Die Sprache des evangelischen Theologen ist feinsinnig und einnehmend
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Im Zwiegespräch: Domradio-Moderator Johannes Schröer und der Autor Christian Lehnert
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Rainer Will vom Katholischen Bildungswerk hat das neue Format "KultUrQuelle" entwickelt
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Die Veranstalter der Lesung: Dr. Martin Bock, Leiter der Melanchthon-Akademie, Rainer Will, Katholisches Bildungswerk und Peter Füssenich, Dombauhütte
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Vor geschichtsträchtiger Kulisse: Dr. Gunther Fleischer, Leiter der Bibel- und Liturgieschule, Moderator Johannes Schröer und Christian Lehnert
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"Mir blieb nur die Theologie", sagt Christian Lehnert über seine akademischen Möglichkeiten in der ehemaligen DDR
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17.11.2018

Lesung mit Christian Lehnert im Baptisterium Mit Poesie auf der Suche nach Sinn…

Wie muss ein gelungener Gottesdienst aussehen? Wie lässt sich ein Zugang zur Liturgie finden? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang Sprache? Der evangelische Theologe und Lyriker Christian Lehnert findet in seinen Werken Antworten.

"Wann immer ich einen Gottesdienst besuche, empfinde ich nach wenigen Minuten eine sonderbare innere Gespaltenheit: Enttäuschung mischt sich mit einer Beseelung, die einem Heimweh gleicht. Ich singe die alten Lieder, die mich teils tief berühren, teils museal befremden, ich bete mit den vorgesprochenen Worten, die mich fortnehmen in ihren Fluß oder mich kopfschüttelnd allein lassen mit ihren stilistischen Mißgriffen, hohlem Pathos oder der geistigen Unbedarftheit des Pfarrers."

"Der Gott in einer Nuß"

Das schreibt Christian Lehnert in seinem Buch "Der Gott in einer Nuß". Und etwas weiter heißt es in demselben Kapitel: "Ich sehe dann tausend Dinge, die man anders (und ich sage bei mir heimlich: besser) machen könnte… Die Gebete höre ich vollgepackt mit abgegriffenen Metaphern und jener unsäglichen Leier von ‚Lass uns…’, ‚Gib uns…’, ‚Guter Gott…’, die kaum noch erträglich ist, wie klebriger Zuckerguß über fauligem Konfekt, zähes Rinnsal einer völlig kontaminierten religiösen Sprache. Alles strömt träg dahin wie die Elbe meiner Kindheit: aufgewirbelter Schlamm, Müll, Schaumkronen, Modergeruch, nur der Erinnerung nach noch ein natürliches Gewässer."

Die Gemeinde verharre dabei, so beobachtet der Autor, "zahm in gnadenloser Einfalt, in blinder Vereinswärme, die über alles hinwegsehen läßt… Kirche als ein kollektives Überredungsritual, ein kuschelig-gemeinsames Augenschließen, das noch gegen die Wahrnehmungen von innen immunisiert."

Doch dann schildert derselbe Verfasser solcher Empfindungen die einsetzende Ambivalenz: "Gleichzeitig bin ich hineingenommen in einen Raum, der mich selbst weit überragt. Ich habe das Gefühl, zu flirren in einem grellen Licht oder zu brummen in einer tiefen Resonanz, deren Grund mir nicht erkennbar ist, oder zu vibrieren in einem schweren Rhythmus oder zu tagträumen, leichthin zu schweben… Und abhängig von allem, was ich wahrnehme, besser: durch alles hindurch, was ich wahrnehme, ist eine andere Aktivität am Werk. Ein Agens, das ich nicht identifizieren kann, erfaßt mich. Ich bin nur sein Stoff, sein Schwingungskörper…"

Aussprache

Mit gleich mehreren solcher in ihrer Aussagewucht verdichteten literarischen Kostproben gestaltete Lehnert, Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts an der Universität Leipzig, seine zutiefst anrührende und gleichzeitig fesselnde Lesung im Kölner Baptisterium. Zumal für Zuhörer, denen Liturgie und Gottesdienst, Religion und ihre Sprachfähigkeit ein echtes Anliegen sind. Das wurde deutlich in der anschließenden Aussprache mit DOMRADIO.DE-Moderator Johannes Schröer.

Schließlich heißt es im Untertitel Lehnerts Buch eher lapidar "Fliegende Blätter von Kult und Gebet" – will sagen: eine konsequente Abhandlung, eine Systematik in den poetischen Einzelbetrachtungen und Meditationen zu den kultischen christlichen Vollzügen, wie Lehnert den zentralen Gegenstand seiner Poesie nennt, will auch er selbst in seinem Werk nicht ausmachen.

