Außenansicht des ehemaligen Klosters Pontigny
Außenansicht des ehemaligen Klosters Pontigny

14.12.2020

Hotelprojekt kauft Urkloster der Zisterzienser Proteste gegen "spirituellen Ausverkauf" in Pontigny

Der freie Blick vom Feld auf die Kirche von Pontigny gehört zu den beeindruckenden Erfahrungen mittelalterlicher Architektur. Von anderer, kommerzieller Seite wird der Blick nun getrübt: Der Staat verkauft das Gelände.

Weinliebhaber denken bei der Region an Chablis; Käsefreunde an den Epoisses, Fußballfans eher an den AJ Auxerre, französischer Meister 1996 und vierfacher Pokalsieger. Für Anhänger mittelalterlicher Architektur lauten die Namen: Vezelay, Sens - und Pontigny. Eine winzige Gemeinde im Departement Yonne im Norden Burgunds und Station auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela: Pontigny, 750 Einwohner, wohl ebenso viele glückliche Kühe am Ufer des Flüsschens Serein und ein Kulturschatz von Weltrang.

Vor allem der Blick von Südosten auf den Chor der freistehenden Abteikirche des 12. Jahrhunderts gehört zu den beeindruckenden Erfahrungen mittelalterlicher Architektur. Pontigny wurde 1114 in einem einst unwegsamen Sumpfgebiet als "zweite Tochter von Citeaux" gegründet. Zwölf Mönche des erst wenige Jahre zuvor entstandenen Zisterzienserordens machten das Land urbar und schufen von hier aus ihrerseits ein Imperium von 43 Tochterklöstern in ganz Europa, bis hin nach Siebenbürgen im heutigen Rumänien.

Bedeutender Ort europäischer Geschichte

Noch während der Erbauungszeit der Kirche rückte das Kloster in den Blickpunkt europäischer Geschichte. 1164 beherbergten die Mönche den aus England geflüchteten Erzbischof von Canterbury Thomas Becket. Der Kontrahent des englischen Königs Heinrichs II. blieb mehrere Jahre - bis der König mit der Schließung aller englischen Zisterzienserklöster drohte. 1170 kehrte Becket in seine Heimat zurück, wo er bald darauf ermordet wurde.

In der Französischen Revolution wurden die Abtei von Pontigny aufgelöst und die meisten Klostergebäude außer der Kirche abgerissen. Der 108 Meter lange, innen wie außen streng weiß wie ein Mönchsgewand gehaltene Kalksteinbau ist die größte erhaltene Kirche des Ordens überhaupt - ein Kleinod der Klosterkunst.

Aus Kloster wird Hotel

Am Freitag nun gab es einen kulturellen Paukenschlag: Ein Hotelprojekt hat den Zuschlag zum Kauf der Domäne Pontigny erhalten. Der Regionalrat Bourgogne Franche-Comte als Besitzerin gab für 1,7 Millionen Euro der Francois-Schneider-Stiftung den Vorzug vor der traditionalistisch-katholischen Priesterbruderschaft Sankt Petrus. Die Bruderschaft wollte auf dem Areal ein Priesterseminar einrichten.

Grund für den Verkauf: Der sozialistisch dominierte Regionalrat wollte die rund 200.000 Euro Unterhaltskosten für die neun Hektar Grün- und 6.000 Quadratmeter Gebäudeflächen loswerden. Auf dem Gelände soll nun ein gehobener Hotelkomplex mit einem Gourmet-Restaurant und einem Zentrum für zeitgenössische Kunst entstehen.

Klosterkirche bleibt in katholischer Hand

Geplant ist auch ein Museum zur Geschichte der Zisterzienser. Ein Schwerpunkt soll laut dem Entwurf auch auf regionalen kulinarischen Traditionen liegen. Tatsächlich hat der asketische, aber wirtschaftstüchtige Orden auch viele von ihnen begründet: Er brachte nicht nur - angeblich über die Kreuzzüge - die weiße Chardonnay-Rebe (mit Anklängen an "schahar adonai", hebräisch für die "Pforten des Herrn") in die nahe gelegenen Weinberge des Chablis. Auch der Epoisses, einer der Lieblingskäse Napoleons und neuerdings wieder mit Auszeichnungen überhäuft, wurde im frühen 16. Jahrhundert von Zisterziensermönchen in Citeaux erfunden.

Der Kauf der Domäne Pontigny umfasst freilich nicht die Nutzung der früheren Klosterkirche selbst - was die Lage verkompliziert. Diese übertrug der Vatikan 1954 als Mutterhaus der katholischen Missionsgesellschaft Mission de France. Sie hat sich eine Neuevangelisierung Frankreichs zur Aufgabe gemacht und will einen offenen Dialog mit allen führen, die dem katholischen Glauben fernstehen. Die Gründung der Gesellschaft markierte damals eine endgültige Abkehr der französischen Bischöfe vom Integralismus, der die komplexen Realitäten der Gegenwart auf religiöse Deutungen reduziert.

"Ausverkauf spirituellen Erbes"

Der Generalvikar der Mission de France, Henri Vedrine, erinnerte daran, dass keiner der beiden Kandidaten im Vorfeld eine Bitte zur Nutzung der Kirche geäußert habe. Der Ortsbischof Herve Giraud, Erzbischof von Sens-Auxerre und geistlicher Leiter der Mission de France, war im Vorhinein nicht in die Konzepte und den staatlichen Entscheidungsprozess einbezogen. Je nach Extensität der Nutzung könnte nun womöglich ein Interessenkonflikt entstehen.

In den Sozialen Medien gab es - erwartbare - Proteste gegen den staatlichen Verkauf an einen kommerziellen Anbieter und einen "Ausverkauf spirituellen Erbes". Über ein "Monastic Chic"-Hotel mit Sterne-Restaurant lästerte ein User. Ein anderer schrieb: "Zwischen einer regionalen Exekutive, die eher Snobs als gute Manager sind, und einem Erzbischof ohne Eier wird die Abtei Pontigny von der Universalität des Christentums auf den kommerziellen Luxus der Eliten übergehen. Ein ziemliches Symbol."

Alexander Brüggemann
(KNA)

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