Bachs h-Moll-Messe in St. Maria im Kapitol
Bachs h-Moll-Messe in St. Maria im Kapitol

17.06.2018

KirchenMusikWoche "Einfach himmlisch!" feierlich eröffnet Mit allen Sinnen Gott begegnet

Bachs h-Moll-Messe bildete zum Auftakt der Kirchenmusikwoche im Erzbistum den musikalischen Rahmen für eine dreieinhalbstündige Eucharistiefeier in St. Maria im Kapitol. Im Zentrum der Liturgie stand der Begriff "Heimat".

Wer bis Punkt Mitternacht ausgeharrt hatte, konnte sich reich beschenkt fühlen. Denn er hatte ein liturgisches Fest mit allen Sinnen erlebt. Die Einbettung von Bachs h-Moll-Messe in eine Eucharistiefeier, ergänzt um sorgfältig gewählte Texte aus der Bibel, aber auch aus der Gegenwartsliteratur zu den aktuellen Themen "Heimatsuche", "Heimatverlust", "Exil" und "Aufbruch", sorgte stellenweise nicht nur für Gänsehautfeeling.

Kette geistlicher Impulse berührten existenziell

Die immer gültigen Worte der Psalmen, aber auch Gedichte von Max Frisch, Hilde Domin, Rose Ausländer oder Christian Lehnert, die eine Stimme aus dem Off in den Kirchenraum setzte, bildeten neben der erhabenen Musik eine Kette geistlicher Impulse, berührten existenziell und vermittelten in der anbrechenden Nacht eine Mischung von Festtagsstimmung und andächtiger Nachdenklichkeit. Musik und Wort – in dieser ungekannten Korrespondenz einander zugeordnet – bewegten, bezogen mit ein, entfalteten Sogwirkung.  

Es war ein ganz besonderer Abend. Denn vieles war anders als sonst. Jedes Detail sprach für sich und hatte seinen wohl bedachten Platz in dieser opulenten Gottesdienstfeier. Statt großartiger Orgelfanfaren zum Introitus, tasteten sich zunächst Kinder einer Kölner Grundschule mit ihren Taschenlampen, den Boden im Dunkeln absuchend, durch den Kirchenraum; und dann setzte auch schon das Kyrie des Chores ein.

Später – das aber erschließt sich erst gegen Ende – werden dieselben Kinder eine Metamorphose durchmachen, sich als Friedensboten verstehen und aufrecht, in bunten T-Shirts strahlend die Kirche wieder verlassen: Die kleinen Flüchtlinge, die heimatlos umherirrten, sind angekommen in ihrer neuen Welt; haben gefunden, was sie nach einer zermürbenden Fluchtgeschichte ersehnt hatten.

Vokalwerk an genuinen Ursprung geholt

Anders erscheint auch die Architektur der romanischen Innenstadtkirche an diesem Abend. Eine ungewöhnliche Ausleuchtung der Konchengewölbe setzt Akzente, hebt filigranes Maßwerk oder die typischen Würfelkapitelle hervor – nicht zum Selbstzweck, eher unaufdringlich und dezent, mehr zur Unterstützung des Gesamtkunstwerkes, als das sich diese Danksagungsmesse mit Domkapitular Dr. Dominik Meiering zum 150-jährigen Bestehen des Diözesan-Cäcilienverbandes zeigt.

Hinter dem Lettner haben der rund 50 Stimmen starke Figuralchor Köln und das Cölner Barockorchester unter der Leitung von Richard Mailänder Aufstellung genommen haben. Für diese Stunden sind die Sänger und Musiker die Protagonisten und gleichzeitig Teil eines einzigartigen und sehr berührenden liturgisch-musikalischen Gesamtgeschehens, das es so nicht alle Tage gibt und das daher eine Vielzahl an Bach-Fans und Liturgiebegeisterte auf den Plan gerufen hat.

Die Kirche ist mit einigen hundert Besuchern gut gefüllt. Sie erleben, was es heißt, eine ursprünglich für den sakralen Raum geschriebene Monumentalkomposition für gemischten Chor und Orchester, das große Vokalwerk, an dem der Leipziger Thomas-Kantor Bach insgesamt 15 Jahre lang immer wieder gearbeitet hat und das gewohnheitsgemäß aufgrund seiner Länge im Konzertsaal musiziert wird, in die Liturgie und damit genau dorthin zu holen, wo eine solche geistliche Komposition genuin hingehört.

