Touristen auf einer Kreuzfahrt
Touristen auf einer Kreuzfahrt
Ein Kreuzfahrtschiff
Ein Kreuzfahrtschiff

21.07.2019

Liturgie und Seelsorge auf dem Kreuzfahrtschiff Seelsorger oder Entertainment-Offizier?

Arbeiten, wo andere Urlaub machen: Den Crewmitgliedern auf Kreuzfahrtschiffen geht es so. Auf einigen Schiffen sind auch Seelsorger Teil der Besatzung – trotz Urlaubsstimmung und guter Laune sind sie gefragt.

DOMRADIO.DE: Die Touristen an Bord sind in Urlaubsstimmung – und ich würde vermuten, dass sie dementsprechend gut gelaunt und entspannt sind. Wofür gibt es dann einen Seelsorger auf dem Schiff?

Edgar Hasse (Evangelischer Theologe und Kreuzfahrtseelsorger): Natürlich sind die Gäste zum überwiegenden Teil gut gelaunt. Man sieht das immer bei der Auslauffahrt, wenn das Schiff erstmals den Hafen verlässt. Aber es gibt dann eben doch auch Menschen – gerade auf Weihnachtsreisen – die einsam sind: Singles oder Menschen, die jemanden verloren haben. Für die bin ich da und für Leute, die gerne Gottesdienste feiern.

DOMRADIO.DE: Sie fallen an Bord in die Abteilung "Entertainment" – so, wie die Musiker, Tänzer und Yoga-Lehrer. Ist das nicht etwas seltsam?

Hasse: Am Anfang war ich sogar "Wohlfühl-Offizier", als ich 2010 anfing. Das hat sich in der Begrifflichkeit gewandelt: Alle, die dann zur Unterhaltung beitragen, sind "Entertainer".

DOMRADIO.DE: Wer kommt denn so zu Ihnen? Finden Menschen im Urlaub vielleicht auch wieder mehr Zeit zum Nachdenken, auch für ihre Spiritualität?

Hasse: Vor allem an den Tagen, an denen die Menschen nicht an Land gehen können, kommen einige Dinge hoch, die vielleicht vorher verdrängt wurden: Trauer oder Einsamkeit. Seetage sind dann Seelentage – da ist der Gesprächsbedarf dann häufig größer.

DOMRADIO.DE: Wo liegt der Unterschied zwischen der Liturgie, die Sie bei einer Kreuzfahrt feiern und den Gottesdiensten an Land?

Hasse: Der Unterschied liegt darin, dass man auf einer Kreuzfahrt bzw. auf einem Schiff, erst einmal einen sakralen Raum herstellen muss. Es gibt an Land den Kölner Dom – ein sakraler Raum – aber auf einem Schiff gibt es höchstens ein Theater. Da gibt es diesen sakralen Raum nicht. Da muss man einen Tisch nehmen, der vorher vielleicht ein Kuchenbuffet war, eine weiße Decke drüberlegen und dann ein Kreuz drauf stellen, das manchmal an Bord ist. Oder es wird das Pult, an dem vorher die Passagiere bei den Kellnern ihre Bestellung abgegeben, zur Kanzel.

DOMRADIO.DE: Dafür müssen Sie als Kreuzfahrtseelsorger auch anders vorbereitet sein. Ich weiß, dass es einen Koffer gibt mit allen liturgischen Utensilien, die Sie brauchen, um Gottesdienst feiern zu können. Was kommt da alles rein?

Hasse: Mit dem fahre ich natürlich nicht herum und die Kolleginnen und Kollegen auch nicht. Aber es gibt ihn bei ausgewählten Reedereien an Bord, zum Beispiel auf der MS Europa von Hapag Lloyd. Da ist ein Kreuz drin, da sind elektrische Kerzen drin, da sind Hostien-Oblaten drin. Das sind so die wesentlichen Elemente. Und es gibt auch noch Gesangbücher: katholisch und evangelisch.

DOMRADIO.DE: Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie auf offener See Gottesdienst feiern?

Hasse: Es ist ein erhebendes Gefühl. Insbesondere dann, wenn man in der Antarktis unterwegs ist und an anderen Orten, an die doch eigentlich keine Menschen hinkommen. Wenn man diese großen Tafeleisberge sieht, die teilweise eine Fläche haben, so groß wie der Bodensee, dann hat man eine große Ehrfurcht vor der Schöpfung. Ich benutze gerne das Wort, das "Erhabene" zu sehen. Das ist das Großartige an Gottes Schöpfung. Das macht mich demütig und alle Menschen, die das sehen kehren demütig und beschenkt zurück.

DOMRADIO.DE: Auf jedem Kreuzfahrtschiff gibt es höchstens einen Seelsorger, abwechselnd evangelisch oder katholisch. Wie machen Sie das mit einer Eucharistiefeier für die Katholiken?

Hasse: Einige Kollegen machen es so, dass sie das Abendmahl oder die Eucharistie für alle anbieten. Ich mache das nicht so: Ich zelebriere das Agapemahl, das in der ökumenischen Kirchentagstradition steht. Das ist das alte christliche Liebesmahl, zu dem alle Menschen eingeladen sind: Katholiken und Protestanten.

DOMRADIO.DE: Wo geht es als nächstes für Sie hin?

Hasse: Als nächstes geht es an Weihnachten wieder in die Antarktis – über Südgeorgien. Das ist eine Insel im Polarmeer, auf der es eine alte Walfängerkirche gibt. Das ist eine sehr schöne Kirche an einem ganz blutigen Ort, weil dort zehntausende Wale abgeschlachtet worden sind. Das muss man dann auch erstmal aufnehmen.

DOMRADIO.DE: Abgesehen von diesem speziellen Ort. Ist das auch ein bisschen Urlaub für Sie, oder wirklich reine Arbeit vor angenehmer Kulisse?

Hasse: Es ist beides. Wenn ich in der Kabine bin, dann ist es Urlaub, weil ich dann sozusagen für mich bin. Wenn man dann draußen ist, ist man eine öffentliche Person. Wenn ich an Land gehe, ist es Urlaub. 50 Prozent Urlaub und vielleicht auch 50 Prozent Arbeit – je nachdem, wie man es aufteilt.

Das Interview führte Katharina Geiger.

(DR)

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