Gottesdienstbesucher
Flügge: Gottesdienstbesucher wollen normale Sprache

21.04.2015

Strategieberater Flügge kritisiert "verschrobene" Sprache der Kirche "Reden wie beim Bier"

"Die Kirche verreckt an ihrer Sprache" - mit diesem Blog-Beitrag hat der Strategieberater Erik Flügge für viele Reaktionen gesorgt. Im Interview mit domradio.de fordert er verständlichere Predigten, um mehr Menschen in die Kirchen zu bringen.

domradio.de: Starten wir doch mal mit dem Einstieg in den Artikel, da heißt es: Sorry liebe Theologen, aber ich halte es nicht aus, wenn Ihr sprecht. Es ist so oft so furchtbar. Verschrobene gefühlsduselnde Wortbilder reiht ihr aneinander und wundert Euch, warum das niemand hören will. Welche Laus ist Ihnen denn da über die Leber gelaufen?

Erik Flügge (Strategieberater und Blogger aus Köln): Es gab keinen konkreten Anlass. Es ist ein Thema, das mich schon sehr lange beschäftigt, weil ich auch aus der kirchlichen Jugendarbeit komme. Und, dass es mich tatsächlich ärgert, wann immer ich theologisches Sprechen höre. Das gilt natürlich nicht wirklich für jede Person, aber doch, dafür, dass ich fast immer weltfremde Sprache höre, die komplett abweicht vom normalen Sprechen.

domradio.de: Man könnte ja sagen: Soll doch jeder so reden wie er will. Aber Ihr Ausgangspunkt ist ja die Annahme, dass die kirchliche Sprache keiner mehr hören will. Woher wissen Sie das und wenn das so ist, meinen Sie, das wäre mit einer anderen Sprache anders?

Erik Flügge: Es ist natürlich immer eine Mischung aus tatsächlichen Daten darüber, dass immer weniger Menschen in Gottesdienste gehen. Dass Kirche von sich selber weiß, dass sie da ein Problem hat. Aber es ist auch ganz persönliches Erleben. Ich habe diesen Artikel am Sonntag veröffentlicht, seitdem kontaktieren mich hunderte Menschen und schreiben mir ihre persönlichen Geschichten mit Kirche. Gestern Abend erzählte mir eine Schulleiterin, dass diese Sprache genau der Grund sei, warum sie es nicht mehr aushalten würde, in Gottesdienste zu gehen. Jemand anders hat mir geschrieben, dass er tatsächlich diesen Predigten nicht folgen kann, weil ihn die Rhetorik so ärgert. Ich mache mal ein Beispiel, dass Gerhard Voss mir geschickt hat. Er sagt:  Das sind diese komischen Kettensätze, die dann in Kirchen gesagt werden, bei denen immer ein Wort aus dem Satz davor aufgegriffen wird, um es fortzusetzen. So Sätze wie: Wir sind heute hier versammelt. Versammelt, um Gott zu begegnen. Gott, der uns das Leben gab. Das Leben in seiner ganzen Vielfalt. Vielfalt, die sich in Toleranz übt. Und so geht es dann eben immer weiter. Das wirkt so bemüht. Und was ich zusätzlich noch dramatisch finde: Es ist immer so langsam. Ich weiß gar nicht, warum man so langsam sprechen muss. Es gibt, glaube ich, keine Sendung im deutschen Fernsehen, in der langsamer gesprochen wird, als beim Wort zum Sonntag.

domradio.de: Sie haben es gerade selber angedeutet: Es gibt eine kirchliche Vorgeschichte in ihrem Leben. Das heißt, diese Beobachtungen werden Ihnen wahrscheinlich nicht erst am Wochenende gekommen sein, oder?

Flügge: Ich glaube, das ist was, was jeder kennt, der mit Kirche zu tun hat. Man redet bei einem Bier oder im normalen Gespräch mit den Leuten auf Augenhöhe im ganz normalen Sprechen. Dann beginnt ein Gottesdienst, irgendjemand tritt nach vorne und beginnt plötzlich, in eine fremde Rolle zu schlüpfen. Sie haben vorhin selber gesagt: Jeder soll doch so sprechen, wie er will. Das besondere scheint mir, dass in den Gottesdiensten eben nicht so gesprochen wird, wie die Leute sind, sondern dass alle eine seltsame, verschrobene theologische Rolle einnehmen.

domradio.de: Sie heben ab auf solche Ebenen wie „Verständlichkeit“ oder „Authentizität“. In den Kommentaren zu Ihrem Artikel wird auch nochmal der Vergleich thematisiert mit der Sprache der Juristen, die ja auch für viele unverständlich ist. Jetzt könnte man sagen: Dinge wie Schöpfung, Sühnetod, Auferstehung können an Komplexität durchaus mit juristischen Sachverhalten mithalten. Da ist es einfach auch mal gegeben, in eine andere Sprache zu wechseln.

