Illustration Cybermobbing
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US-Präsident Donald Trump
Sieht sich gerne als Opfer: Donald Trump
Anhänger der AfD bei einer Demonstration
Anhänger der AfD bei einer Demonstration

17.11.2019

Warum immer mehr Menschen "Opfer" sein wollen "Ich leide, also bin ich"

Niemand ist gerne Opfer. Aber: Immer mehr Menschen inszenieren sich als vermeintliche Opfer, sagt Buchautor Matthias Lohre. Der Opferschutz gebe eine positive Identität: "Opfersein wertet das eigene Selbstwertgefühl auf, man ist etwas Besonderes."

DOMRADIO.DE: "Das Opfer ist der neue Held". So lautet der Titel Ihres Buches. Gilt das auch für den Schulhof?

Matthias Lohre (Buchautor): Da gerade nicht. Ich habe meinen fünfzehnjährigen Neffen gefragt.

DOMRADIO.DE: Woher kommen denn die Opfer, die Sie meinen?

Lohre: Die Opfer, die ich meine, sind eben nicht die, die wirklich Leid erfahren haben und sich nicht wehren können. Das ist natürlich ein großes Missverständnis. Die Menschen, die ich meine, sind vermeintliche Opfer. Das sind Menschen wie US-Präsident Donald Trump im extremen Fall, die für sich in Anspruch nehmen, von bösen Eliten oder unsichtbaren Kräften verfolgt zu werden und die deshalb Hilfe von anderen einfordern – in diesem Fall von seinen Wählern.

DOMRADIO.DE: Da helfen Sie mir bitte auf die Sprünge: Donald Trump ist der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Er hat Millionen, wenn nicht Milliarden unter seinem Popo. Er ist für mich kein Opfer. Er ist manchmal für mich eine beleidigte Leberwurst.

Lohre: Da fassen Sie ganz gut das erste Kapitel meines Buches zusammen. Das ist der Punkt. Ich möchte keine Opfer verhöhnen, sondern im Gegenteil sagen: "Schaut lieber, wer sich als Opfer inszeniert und das offensichtlich nicht ist!" Donald Trump ist das extremste Beispiel für die Fremdwahrnehmung von außen, also von Leuten, die sagen: "Es kann doch nicht sein. Er ist ein selbsterklärter Milliardär". Und andererseits sagen die Anhänger von Donald Trump: "Doch doch, der ist genauso verfolgt wie wir."

DOMRADIO.DE: Sie haben gerade das Stichwort gesagt. Es sind keine Opfer, aber sie inszenieren sich ganz genau so.

Lohre: Das ist ein, wie ich finde, relativ neuer, aber sehr starker Trend. Wer sich noch vor wenigen Jahrzehnten öffentlich als Opfer bezeichnet hätte, zum Beispiel Ronald Reagan, der wäre ja ausgelacht worden, weil er der mächtigste Mensch der Welt war. Jetzt kann der amerikanische Präsident sagen, er sei ein "victim", ein Opfer. Und es gibt dutzende Millionen Amerikaner, die sich darin wiedererkennen. Und darin, finde ich, sieht man ein sehr starkes Beispiel für diese Entwicklung: Es gibt zig Millionen Menschen, die sich als Opfer finsterer Kräfte sehen, auch als Opfer von Eliten. Und die möchten Opfer-Vertreter haben, die für sie kämpfen. Und das ist zum Beispiel Donald Trump.

DOMRADIO.DE:  Donald Trump ist jetzt ein Beispiel. Haben Sie noch weitere?

Lohre: Es gibt natürlich einerseits auf der eher rechten Seite Donald Trump oder auch die AfD, die immer wieder den Volkstod herbeischreit und behauptet, dass sie eine Mehrheit sei, die von einer Minderheit unterdrückt würde.

Und auf der anderen Seite, bei den eher Linken, gibt es die Vertreter einer Identitätspolitik, die sagen: "Wir werden ständig diskriminiert von einer bösen Mehrheit, die gar nicht versteht, dass sie uns diskriminiert."

Damit will ich nicht sagen, dass Diskriminierungen nicht existieren. Ich möchte aber darauf aufmerksam machen, dass nicht alle, die schreien und sagen, sie seien diskriminiert, daraus einen Lebensstil machen. Und das, finde ich, machen viele Opfer-Vertreter. Sie sagen: "Ich definiere mich dadurch, dass ich diskriminiert und verfolgt werde."

DOMRADIO.DE: Das ist aber interessant, dass es das Opferbild, das Sie skizzieren sowohl links und rechts und in allen Richtungen und politischen Strömungen gibt.