"Bach kann man nur etwas letztlich völlig Konkurrenzloses entgegensetzen"

So fremdartig sich zunächst auch der Schlagzeuger Michael Ranta an seinem Percussion-Instrument zur Einstimmung in die Eucharistiefeier ausnimmt, so dezidiert unterbricht dieses in einem Kirchenraum eher ungewöhnliche Element die gefühlte Komfortzone eigener Sicherheit. "Bach kann man nur etwas letztlich völlig Konkurrenzloses entgegensetzen", erklärt Michael Hater. Er ist Mitglied im Figuralchor und Teil der Arbeitsgruppe, die das Konzept zu diesem außergewöhnlichen Projekt entwickelt hat.

Auch der Bonner Liturgiewissenschaftler Professor Albert Gerhards, ebenfalls Teil des Vorbereitungsteams, betont: "Wenn man diese in sich geschlossene Musik aufbricht und sie in die Messfeier einfügt, muss man auch den liturgischen Ambitus weiten." Die traditionelle Vigil, der nächtliche Gottesdienst, habe dafür Pate gestanden, so der Theologe. Bei der Planung sei es darum gegangen, einen Begegnungsraum zu schaffen, "in dem die unterschiedlichen Erfahrungen, kondensiert in den Überlieferungen der biblischen Schriften, der liturgischen Texte, Riten und Künste, besonders der Kirchenmusik, mit den aktuellen Erfahrungen der Teilnehmenden zusammentreffen".

Zur Schaffung dieses symbolischen Raums bedürfe es der Verschränkung der rituellen und musikalischen Ebenen, um ein Nebeneinander zu vermeiden. Eine wichtige Gestaltungsaufgabe sei gewesen, die Gemeinde unmittelbar in das Geschehen einzubeziehen und sie nicht in eine passive Zuhörerrolle zu drängen, erläutert Gerhards. Entscheidend sei, dass sich die Messbesucher als Mitfeiernde erlebten und Gottesbegegnung mit allen Sinnen ermöglicht werde, formuliert auch Michael Hater das pastorale Ziel. Und dass an diesem Abend in St. Maria im Kapitol mit dem Communio-Gedanke eine Antwort auf die Heimatlosigkeit des Einzelnen gegeben werde: nämlich dass es eine letzte Heimat nur bei Gott geben kann.

"Mit Gott und miteinander versöhnt zu leben – das ist wahrhafte Heimat"

Heimat – das stellte auch Domkapitular Meiering in seiner Predigt heraus – sei gerade aktuell als ein Ort erlebbar, von dem man verjagt, herausgesprengt und vertrieben werde mit der unauslotbaren Hoffnung, sie je wieder zu sehen. "Heimat wird zum Nichtort, wo ich nicht mehr bin" –  vergleichbar der Verlorenheit des Paradieses, dem Vertriebensein aus der Vollkommenheit der Schöpfung Gottes. "Wo jetzt andere sind: Okkupanten, Terroristen, marodierende Rotten, die alles zerstören, was uns wert und heilig ist. Für sie ist unsere Heimat nur Beute, Kriegsgewinn. Unsere Häuser, unsere Kirchen und Tempel, unsere Denkmäler und Kunstwerke aus unvordenklicher Zeit werden sinnlos und brutal zerstört. Unser kulturelles Gedächtnis soll ausgelöscht, unsere Identität für immer weggeworfen werden." Für diejenigen, denen die Heimat genommen wurde, sei sie kein kitschiges Reservat kindlicher Sentimentalitäten, sondern Reservoir ihres Bewusstseins, ihrer Weltsicht und Hoffnungssehnsucht.

Nun sei Schöpfungskreativität gefordert: das, was Gott in jedem bei der Erschaffung des Menschen in jedem angelegt habe. "Wir sind daher gefordert, Heimat neu zu schaffen, eine bewohnbare, menschenfreundliche Landschaft zu entwerfen und sie beispielhaft voraus zu leben, vorzuleben." Die Eucharistiefeier sei der Ort, unterstrich Meiering, in der sich der Mensch an seine Heimat, seinen Ursprung und sein Dasein in Gott erinnere. "Eine Gedächtnisfeier an die Herkunft und das Ziel menschlicher Existenz – mit Gott und miteinander versöhnt zu leben – das ist wahrhafte Heimat."

Dass die Messbesucher an diesem Abend etwas von dieser Leben und Heimat spendenden Gegenwart Gottes zu spüren bekamen, war auch das Anliegen von Richard Mailänder. "Mir war wichtig, diese großartige Messkomposition in eine Eucharistiefeier einzubinden", sagte der Erzdiözesankirchenmusikdirektor. "Wenn nicht hier, wo wir in besonderer Weise Gott begegnen, sollte sonst der ihr zugedachte Platz sein!"

Beatrice Tomasetti

(DR)

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