Über den Dächern des Kölner Doms
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Kölner Generalvikar Dr. Dominik Meiering
Kölner Generalvikar Dr. Dominik Meiering
Klaus Maria Brandauer
Klaus Maria Brandauer
Dompropst Gerd Bachner sitzt im Kölner Dom
Dompropst Gerd Bachner sitzt im Kölner Dom

07.03.2018

Kölner Generalvikar über Dostojewski-Lesung im Kölner Dom "Freiheit, Macht, Institution"

Der Weltstar Klaus Maria Brandauer liest im Rahmen der lit.cologne an diesem Mittwoch im Kölner Dom die Parabel "Der Großinquisitor" von Dostojewski. Für den Kölner Generalvikar und Literaturliebhaber Dominik Meiering ein absolutes Highlight.

DOMRADIO.DE: In dieser Parabel von Dostojewski kehrt Jesus im 16. Jahrhundert auf die Erde zurück. Dort trifft er auf den Großinquisitor der katholischen Kirche, der ihm sagt, dass er kein Recht habe zurückzukehren. Er überfordere mit seinen Freiheitsansprüchen die Menschen. Die Menschen sehnen sich nach einer starken Hand und nicht nach Jesus. Wie würden Sie das Kernthema dieser Parabel von Dostojewski zusammenfassen?

Dr. Dominik Meiering (Kölner Generalvikar): Das Thema der Parabel ist Freiheit. Es geht darum, auf welche Art und Weise Menschen ihre Freiheit leben und wie sie damit umgehen können und ob das eine Forderung oder eine Überforderung ist und wie das funktionieren kann. Deshalb ist es ein hochaktuelles Stück. Ich glaube, der Kölner Dom ist ein fantastischer Ort dafür. Denn die katholische Kirche steht ja für Freiheit. Es gehört zum Kern unseres Christentums dazu, diese Freiheit zu verkünden.

DOMRADIO.DE: Der Großinquisitor sagt aber: "Die Freiheit überfordert den Menschen." Ist da nicht auch etwas dran?

Meiering: Ja, natürlich. Der Großinquisitor hat natürlich die entscheidenden Fragen seiner Zeit - die übrigens bis heute Gültigkeit haben - gestellt. Die Bedeutung der Institutionen. Gibt es nicht Menschen, die sich danach sehnen, dass Institutionen für sie die Freiheit einfach wegnehmen, weil sie diese als Qual erleben? Genauso wird es da formuliert. Ich denke an Menschen, die sich freiwillig irgendwelchen Regimen unterwerfen. Man muss ja nur beispielsweise in die Türkei schauen. Da gibt es Menschen, die geben bewusst und freiwillig ihre Freiheit ab, um dann einer Masse oder einem Führer zu folgen.

DOMRADIO.DE: Das ist gerade heute das Problem. Die komplexe Welt, die uns überfordert. Wir sehnen uns vielleicht manchmal danach, dass uns jemand sagt, was zu tun ist. Das beschreibt auch den Rechtsruck in vielen europäischen Gesellschaften und das macht auch diese Parabel so aktuell, oder?

Meiering: Absolut. Ich glaube, dass man sich natürlich auch als Kirche immer die Frage stellen muss: Was ist an der Kirche jetzt so, dass Jesus damit kritisch umgehen würde? Was würde er vielleicht mit kritischem Blick anschauen? Aber ich glaube, das ist eine Frage, die alles betrifft, jede Institution und jeden, der Macht hat. Freiheit, Macht, Institution. Das sind die drei Themen, die in dieser Parabel thematisiert werden und es ist nicht einfach, da jetzt eindeutige Antworten darauf zu geben. Das gibt Dostojewski übrigens auch nicht. Nachdem er erst Jesus auf dem Scheiterhaufen verbrennen möchte und Jesus ihm dann die blutleeren Lippen küsst, wird Jesus wieder in die Freiheit entlassen und damit ist klar: Jesus ist weiterhin in der Welt gegenwärtig und die Freiheit ist auch weiterhin in der Welt gegenwärtig. Sie wandert mitten unter uns umher.

DOMRADIO.DE: Können wir uns anhand dieser Parabel auch Gedanken über unser eigenes Jesusbild machen? Denn das Tolle an dieser Parabel ist, dass Jesus schweigt. Der sagt nichts.

Meiering: Ja, das ist ganz großartig. Er sagt etwas, indem er am Ende diesen berühmten Kuss gibt und damit eine ganz vielschichtige und vielfältige Antwort gibt auf all das, was ihm vorher gesagt wurde. Das ist bei Dostojewski oft so, dass er versucht, nicht den Glauben als ein System oder als einen dogmatischen Katalog zu vermitteln, sondern im Gegenteil. Dostojewski sagt: "Ich habe eine narrative Theologie. Ich versuche, durch Geschichtenerzählen die entscheidenden Fragen von Gott und dem Menschen zu thematisieren". Das gelingt ihm eben auf diese Art und Weise.

DOMRADIO.DE: Sie haben als Jugendseelsorger diese Parabel auch oft - gerade in der Fastenzeit - mit den Jugendlichen besprochen und diskutiert. Wie kam das an?

Meiering: Super. Für mich persönlich: Welchen Begriff von Freiheit habe ich denn? Machen wir uns nichts vor: Jugendliche, die 15, 16 Jahre alt sind, sehnen sich alle nach einem starken Führer, der vorne weggeht und hinter dem man her gehen kann um dann aber plötzlich konfrontiert zu werden mit der Notwendigkeit für sein Leben selbst Verantwortung übernehmen zu müssen. Das ist etwas, was man will, aber gleichzeitig auch etwas, was einem Angst machen kann. Deswegen waren das immer tolle und fantastische Gespräche, die wir mit den Jugendlichen dort hatten.

DOMRADIO.DE: Warum macht der Glauben frei?

Meiering: Weil ich nur eine Bindung habe und das ist die an Gott. In dem Augenblick, in dem ich diese eine Bindung habe, brauche ich keine andere mehr oder alle anderen Bindungen werden sich dem unterwerfen und dann bin ich ein freier Mensch.

DOMRADIO.DE: Aber der Großinquisitor lockt uns schon ein bisschen auf seine Fährte. Das, was er denkt, sind Gedanken, die durchaus attraktiv sind. Also das ist jetzt nicht nur ein unsympathischer Typ. Denn mit dem, was er denkt, kann man sich auch identifizieren, oder?

Meiering: Absolut. Das ist ja das Spannende. Je mehr man dem Großinquisitor zuhört - es ist ja ein großer langer Monolog -, desto mehr denkt man "Ja, an dieser Stelle hat er jetzt nicht nur Unrecht" und dann erwischt man sich, wie man selbst auf falsche Fährten gelockt wird. Man merkt, dass diese Welt doch nicht so eindimensional ist und vieles von dem, was hier so eindimensional ausgedrückt wird, muss ich eigentlich einmal hinterfragen.

DOMRADIO.DE: Spannend ist ja auch, dass diese Parabel im Kölner Dom vorgetragen wird und dann zu schauen wie der Dom reagieren wird. Wird er den Großinquisitor unterstützen? Wird er Jesus unterstützen? Das wird spannend, oder?

Meiering: Ja, das ist die allesentscheidende Frage. Ich bin mir sicher, dass wir den Dom als ein Ort der Weite, der Freiheit wahrnehmen und er wird in uns diese Parabel nochmal ganz neu zum Klingen bringen. Davon bin ich überzeugt. Ich bin selbst sehr gespannt darauf.

Das Interview führte Johannes Schröer.

(DR)

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