Vielmehr sei er mit dem Dargelegten – immerhin sind bereits sieben Gedichtbücher und ein Essay über Paulus im Suhrkamp-Verlag von ihm erschienen – auf der Suche nach Einklang von Seele und Welt, aber eben auch nach Sinn in der Liturgie und die Bedeutung von liturgischen Formen. Und so kreist er inhaltlich um den sonntäglichen Gottesdienst, um das Kyrie, Gloria, Glaubensbekenntnis und Abendmahl bzw. die Eucharistie.

Sehr eigener und doch werbender Weg

Es ist ein sehr eigener und doch werbender Weg, den der 1969 in Dresden geborene Dichter und Theologe einschlägt. Dem – nach eigenen Worten – wegen der Wehrdienstverweigerung in der ehemaligen DDR die meisten Bildungsgänge verwehrt wurden. "Mir blieb nur die Theologie." Gottlob, will man erwidern – angesichts der unverblümten Radikalität, mitunter entwaffnend-kritischen Ehrlichkeit und zweifelsohne einmaligen Begabung, mit der sich Lehnert fortan der sprachlichen Auseinandersetzung stellt bei dem, was ihm zum Wichtigsten wird: der Entdeckung seiner persönlichen Glaubensgeschichte und Christwerdung. Persönlich gefärbt ist daher alles, was er schreibt: seine Gedichte, aber auch seine Prosa und alles, was es da noch an Mischformen gibt, mit denen er sich auf Entdeckungsreise nach dem eigenen Selbst, aber auch der christlich gedeuteten Welt macht.

In die Religion "eingewandert" sei er, schreibt das Wochenmagzin "Die Zeit" über den im besten Sinne literarischen Exoten, der in jeder Zeile für seine Art, die Welt zu betrachten, einnimmt. Dabei bekennt der nicht christlich Aufgewachsene, was den eigentlichen Reiz seiner Schreibkunst ausmacht: "Das Interesse an Religion kam über mein Interesse an der Literatur", der er Mitte der 80er Jahre in den Bücherregalen seiner Eltern begegnet. Der sonst noch in diesem Staat verbreiteten "banal-marxistischen Verbalmechanik" will der Jugendliche ohnehin etwas Individuelles entgegensetzen.

Es ist die "ganz andere Form zu sprechen", die er findet, als er mehr zufällig an der Tür eines evangelischen – und nicht katholischen – Pfarrhauses klingelt und dort im Gespräch "anderen Worten für die Wirklichkeit" begegnet. Bald ereignet sich eine "Erweckung zum Denken", "es kam eine biografische Dynamik in Gang", berichtet er. Und so beginnen ein "Lauschen nach existenziellen Fragen" und eine "Glaubensbiografie", in deren Verlauf er sich der Kunst als "Deutungsform des Lebens" bedient und Poesie wie auch Religion den Theologen bis heute prägen.

Deutungsräume

Jeder vorgetragene Satz ist eine Inspirationsquelle für sich und lässt vor dem geistigen Auge eine Vielzahl an neuen Phantasiegebilden entstehen, was den Zuhörer zu widerspruchlosen Gefolgsleuten macht. Eine unverstellte, manchmal verknappte Sprache, Metaphern und vor allem haarfeine Beobachtungen, die manchmal bis an die Schmerzgrenze gehen, weil sie den Finger in die allzu offene Wunde legen – immer geht es letztlich um die Frage nach Gott und angemessene, vor allem liturgische Ausdrucksformen, sich ihm zu nähern – zeichnen das Besondere dieser Dichtkunst aus.

Es werden viele Fragen gestellt, Deutungsräume aufgerissen und am Ende doch keine vorgefertigten Antworten akzeptiert. Gotteserfahrung entzieht sich jeder Machbarkeit, lautet am Ende eine der Überzeugungen Lehnerts, der an sich selbst seismografisch genau beobachtet, wo sich Widerstand gegen Eingefahrenes, unreflektiert Rituelles regt und wo tiefes unverfremdetes Empfinden und Gottesnähe spürbar werden. An all dem lässt Lehnert seine Leser teilhaben; ein Mann, der ringt: um Wahrheit in der Liturgie und seinen Glauben zwischen erstarrter Religionspraxis und einer Ahnung von Himmel. "Das Wesentliche geschieht außerhalb meiner Wahrnehmungen", sagt er schließlich, der zuvor viel über die "Störung des spirituellen Gleichgewichtssinnes" sinniert hat. Und er warnt: "Manchmal sieht man eben nur die Nussschale – ohne Kern."

Übrigens gibt es in der soeben veröffentlichten Neuerscheinung "Cherubinischer Staub", dem siebtem Gedichtband Lehnerts, auch etwas zu Kaspar, Melchior und Balthasar; wieder etwas gewohnt Anrührendes, das sich der Eichendorff-Preisträger aus dem Jahr 2016 da ausgedacht hat. In jedem Fall etwas ebenso Feinsinniges – diesmal in Reimform –, das bestimmt jedes Kölner Herz bei einer potenziell nächsten Lesung erfreuen würde.

Beatrice Tomasetti
(DR)

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