Lohre: Genau. Und da glaube ich, eben etwas Tieferes erkennen zu können. Es geht über politische Lager hinaus. Und meiner Meinung nach gibt es dafür zwei ganz wichtige Gründe. Der eine ist: Unsere Gesellschaft wird immer individueller. Jeder hat seinen eigenen Lebensstil. Das ist einerseits natürlich gut, aber andererseits fehlt den Menschen auch das Gefühl von Zusammengehörigkeit, von Zugehörigkeit, von Gemeinsamkeit. Und das können sie sich schaffen, indem sie sich zusammen mit anderen Menschen zum Opfer erklären.

Das andere ist: "Man sagt, die Welt ist so komplex geworden, es gibt keine positive Utopie mehr, für die ich leben kann. Aber es gibt etwas, von dem ich mich unterdrückt fühlen kann." Und das nimmt halt viel von dem Leistungsdruck, den wir noch fühlen.

DOMRADIO.DE: Verraten Sie uns noch eins: Wo genau liegt der Benefit, sich heutzutage als Opfer zu inszenieren?

Lohre: Heutzutage gibt der Opferstatus eine positiv definierte Identität. Ich leide, also bin ich. Und ich leide, also bin ich von einer gewaltigen Kraft unterdrückt. Und das gibt einem Einzelmenschen auch eine große Bedeutung. Wenn man sich als Verfolgter einer großen Kraft sehen kann, dann ist man nicht einfach nur eine von Milliarden Individuen, sondern man ist etwas Besonderes. So paradox das klingen mag: Aber es wertet das eigene Selbstwertgefühl auf sich als Opfer zu definieren, wenn der Gegner so gewaltig ist.

DOMRADIO.DE: Jetzt sind wir hier bei DOMRADIO.DE. Wir müssen uns auch mit dem Opfer beschäftigen, was für die Kirche sehr wichtig ist: Jesus hat sich für uns Menschen geopfert. So habe ich das gelernt im Religionsunterricht, so wird es verkündet. Wie geht das zusammen mit Ihrer Theorie?

Lohre: Das geht natürlich sehr gut zusammen, denn es gibt verschiedene Definitionen von Opfern. Das Englische trennt da genau zwischen "victim", dem passiven Opfer einer Gewalttat und dem "sacrifice", dem Menschen, der sich mehr oder weniger freiwillig für etwas Höheres opfert, wie in dem Fall auch Jesus. Dieses positiv definierte Opfer wurde ja über Jahrhunderte hochgehalten. Wenn man als Soldat im Ersten Weltkrieg starb, wurde das von den eigenen Landsleuten als "sacrifice" für höhere Werte verstanden, nämlich für das Wohl des Vaterlandes. Aber das Interessante ist, dass die Entwicklung des "victims", also des passiven, machtlosen Opfers, sich stark verändert hat und in den Mittelpunkt gerückt. Das Opfer von heute gibt sich nicht für irgendetwas hin. Das möchte gar nicht wirklich leiden, sondern es möchte für seinen Leidensstatus belobigt werden und Aufmerksamkeit bekommen.

DOMRADIO.DE: Und Anerkennung und natürlich auch Wählerstimmen bekommen, wenn wir jetzt wieder auf die politische Bühne zurückgehen. Aber jetzt gibt's ja andere Politiker, die sich eher als Siegertypen sehen. Wer macht das politische Rennen? Das Opfer, das versucht, Wählerstimmen zu erheischen? Oder der Sieger, der versucht, Wählerstimmen zu gewinnen? 

Lohre: Ich glaube, das ist noch unentschieden. Denn viele, die sich als Sieger darstellen, ziehen ja auch wieder Menschen an, die sich als Opfer verstehen. Opfer denken, sie seien machtlos. Sie halten deshalb nach starken Männern Ausschau, die für sie kämpfen. Das heißt, Opfer ziehen vermeintlich starke Anführer an. Mein Ideal wäre natürlich, dass es weder den Siegertypus noch den Opfervertreter gibt, sondern dass es einen Politikertypus gibt, der uns als erwachsene Menschen anspricht. Politiker, die sagen: Manches können wir lösen, manches müssen wir noch bearbeiten. Aber nichts können wir alleine machen, und wir wissen noch nicht alles, was vor uns liegt. Und wir müssen eigentlich aushalten, dass es ungewiss ist, was vor uns liegt. Und da wünsche ich mir einen Politikertyp, der genau das ausspricht und Wähler, die das gutheißen.

DOMRADIO.DE: Und vielleicht einen Buchautor, der genau das mal zur Sprache bringt. Das haben Sie ja gemacht. Also nochmal, um das klarzustellen: Opfer, die wirklich Opfer von Gewalt, Missbrauch, von sonstetwas werden, die sind nicht tangiert. Es geht wirklich um Menschen, die sich als Opfer inszenieren, um dadurch einen Gewinn für sich selber zu bekommen. Das ist ja, glaube ich, nochmal ganz wichtig zu unterscheiden.

Das Interview führte Andreas Lange.

(DR)

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