt es Vorurteile, sagt Heuss.

02.08.2018

Völkermord an Sinti und Roma: Warum das Erinnern nicht aufhören darf Neue Tendenzen

Die Welt gedenkt heute der Ermordung hundertausenden Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten. Warum es den Tag noch heute braucht, erklärt der wissenschaftliche Leiter des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma.

DOMRADIO.DE: Warum ist es wichtig, auch 70 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus die Erinnerung an die Verbrechen an den Sinti und Roma lebendig zu halten?

Herbert Heuss (Wissenschaftlicher Leiter des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma): Es gibt immer wieder Aussagen, dass man endlich Gras über diese Sache wachsen lassen solle. Und diese Aussagen kommen nicht nur von rechtsextremer Seite. Aber genau die Entwicklung die wir in vielen Ländern sehen heute, die zeigt, wie wichtig diese Tage sind.

DOMRADIO.DE: Welche Entwicklung meinen Sie?

Heuss: Schauen wir nach Italien. Wenn dort ein Innenminister wieder anfängt, zu erklären, man müsse die Sinti und Roma zählen und dann dazu sagt, dass er mit großem Bedauern leider diejenigen behalten müsse, die italienische Staatsbürger sind. Dann verstößt das nicht nur gegen italienisches und europäisches Recht, sondern das steht in der Tradition des Nationalsozialismus.

Und wir haben es in ganz Europa mit einer zunehmenden Gewalt gegen Sinti und Roma zu tun. In der Ukraine gab es in diesem Frühsommer Morde. Aber auch in Bulgarien, in Rumänien gibt es Gewalt gegen Roma – aber auch in Deutschland. Das dürfen wir nicht vergessen. Es gab den Anschlag im Münchner-Olympia-Einkaufszentrum, bei dem neun Menschen erschossen worden sind. Fünf davon waren Sinti und Roma, die in München gelebt haben.

DOMRADIO.DE: Viele sehen in Gedenktagen rund um den Nationalsozialismus eine ewige Schuldenlast, an die immer wieder erinnert wird. Was sagen Sie dazu?

Heuss: Dabei geht es nicht darum, Schuld zu übertragen oder schlechte Gewissen zu produzieren. Sondern es geht darum, die Verantwortung aus dieser Geschichte heute wahrzunehmen. Und das heißt: Ausgrenzung, Stigmatisierung und Diskriminierung entgegenzutreten.

DOMRADIO.DE: Jetzt haben sie es gerade schon angesprochen. In der Westukraine gab es gewalttätige Ausschreitungen gegen Sinti und Roma und in Italien will der Innenminister Sinti und Roma zählen lassen. Was denken Sie woher kommen solche Tendenzen?

Heuss: Wir haben es seit einiger Zeit mit einer Wirtschafts- und Finanzkrise zu tun, die viele Menschen hart trifft. Und es ist in der Situation immer das Einfachste, Sündenböcke zu suchen. Juden in Europa und Sinti und Roma in Europa waren immer diese Sündenböcke. Und es scheint so zu sein, dass Vorurteile nicht zu einfach verschwinden, sondern dass sie sehr schnell wieder aktualisiert werden können, wenn Politiker sie versuchen zu aktualisieren.

Und das passiert dann auch. Einwanderer in die Sozialsysteme sind dann eben sofort Roma. Die Roma, die hier in Deutschland sind, die arbeiten genau so wie alle anderen Migranten hier in Deutschland auch. Es ist eine Legende, dass hier in die Sozialsysteme eingewandert wird.

DOMRADIO.DE: Wie sehen denn in diesem Zusammenhang Ihre Forderungen an die Politik aus?

Heuss: Wir sind sehr froh, dass die jetzige Regierungskoalition nicht nur einen Beauftragten für den Antisemitismus berufen hat, sondern die Koalition auch eine unabhängige Expertenkommission zum Thema Antiziganismus berufen wird.

DOMRADIO.DE: Der Antiziganismus bezeichnet eine bestimmte Form des Rassismus, nämlich gegenüber Menschen, denen zugeschrieben wird, "Zigeuner" zu sein oder sich "zigeunerisch" zu verhalten. Also auch hier wird dann mehr passieren?

Heuss: Diese Expertenkommission wird wahrscheinlich noch in diesem Jahr berufen. Und: Wir sind der Meinung dass der zweite Antisemitismusbericht, der vorgestellt wurde von ausgesprochen guter Qualität war – nicht nur dass er bestimmte Themen genau benannt hat, sondern auch gesagt hat: das und das können wir konkret dagegen tun. Das reicht von Schulbuch und pädagogischen Initiativen bis hin zu politischen Programmen.

Das Interview führte Moritz Dege.

(DR)

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