Flügge: Bei den Gesetzen haben wir den Fall, dass wir in relativ einfache Normen übersetzen, was die Leute tun sollen. Und wir haben bestimmte Gerichtsinstanzen, die dann darüber urteilen. Sprich: Ich muss mich an diese Gesetze halten. Das Besondere an unserem Glauben ist aber, dass wir durchaus die Möglichkeit haben, uns zu überlegen, ob wir uns an diese Gesetze halten wollen oder nicht. Gott hat uns ja nicht eingegeben, dass wir als Mensch keine andere Chance haben, als keine freie Entscheidung mehr zur Verfügung hätten. Sprich: Es geht im Glauben und in der religiösen Vermittlung auch immer um Überzeugung davon, dass ich dem folgen will, als freiwillige Entscheidung. Und das unterscheidet es nochmal von der Juristerei.

domradio.de: Und trotzdem ist es eine geschützte Zone. Das Wort „heilig“ kann man an der Stelle vielleicht in den Mund nehmen. Gelten in einem Kirchenraum dann möglicherweise auch andere Regeln. Und macht es das am Ende des Tages vielleicht sogar aus? Ist es nicht gerade auch unter anderem die Sprache, die das sonntägliche Erleben so besonders macht?

Flügge: Ich weiß es nicht. Ich glaube, dass wir einen Unterschied haben: Wir haben den Teil der Eucharistie-Feier, bei dem wir durchaus eine mystische Verklärung wünschen. Wir haben aber auch die Predigt, und die soll nah an die Menschen rankommen. Ich finde ja tatsächlich den Eucharistie-Teil in den meisten Fällen noch wesentlich nahbarer als den Predigt-Teil. Weil der irgendwie eine erlebbare Substanz hat. Wenn wir auch den Protestantismus schauen, ist es nochmal krasser. Da ist die gesamte Glaubensvermittlung sprachbasiert und eben nicht aus Symbolen und Zeichen geschöpft. So dass es da noch viel dramatischer zuschlägt, wenn das, was ich dort erlebe, eine Fremdheitserfahrung ist. Wollen wir ernsthaft eine Kirche, in der die Menschen das Sprechen von Gott als fremd, seltsam und langweilig erleben? Also, ich möchte das nicht.

domradio.de: Ihr Artikel hat schon jetzt enorme Zugriffszahlen erreicht. Und es kommen auch konstruktive Vorschläge, nämlich zum Beispiel: Dann kann doch dieser Erik Flügge mal ein Coaching für Theologen anbieten. Ist das eine Option?

Flügge: Ich war nicht auf der Suche nach einem Geschäftsmodell, sondern wollte tatsächlich was sagen, damit sich was ändert. Ich glaube, es ist auch zu einfach gedacht, zu sagen: Jetzt setzen wir Priesterseminaristen in ein Rhetorik-Training und dann wird das schon alles besser. Es gibt ja kein Kurs, in dem man dieses komplizierte Sprechen lernt. Was passiert ist, dass Leute aus dem Studium in die Kirchengemeinde kommen und sehen sich gefühlt mit der Erwartung konfrontiert, dass man so sprechen soll. Ich glaube, dass zwar niemand die Erwartung hat, aber dann trifft man dort den Ausbildungspfarrer, der spricht vielleicht schon genauso. Man guckt es sich irgendwie ab und dann setzt es sich fort. Also muss eigentlich, damit sich was ändert, eine viel größere Bewegung angestellt werden. Einmal braucht es eine Ansage von oben, die sagt: Wir wollen tatsächlich verständlicher sein und anders sprechen. Und dann muss man sich als eine Gruppe in einer Kirchengemeinde aufmachen und sich gegenseitig auch Rückmeldung geben. Die Leute müssen ehrlich sein und sagen, dass es auch furchtbar war. Sie gehen vielleicht aus dem Gottesdienst und sagen: Der hat wieder einen Scheiß gepredigt. Wie komisch hat der wieder gesprochen. Aber die Rückmeldung kommt beim Pfarrer nie an.

Das Interview führte Daniel Hauser.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Weder domradio.de noch das Erzbistum Köln machen sich Äußerungen der Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen zu Eigen.

 

Erik Flügge ist Strategieberater aus Köln und betreibt einen eigenen Internet-Blog. Vor gut zwei Jahren entwickelte er mit seinem Unternehmen ein Wahlplakat für die SPD in Nordrhein-Westfalen mit dem Titel "Currywurst ist SPD".

(dr)

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